Wirtschaft

Kommt das Referendum? Warum die Wirtschaft einen "Brexit" fürchtet

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Viele Briten können einem "Brexit" durchaus Positives abgewinnen. Konzernchefs eher nicht.

(Foto: Reuters)

Verlässt Großbritannien die Europäische Union? Gewinnt Premier Cameron die Parlamentswahl, wird ein "Brexit" wahrscheinlicher. Für die Wirtschaft wäre der Austritt der Briten eine ganz schlechte Nachricht.

Die Europäische Union ohne Großbritannien? Für Unternehmen auf beiden Seiten des Kanals ist das ein überaus unerfreuliches Szenario. Doch sollte Premierminister David Cameron die heutige Parlamentswahl gewinnen, rückt das Vereinigte Königreich einem EU-Austritt näher. Denn der konservative Politiker hatte im Vorfeld angekündigt, spätestens im Jahre 2017 die traditionell europakritischen Briten durch ein Referendum über den Verbleib in der EU abstimmen zu lassen.

Ob es dazu kommt, ist noch offen. Fest steht allerdings, dass aus Sicht von Wirtschaftsvertretern ein "Brexit" schlecht wäre – und zwar sowohl für Großbritannien als auch für den Rest der EU. Konsens ist auch, dass die Folgen für das Vereinigte Königreich sehr viel härter wären als für die anderen EU-Mitgliedsstaaten.

Das liegt vor allem daran, dass Großbritannien wohl den europäischen Binnenmarkt verlassen müsste. Die dortigen Unternehmen würden damit den ungehinderten Zugang verlieren und müssten auf die Vorteile eines freien Verkehrs von Personen, Kapital, Waren und Dienstleistungen verzichten. Umgekehrt würde es für Europas Unternehmen umständlicher und teurer, in Großbritannien Geschäfte zu machen. Ein Austritt würde die Kosten des Handels zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich spürbar erhöhen und die Handelsaktivitäten verringern.

In Zahlen ausgedrückt: Durch einen "Brexit" könnte das britische Bruttoinlandsprodukt bis ins Jahr 2030 um bis zu 14 Prozent oder 313 Milliarden Euro niedriger ausfallen, schätzt eine Studie der Bertelsmann Stiftung und des Ifo-Instituts. Einsparungen wie der Wegfall der EU-Haushaltszahlungen, die derzeit bei rund 0,5 Prozent des britischen BIP liegen, würden die wirtschaftlichen Verluste bei Weitem nicht kompensieren. Einzelne britische Branchen würden unterschiedlich hart getroffen. Die Chemieindustrie könnte fast elf Prozent ihrer Wertschöpfung einbüßen, die Finanzdienstleister knapp fünf Prozent.

Für den Rest der Eurozone wären die Kosten weniger heftig, aber dennoch hoch. Die Einbußen Deutschlands beziffert die Studie auf bis zu knapp 58 Milliarden Euro. Die Zahlungen Großbritanniens an die EU müssten andere Staaten übernehmen. Die Bundesrepublik müsste jährlich rund 2,5 Milliarden Euro mehr zahlen als bisher.

"Schon ökonomisch wäre ein 'Brexit' ein Verlustgeschäft für alle in Europa, allen voran für die Briten", sagt der Stiftungsvorsitzende Aart De Gaus. "Neben den wirtschaftlichen Folgen wäre dies aber vor allem auch ein herber Rückschlag für die europäische Integration sowie Europas Rolle in der Welt."

Großbank erwägt Umzug

"Damit Europas Industrie dem unerbittlichen Wettbewerbsdruck standhalten kann, braucht die EU einen großen und dynamischen Binnenmarkt", sagt der Chef des französischen Industriegase-Konzerns Air Liquide, Benoit Potier. Er ist zugleich Vorsitzender des Lobbyverbands ERT, in dem mehr als 50 Vorstands- und Aufsichtsratschefs europäischer Konzerne zusammengeschlossen sind.

Andere befürchten, dass die EU durch einen Austritt Großbritanniens an Einfluss verlieren könnte und dadurch beispielsweise bei Handelsstreitigkeiten mit den USA oder China geschwächt wäre. Das Vereinigte Königreich wäre sogar ganz auf sich allein gestellt.

Eine Umfrage der Unternehmensberatung Grant Thornton unter 2600 Wirtschaftsführern in 36 Ländern kommt zu dem Ergebnis, dass sie Folgen eines "Brexits" als sehr viel schlimmer einschätzen als die eines Austritts Griechenlands. Demnach sind fast zwei Drittel der Befragten der Ansicht, dass ein "Brexit" negative Auswirkungen auf Europas Wirtschaft hat. Bei einem "Grexit" sind nur 45 Prozent dieser Meinung.

"Den Binnenmarkt zu vollenden und die EU so zu reformieren, dass sie wettbewerbsfähiger wird, ist weniger riskant, als den Weg alleine zu gehen", betont die Bank HSBC und verweist auf eine eigene Studie. Vorsorglich drohte sie, den Konzernsitz bei einem "Brexit" womöglich nach Hongkong zu verlegen.

Quelle: ntv.de