Wirtschaft

Kippt die Siemens-Alstom-Fusion? "Wer Konkurrenz aus China nicht fürchtet, irrt sich"

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Gegen Chinas Staatsmonopolisten haben Europas Bahnkonzerne weltweit kaum eine Chance.

(Foto: picture alliance / dpa)

Braucht Europa einen europäischen Zug-Giganten, um Chinas Schienenmonopol zu brechen? Ja, meint IG-Metall-Vorstand Jürgen Kerner im Interview mit n-tv.de. "Der Fokus auf Europa ist kleinkariert und überheblich."

n-tv.de: Die IG Metall unterstützt den Plan von Siemens und Alstom, ihre Bahntechniksparten zu fusionieren. EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager droht die Fusion zu kippen. Haben Sie noch Hoffnung?

Jürgen Kerner: Hoffnung ja, aber Realismus ist auch vorhanden. Die Äußerungen der EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager lassen eher darauf schließen, dass sie sich bereits festgelegt hat und auch davon ausgeht, dafür eine Mehrheit in der Kommission zu haben.

Warum halten Sie dann noch an der Fusion fest?

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IG-Metall-Vorstand Jürgen Kerner.

Die westlichen Technologieführer Siemens, Alstom und Bombardier, die alle in Mitteleuropa und sogar überwiegend in Deutschland sitzen, setzen sich in Europa gegenseitig unter Druck. Sie schwächen sich so für die Herausforderungen, die anstehen. Das mit Abstand größte Unternehmen, die chinesische CRRC, verfolgt demgegenüber eine klare Strategie: Wenn der Heimatmarkt erschlossen ist, kommt der Weltmarkt dran. Es wäre somit sinnvoll aus den drei großen Konzernen in Europa zwei zu machen. Wir hätten dann immer noch Wettbewerb, würden aber ein Konstrukt schmieden, das auch auf dem Weltmarkt erfolgreich sein kann.

Das sieht Brüssel aber anders.

Unser Wettbewerbsrecht konzentriert sich immer noch auf den europäischen Markt. Das ist mein Hauptkritikpunkt an der EU. Wir haben immer noch die Denke, dass wir aus industriepolitischer Sicht die Welt bestimmen können. Aber das ist schon lange nicht mehr so. Die Frage ist doch, schaffen wir es in Europa, Unternehmen durch Zusammenschlüsse zu formen, die auf dem Weltmarkt erfolgreich sein können. Das muss jetzt passieren, bevor es zu einer Strukturkrise kommt.

Normalerweise sind Gewerkschaften gegen Megafusionen. Wie viele Jobs würde das Zusammengehen von Siemens mit Alstom kosten?

Es wäre überzogen, Zahlen zu nennen. Es hat Sinn, solche Zusammenschlüsse zu diskutieren, wenn die Auftragsprognosen für eine Branche positiv sind. Denn eine Fusion in einer Konsolidierungsphase wirkt sich zwangsläufig nachteilig auf die Beschäftigten aus. Bei Siemens und Alstom ist es aber anders. Mobilität ist ein Wachstumsbereich. Ein potenzieller Arbeitsplatzabbau durch Synergien ließe sich durch Wachstum kompensieren. So können Arbeitsplätze gesichert werden.

Bislang fahren keine chinesischen Züge auf deutschen Schienen. Woher rührt eigentlich die Angst vor China und seinem Konzern CRRC, dem Siemens und Alstom gemeinsam Paroli bieten sollen?

Schaut man sich das chinesische Hochgeschwindigkeitsnetz und die Struktur der chinesischen Bahn an, ist die Volksrepublik heute gleichauf mit Europa. Ich habe in China in einem Schnellzug gesessen, der war genauso komfortabel wie der ICE. Ich habe zweieinhalb Stunden ohne Unterbrechung telefoniert, das schaffe ich in Deutschland nicht. Außerdem waren die Züge pünktlich. Pekings Industriepolitik ist völlig transparent. Wir wissen, was der Plan "China 2025" bedeutet. Er bedeutet nicht, Ressourcen zurückzubauen, sobald der heimische Markt erschlossen ist. Amerika wurde bereits aufgerollt. Asien hat Peking sowieso auf dem Schirm. Und Europa steht im Fokus, weil es ein sehr lukrativer Markt ist.

Wird hier nicht auch ein bisschen der Teufel an die Wand gemalt?

