Wirtschaft

Schluss mit "Londongrad"? Wehe Putin, die Oligarchen müssen nach Moskau zurück

Lange heißt die britische Hauptstadt russische Oligarchen und deren Vermögen willkommen. Mit Moskaus Militäroffensive in der Ukraine dreht sich der Wind. London will den russischen Sumpf austrocknen. Die Aussicht, eventuell in die Heimat zurückkehren zu müssen, dürfte Putins Kumpels missfallen.

"Welcome to Tory Londongrad" ("Willkommen im Londongrad der Konservativen") lautet die Aufschrift auf einem Schild eines Demonstranten auf einer verregneten Londoner Straße. Das Foto muss am Donnerstag für den Leitartikel des "Guardian" herhalten. Es ist ironisch und bitterernst gemeint.

London versinkt im russischen Sumpf. Die Überschrift des Artikels ist unmissverständlich: "Schluss mit Londongrad." Auch der britische "Independent" widmet sein Editorial am Tag des russischen Einmarsches in die Ukraine den umstrittenen Oligarchen in der Hauptstadt: "Das Vereinigte Königreich muss seine Abhängigkeit von russischem Geld beenden", fordert das Blatt.

London hat sich - nicht uneigennützig - zum Paradies für russische Superreiche entwickelt. Die Regierung sei viel zu lange blind für den wachsenden Einfluss der superreichen russischen Drahtzieher auf britischem Boden gewesen, kritisiert der "Guardian", das jahrelange Zögern der Politik sei unentschuldbar. Die Nutznießer des in Großbritannien investierten "schmutzigen Geldes" müssten gefunden und umfassende Sanktionen verhängt werden, um Wladimir Putin "den Preis für seine Aggression bewusst zu machen". "Londongrad als Drehscheibe russischer Macht und Kanal für die Kreml-Vetternwirtschaft" müsse zerschlagen werden.

Seit Jahren prangern Kritiker die Geldwaschmaschinerie in "Moskau an der Themse" oder "Londongrad" vergeblich an. Die Namen spielen auf die russische Hochburg an, samt ihrem Filz, dem korrupten Netzwerk, die sie hervorgebracht hat. Russisches Geld hat sich über die vergangenen Jahre nicht nur ins Herz der Finanzwelt, sondern auch in die oberen Etagen der Politik vorgearbeitet. Nirgendwo sei es einfacher, Geld anzulegen als in London, stellte der Ökonom und Antikorruptionsaktivist Roman Borisovich schon vor Jahren fest. Die Deutsche Welle zitierte den Russlandexperten Ben Judah jüngst mit den Worten: "Geld fließt aus fremden Ländern nach London und niemand stellt Fragen." Judah arbeitet an einem Film #FromRussiaWithCash. Darin will er zeigen, "wie einfach man in London Geld waschen kann - und sich auch die britische Elite dadurch zum Schlechteren verändert".

Der Filz von Londongrad im Visier

Nirgendwo ist das russische Geld in London besser sichtbar als am Eaton Square im wohlhabenden Stadtteil Belgravia, der passenderweise den Spitznamen "Roter Platz" erhalten hat. Laut der Antikorruptionsorganisation "Transparency International" befinden sich fast 150 Häuser in London im Wert von 1,8 Milliarden Euro im Besitz von Russen, die entweder unter Korruptionsverdacht stehen oder eine direkte Verbindung zum Kreml haben - oder beides. Eine Untersuchung der außenpolitischen Kommission des britischen Unterhauses kam bereits vor vier Jahren zu dem Schluss, dass Banker und Immobilienhändler zu wenige Fragen stellen, wenn sie russisches Geld entgegennehmen.

Trotz der Bedenken passierte nichts. Auch die Ankündigung Londons, Aufenthaltsgenehmigungen und Einbürgerungen gegen Investitionen von zwei Millionen Pfund einzukassieren, ließ sieben Jahre auf sich warten. Entsprechende Sanktionen hatte die konservative Regierung bereits 2015 in Aussicht gestellt. Trotzdem wurden seitdem weitere 200 russische Millionäre eingebürgert und nur sieben Anträge auf einen britischen Pass abgelehnt. Erst die Eskalation in der Ukraine scheint etwas ausgelöst zu haben.

Der Wind dreht sich. Am Dienstag reagiert die britische Regierung auf die russische Aggression gegen die Ukraine mit der Ankündigung, dass Vermögenswerte dreier im Erdgas-Geschäft tätiger Putin-treuer Milliardäre eingefroren würden - ebenso wie die von fünf russischen Banken. Dem britischen Premier Boris Johnson schlug dafür viel Kritik entgegen. Die Maßnahmen seien viel zu lasch, so der Vorwurf. Er nannte sie dagegen großmundig die "erste Salve": "Da wird noch mehr kommen, wir werden den Handel mit russischen Staatsanleihen stoppen und russische Firmen daran hindern, sich Geld zu leihen."

Johnson zeigt Entschlossenheit

Ob Johnson seinen Worten Taten folgen lässt oder einknickt wie seine Vorgänger, bleibt abzuwarten. Es wird nicht einfach. Seine Partei hat in der Vergangenheit mindestens zwei Millionen Pfund von Spendern mit russischen Verbindungen erhalten. Die Konservativen profitierten unter Premier David Cameron zum Beispiel von der Großzügigkeit von Vladimir Chernukhin, ehemaliger Vize-Finanzminister Russlands und inzwischen britischer Staatsbürger. Seine Frau Lubov hat mit Theresa May zu Abend gegessen und mit Cameron und Boris Johnson Tennis gespielt.

Doch der Druck in der Öffentlichkeit nimmt zu und Johnson wirkt entschlossen. Gemeinsame Tennis-Matches zwischen Regierungsmitgliedern und Oligarchen stehen derzeit sicherlich nicht auf dem Programm. Und es könnte noch ungemütlicher für Putins Freunde werden. Sollte Russland die Ukraine "auseinandernehmen, und die Oligarchen-Freunde deshalb aus London weggeschickt werden und in Moskau herumhängen müssen, werden sie auf ihn wütend sein", sagt Tyler Kustra, Politikwissenschaftler der Universität Nottingham, dem ZDF.

Der Russland-Kenner ist sich sicher, dass Putin sich das zweimal überlegen wird. Unbeliebt hat sich der Kreml-Chef bei seinen Freunden bereits gemacht. Wegen der Kreml-Aggression und der Reaktion an den Börsen ist ihr Vermögen bereits um viele Milliarden Dollar geschrumpft. Putin baut darauf, dass Geld, Macht und Einfluss seiner mächtigen Oligarchen ausreichen werden, um sich im Luxus-Exil zu behaupten. Aber wenn nicht, sollten sie zurückkehren müssen, dürfte in Moskau schnell schlechte Stimmung herrschen. Vorsorglich bestellte Putin die Oligarchen am Donnerstag zu einem Treffen in den Kreml. Laut der US-Finanzagentur Bloomberg forderte er sie auf, ihn trotz Sanktionen und wirtschaftlicher Einbußen zu unterstützen.

Quelle: ntv.de

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