Wirtschaft

Keine Panik wie 2022Warum die Energiekrise (noch) nicht zurückkehrt

03.03.2026, 18:22 Uhr
imageVon Max Borowski
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An den Tankstellen ist der steigende Ölpreis sofort zu spüren. (Foto: REUTERS)

An den Börsen schnellen die Preise für Gas und Öl in die Höhe. Warnungen vor einer Rückkehr der Inflation werden laut und Erinnerungen an die Energiekrise ab 2022 wach. Doch der Energiemarkt hat sich grundlegend verändert.

Die Nachricht klingt dramatisch, und sie ist es auch: In einem nur aus zwei Sätzen bestehenden Statement teilte der staatliche Energiekonzern Qatar Energy mit, dass er nach "militärischen Angriffen" auf zwei seiner Standorte die Produktion von LNG "eingestellt" habe. Katar lieferte bis zu diesem Montag rund ein Fünftel des weltweiten Flüssiggasbedarfs. Zum ersten Mal in drei Jahrzehnten stellt Qatar Energy seinen Betrieb nun ein.

Die Reaktion an den globalen Finanzmärkten folgte innerhalb von Minuten: Die Gas-Futures - Terminkontrakte für Gaslieferungen in den kommenden Monaten - in Europa sprangen in die Höhe. Angesichts der Blockade der für Exporte aus der Golfregion unverzichtbaren Straße von Hormus durch den Krieg stiegen auch die Ölpreise weiter. Warnungen vor einem starken Anstieg der Inflation und einem Einbruch der Konjunktur folgten.

Vergleiche mit der Energiekrise 2022 infolge des russischen Kriegs gegen die Ukraine liegen nahe. Zur Erinnerung: Damals musste Deutschland seinen wichtigsten Energielieferanten Russland in kurzer Zeit nahezu komplett ersetzen. Nicht nur Gas- und Treibstoffpreise, sondern die gesamten Lebenshaltungskosten schossen in die Höhe. Die Inflation stieg zum ersten Mal seit Jahrzehnten in Deutschland auf knapp neun Prozent. Energieintensive Branchen gerieten in Existenznot und mussten teilweise ihren Betrieb einstellen. Trotz milliardenschwerer Subventionen, unter anderem mit einer Gas- und Strompreisbremse, rutschte die deutsche Wirtschaft in eine Rezession, von der sie sich bis heute nicht ganz erholt hat.

2022 herrschte nackte Panik am Markt

So schmerzhaft ein erneuter Anstieg der Energiepreise ist - eine Wiederholung der tiefen Krise von 2022 und 2023 droht Deutschland derzeit nicht.

Die Erdgas-Futures haben sich in den vergangenen Tagen zwar stark verteuert. Von der nackten Panik am Energiemarkt 2022/23 sind sie aber - noch - weit entfernt. In der Spitze stieg der Kontrakt für Lieferungen im April am Dienstagmorgen auf knapp 60 Euro pro Megawattstunde. Das entspricht fast einer Verdopplung seit Kriegsbeginn. Der Höchstwert 2022 betrug mit 345 Euro allerdings ein Vielfaches davon.

Dass der Gasmarkt trotz Ausfall des größten Produzenten nicht in dieselbe Panik verfällt wie vor vier Jahren, hat mehrere Gründe. Zum einen hat sich das Angebot von LNG seitdem stark vergrößert. Experten sprechen sogar von einer sich abzeichnenden LNG-Schwemme. Nicht nur Katar hat seine Produktion stark erhöht, vor allem die USA - inzwischen Deutschlands Haupt-LNG-Lieferant - haben ihre Exportkapazitäten stark ausgebaut. Dank dieses Überangebots waren die Preise vor allem im Laufe des letzten Jahres stark gesunken.

Hauptkunde für katarisches Gas ist China, das fast ein Viertel der Exporte aus dem Golfstaat abnimmt. Anders als damals Deutschland, das sich bis zum Angriff auf die Ukraine komplett auf Russland als Energielieferant verlassen und abhängig gemacht hatte, ist China viel flexibler aufgestellt. Es hat nicht nur eine bedeutende eigene Gasproduktion und mit Russland einen weiteren großen Lieferanten für LNG und Pipelinegas. Chinas Wirtschaft kann einen signifikanten Teil des Gasverbrauchs durch Kohle ersetzen. Das gilt für die Energieerzeugung in Kraftwerken und Industrieanlagen, aber auch für einen Teil des Bedarfs an Erdgas als Grundstoff etwa für die Düngemittelerzeugung.

China dämpft den Preisanstieg auch für Deutschland

In Deutschland konnte die Industrie in der Krise ihren Gasverbrauch kurzfristig nur durch das Herunterfahren oder Einstellen der Produktion senken. Katars Hauptkunde China kann zumindest teilweise auf andere Rohstoffe umstellen. Das dämpft den Preisanstieg infolge des Ausfalls von Qatar Energy zumindest etwas und federt die Folgen des Krieges damit auch für andere Gasimporteure wie Deutschland ab.

Entscheidend für die weitere Entwicklung der Energiepreise und dafür, wie stark sie auf die Inflation durchschlagen, ist die Dauer der Lieferausfälle. Einer Faustformel der Investmentbank Morgan Stanley zufolge treibt ein Anstieg des Ölpreises um zehn Dollar, wie er etwa seit Kriegsbeginn zu sehen war, die Inflation im Euroraum um 0,4 Prozent in die Höhe.

Der Chefvolkswirt der ING, Carsten Brzeski schätzt, dass ein möglicher Sprung des Ölpreises auf 100 Dollar die Inflation in Deutschland auf fünf Prozent steigen lassen könnte. Diese Schätzungen gelten allerdings nur für den Fall, dass der Krieg länger, das heißt über mehrere Monate, anhält. Das wäre bereits schmerzhaft für Verbraucher und eine Belastung für die Konjunktur. Inflationsraten wie in der Energiekrise 2022/2023 sind allerdings nicht zu erwarten.

Die Akteure am Energiemarkt gehen offenbar davon aus, dass der Krieg höchstens ein paar Wochen dauern wird. Deutsche-Bank-Chefanalyst Jim Reid etwa weist darauf hin, dass US-Präsident Donald Trump kein Interesse an hohen Energiepreisen hat. In den USA beginne bald der Wahlkampf für die im Herbst anstehenden Zwischenwahlen. "Die Lebenshaltungskosten sind hierbei ein Schlüsselfaktor, und ein anhaltender Anstieg der Ölpreise wäre eindeutig wenig hilfreich", schreibt Reid. Allerdings, so gibt der Analyst zu bedenken, sei die Unsicherheit "sehr hoch", wenn es darum gehe, die Ziele der US-Regierung einzuschätzen.

Quelle: ntv.de

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