Von der Konjunktur entkoppeltWarum der Dax Rekorde feiert
Von Jan Gänger
Deutschland steckt seit Jahren in einer wirtschaftlichen Schwächephase. Unternehmen bauen Stellen ab, das Wachstum ist gering. Und doch eilt der Dax von Rekord zu Rekord. Wie passt das zusammen?
Die Hoffnung auf eine Entspannung im Konflikt zwischen den USA und dem Iran hat den Leitindex Dax auf ein neues Rekordhoch getrieben. Der Kurssprung wirft eine grundsätzliche Frage auf: Warum steigt der deutsche Leitindex seit Jahren, obwohl Europas größte Volkswirtschaft kaum wächst?
Die Antwort beginnt mit einem häufigen Missverständnis. Wer auf den Dax blickt, glaubt oft, ein Abbild der deutschen Wirtschaft zu sehen. Tatsächlich spiegelt der Leitindex vor allem den Erfolg globaler Konzerne mit Sitz in Deutschland wider.
Rund 80 Prozent ihres Umsatzes erzielen die 40 Dax-Unternehmen inzwischen im Ausland. Ob SAP in den USA Software verkauft, Airbus Flugzeuge nach Südostasien liefert oder Rheinmetall von weltweit steigenden Verteidigungsausgaben profitiert, beeinflusst ihre Gewinne stärker als die Konjunktur zwischen Flensburg und Garmisch. Deutschland ist längst nicht mehr ihr wichtigster Markt.
Dass sich Unternehmensgewinne und deutsche Konjunktur längst entkoppelt haben, zeigen auch die Dividenden. Nach Berechnungen der Dekabank zahlen die Dax-Unternehmen in diesem Jahr knapp 57 Milliarden Euro an ihre Aktionäre - so viel wie nie zuvor.
MDax läuft hinterher
Neben den Unternehmensgewinnen sorgt derzeit ein weiterer Faktor für Rückenwind. Internationale Anleger richten ihren Blick wieder stärker auf europäische Aktien. Nachdem jahrelang vor allem amerikanische Technologiewerte gefragt waren, erscheinen viele europäische Unternehmen vergleichsweise günstig bewertet. Davon profitiert auch der Dax.
Ein realistischeres Bild, wie es der heimischen Wirtschaft tatsächlich geht, zeichnet der MDax. Dort sind viele mittelgroße Unternehmen vertreten, deren Geschäft deutlich stärker am Standort Deutschland hängt. Dazu zählen bekannte Namen wie Lufthansa, aber auch das Verpackungsunternehmen Gerresheimer und die Werbefirma Ströer. Viele produzieren schwerpunktmäßig in Deutschland, zahlen hier hohe Energie- und Arbeitskosten und sind zugleich stark vom schwächelnden China-Geschäft abhängig. Insofern schlagen sich die Probleme der deutschen Volkswirtschaft hier stärker nieder. Der Unterschied zeigt sich auch an der Kursentwicklung: Während der Dax in den vergangenen drei Jahren rund 65 Prozent zulegte, gewann der MDax lediglich 16 Prozent.
Hinzu kommt, dass auch der MDax den Mittelstand nur teilweise widerspiegelt. Viele Familienunternehmen, die unter hohen Energiekosten, Fachkräftemangel oder schwacher Nachfrage leiden, sind gar nicht börsennotiert. Wer den Zustand der deutschen Wirtschaft am Dax ablesen will, schaut deshalb auf den falschen Index - und oft sogar auf die falschen Unternehmen.