Man muss den Teufel nicht an die Wand malen. Man muss zur Kenntnis nehmen, wie konsequent China Branchen aufbaut, entwickelt und auf dem Weltmarkt positioniert. Die Bahnindustrie ist nur ein Beispiel von vielen. China hat vor elf Jahren entschieden, ein ziviles Flugzeug als Gegenstück zu Airbus und Boeing zu entwickeln. Es ist gelungen. Wir müssen daraus lernen, nicht ängstlich zu sein oder uns abzugrenzen, sondern unsere Überheblichkeit ablegen. Wer sich heute in Brüssel hinstellt und sagt, die Bahnindustrie ist technologisch und strukturell so stark aufgestellt, dass wir die Konkurrenz aus China nicht fürchten müssen, irrt sich. Ich halte das für einen verkehrten Großmachtblick aus vergangenen Zeiten.

Sollte man den Markteintritt der Chinesen dann nicht einfach verhindern?

Aus meiner Sicht wäre es die ungünstigste Variante. Ich glaube, dass Wettbewerb das Geschäft belebt. Aber es muss möglich sein, dass auch europäische Unternehmen erfolgreich sein können oder zumindest eine faire Chance haben.

Dann ist es also kein Problem, wenn ICE und TGV womöglich bald aus einer Hand kommen?

Das Thema Hochgeschwindigkeitszüge so zu diskutieren, ist eine Farce. Tatsächlich muss man über Signaltechnik sprechen, weil da in manchen Ländern starke Monopolstrukturen entstehen. Zu glauben, dass ICE oder TGV bei einer Fusion in absehbarer Zeit verschwinden, ist völlig naiv. Beides sind nationale Aushängeschilder, aber nicht das zentrale Geschäft in der Bahnindustrie.

Sie plädieren doch aber faktisch dafür, dass die EU-Kommission die Wettbewerbsrichtlinien ignoriert.

Ja. Im deutschen Recht gibt es die Möglichkeit einer Ministerentscheidung. Ich würde mir wünschen, dass die Kommission gemeinschaftlich darüber abstimmt. Es muss eine Alternative geben. Wenn der Verbraucherschutz im Mittelpunkt steht, ist das gut. Aber jetzt zu argumentieren, ein Zusammenschluss von Siemens und Alstom würde sich auf die Verbraucherpreise in Deutschland und Frankreich auswirken, halte ich für sehr theoretisch. Am schlüssigsten und überfällig wäre es an diesem Punkt, das europäische Wettbewerbsrecht zu überarbeiten. Das prominente Beispiel Siemens und Alstom zeigt, der Fokus auf Europa ist kleinkariert und überheblich. Wenn die globalen Unternehmen in der Welt Pflöcke einschlagen, wundern wir uns. Schauen Sie sich Huawei und den 5G-Ausbau an, da sieht man doch, dass wir uns das Elend selbst organisieren.

CRRC kontrolliert drei Viertel des Bahn-Weltmarkts, Siemens-Alstom dagegen nur zehn Prozent. Kommen die beiden EU-Champions nicht so oder so unter die Räder?

Nein, das chinesische Unternehmen ist zum einen - anders als Siemens und Alstom - noch in angrenzenden Geschäftsfeldern unterwegs. Zum anderen macht es die schiere Größe allein auch nicht. Die entscheidende Frage ist: Schafft man es, konkurrenzfähig zu sein und so viel Ertrag zu erwirtschaften, dass man technologisch federführend bleibt? Wir werden von der Größe her nie vergleichbare Strukturen wie in China haben, einfach weil das Land so gigantisch ist. Wir müssen Unternehmen schaffen, die technologisch besser sind. Und da glaube ich haben wir mit unserer Ingenieurskunst immer noch Chancen. Wir müssen nur die Ressourcen anders organisieren.

Wenn die Fusion platzt, gibt es dann bei Siemens und Alstom Grund zur Panik?

Beide Unternehmen sollten mit Ruhe und Gelassenheit in die Zukunft gehen. Im Falle einer negativen Entscheidung können beide schließlich allein weitermachen. Aufträge und Beschäftigung sind da. Es gibt keinen Grund, überzureagieren. Aber ich erhoffe mir dann eine Debatte darüber, wie wir uns künftig in Europa in strategischen Branchen positionieren wollen. Für mich gehört dazu eine aktive Industriepolitik und eine Überarbeitung des Wettbewerbsrechts.

Mit Jürgen Kerner sprach Diana Dittmer

Quelle: n-tv.de

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