Wirtschaft

Historischer Preisverfall Was ist bloß am Ölmarkt los?

Erst wollen sie fünf, dann zwei, dann einen Dollar - und dann müssen Verkäufer sogar Geld bezahlen, damit jemand ihnen das Öl abnimmt. Der Ölmarkt blickt auf einen denkwürdigen Tag zurück.

Am Morgen sah es noch wie gewohnt aus: Das wird wieder ein normaler, mieser Tag in der Krise am Ölmarkt. Als der Tag endete, rieb man sich dort vor Erstaunen die müden Augen: Der Preis war nach einem beispiellosen Tiefflug in den negativen Bereich abgestürzt. Das heißt: Verkäufer waren bereit, fast 40 Dollar zu bezahlen, damit ihnen jemand ihr Öl abnimmt.

Was war da eigentlich los? Es kommen in Sachen Ölpreis zwei Dinge zusammen. Zum einen lähmt das Coronavirus die Weltwirtschaft und lässt damit die Nachfrage nach Öl wegbrechen. Zum anderen spielt eine besondere Situation eine Rolle: Die Mai-Terminkontrakte für US-Öl der Sorte WTI laufen aus, sie können nur noch bis heute verkauft werden. Und da der Preis ohnehin kräftig fällt, wollten Händler ihre Kontrakte unbedingt loswerden - koste es, was es wolle.

Der Preis für den Terminkontrakt fiel auf minus 37,63 Dollar je Fass (159 Liter). Denn die Käufer stehen vor einem gewaltigen Problem: Kaum jemand braucht Öl, die Lager sind fast voll, die Kapazitäten bald erschöpft. Viele Händler nutzen diese Finanzinstrumente am Markt nur spekulativ. Sie verkauften mit Verlust, weil ihnen sonst die tatsächliche Lieferung des Öls gedroht hätte.

Und wohin mit all dem Öl? Experten schätzen, dass in ein bis zwei Monaten die Tanks weltweit zum Überquellen gefüllt sein werden. Die Pandemie hat die Öl-Nachfrage weltweit um fast ein Drittel einbrechen lassen. "Wer keine Lager hat, muss aussteigen", sagt der Branchenexperte Phil Verleger. In den vergangenen Wochen waren die US-Bestände um knapp ein Fünftel gestiegen und liegen mit gut einer halben Million Barrel auf dem höchsten Stand seit etwa drei Jahren. Am US-amerikanischen Öl-Zentrum Cushing im Bundesstaat Oklahoma waren die Lager vor vier Wochen noch halbvoll, nun sind sie bei 69 Prozent der Kapazität angekommen. Immer mehr Tanker werden als schwimmende Lager genutzt. Die dort geparkte Rohölmenge verdoppelte sich binnen zwei Wochen auf den Rekordwert von 160 Millionen Barrel.

"Jetzt setzt die Realität ein"

Vor diesem Hintergrund stürzte gestern nicht nur der Mai-Kontrakt für WTI ab, auch für andere ging es nach unten. US-Öl zur Lieferung im Juni verlor 18 Prozent auf 20,43 Dollar je Fass. Die Nordsee-Sorte Brent verbilligte sich fast neun Prozent auf 25,57 Dollar. Zum Vergleich: Anfang des Jahres hatte der Preis jeweils noch bei deutlich über 60 Dollar gelegen. Im Jahr 2011 hatte der Ölpreis einen Höhepunkt von 114 Dollar pro Barrel erreicht. Mittlerweile haben sich die Preise zumindest wieder in den positiven Bereich bewegt. Ein Fass WTI kostet nun immerhin 1,10 Dollar.

Und nichts deutet darauf hin, dass sich das Umfeld bald aufhellen wird. Der Erdölpreis war bereits in den vergangenen Wochen wegen der Coronavirus-Pandemie drastisch abgerutscht. Die Nachfrage nach dem Rohstoff hat deutlich nachgelassen. Die Pandemie hat weltweit zu einer drastischen Abnahme der globalen wirtschaftlichen Aktivitäten sowie des Straßen- und Luftverkehrs geführt, weshalb weniger Öl gebraucht wird.

Öl-Analystin Louise Dickson von Rystad Energy meint, das Problem des Überangebots habe sich bereits im März abgezeichnet. Allerdings habe sich der Markt zunächst einer "Preis-Utopie" hingegeben. "Seitdem haben die Händler die Preise auf der Grundlage von Spekulationen, Hoffnungen, Tweets und Wunschdenken hoch und runter geschickt", sagt sie. "Aber jetzt setzt die Realität ein."

Verschlimmert wurde das noch durch einen Preiskrieg zwischen den wichtigen Förderländern Saudi-Arabien und Russland. Weil sich die Opec+, zu der neben den Mitgliedern des Exportkartells weitere Förderländer wie Russland gehören, Anfang März nicht auf eine Förderbremse einigen konnte, drehte Saudi-Arabien den Ölhahn zeitweise bis zum Anschlag auf. Daraufhin einigten sich die großen Exportländer zwar darauf, die Fördermengen ab Mai um knapp zehn Millionen Barrel pro Tag zu drosseln. Das reichte aber nicht aus, um den Preis zu stabilisieren. Denn der Internationalen Energie-Agentur IEA zufolge haben die Beschränkungen des öffentlichen Lebens im April die globale Nachfrage noch stärker einbrechen lassen.

US-Präsident Donald Trump kündigte derweil an, die Rohöl-Vorräte des Landes aufzustocken. Er werde den Kongress um die nötigen Mittel bitten, damit sich die Regierung den "Niedrigpreis-Rekord" am Ölmarkt zunutze machen könne, sagte er und ergänzte: "Es ist eine tolle Zeit, Öl zu kaufen."

Quelle: ntv.de, mit rts/AFP