Wirtschaft
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Mittwoch, 21. Februar 2018

"Eine kleine Sonderkonjunktur": Wie Fahrverbote den Autokonzernen helfen

Von Max Borowski

Das Bundesverwaltungsgericht könnte den Weg für Diesel-Fahrverbote frei machen. Für Hunderttausende Autobesitzer wäre das eine Katastrophe. Für die Hersteller ist das unangenehm. Unterm Strich aber könnten die Konzerne profitieren.

Fahrverbote für einen Großteil der Diesel-Pkw wären eine herbe Blamage für die Autobauer. Den finanziellen Schaden dürften allerdings vor allem deren Kunden, die Autobesitzer, haben. Experten halten es sogar für möglich, dass die Konzerne von einer entsprechenden Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts profitieren könnten. "Die Ironie der Geschichte liegt darin, dass die Verunsicherung um die Diesel den Autobauern in Deutschland bereits jetzt zu einer kleinen Sonderkonjunktur verhilft", sagt Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management in Bergisch-Gladbach.

Das Bundesverwaltungsgericht entscheidet am Donnerstag darüber, ob die Behörden Fahrverbote verhängen dürfen. Verwaltungsgerichte unterer Instanzen hatten Stuttgart und Düsseldorf verpflichtet, Verbote in ihren Luftreinhalteplänen vorzuschreiben. Sollte das Bundesverwaltungsgericht die Revision gegen diese Urteile zurückweisen, müssten sie zügig umgesetzt werden. Und der Spruch hätte als Grundsatzurteil Bedeutung weit über Düsseldorf und Stuttgart hinaus. Die Deutsche Umwelthilfe hat mehrere Dutzend Städte verklagt, um Fahrverbote durchzusetzen.

"Fahrverbote beträfen direkt zunächst die Dieselbesitzer, die mit ihren Fahrzeugen plötzlich nicht mehr in bestimmte Städte fahren dürften und die teils enorme Wertverluste hinnehmen müssten", sagt Frank Schwope, Autoanalyst der NordLB. Der Ärger dieser Kunden wiederum könnte den Autokonzernen Probleme bereiten. "Ich rechne damit, dass es bei Fahrverboten zu einer Zunahme von Klagen gegen Autohersteller kommt - vor allem gegen Volkswagen wegen manipulierter Wagen", sagt Schwope. Das finanzielle Risiko aus diesen Verfahren sollte für die großen Konzerne allerdings überschaubar sein.

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Dazu kommt, dass auch die Hersteller selbst, beziehungsweise deren Finanzsparten, vom Wertverlust der betroffenen Dieselfahrzeuge betroffen sind. "Als Leasinggeber tragen die Autokonzerne das Risiko des Wertverlustes für über eine Million Autos, ein Großteil davon Diesel", sagt Bratzel. Der Wertverlust dieser Fahrzeuge durch mögliche Fahrverbote sei nur schwer kalkulierbar. Die fälligen Abschreibungen dürften aber im dreistelligen Millionenbereich liegen.

Der Lobbyismus richtet's nicht mehr

Unangenehm wären für die Autobauer auch mögliche Strafen der EU, da es für sie bei einem sinkenden Anteil von Dieselfahrzeugen in ihren Flotten immer schwieriger wird, den CO2-Grenzwert einzuhalten. Der liegt bei 130 Milligramm CO2 pro gefahrenem Kilometer im Durchschnitt aller verkauften Autos eines Herstellers. Laut einer Studie von Bratzels Auto-Institut haben die Autobauer schon große Mühe, diesen Grenzwert einzuhalten. "Fahrverbote würden die Verlagerung vom Diesel beschleunigen und den Konzernen ihre CO2-Bilanz weiter verhageln", so der Auto-Experte.  

Und anders als früher darf die Autoindustrie nicht auf Nachsicht bei den Behörden rechnen. "Die Politik wird nach dem Dieselskandal künftig sicherlich konsequenter sein bei der Durchsetzung von Grenzwerten", sagt Schwope. "Das Motto von früher 'der Lobbyismus wird's schon richten' gilt für die Autobranche nicht mehr so einfach."

Diesen negativen Konsequenzen steht allerdings auch ein möglicher positiver Effekt gegenüber: Hunderttausende Besitzer könnten plötzlich gezwungen sein, neue Autos zu kaufen. "Auf eine perfide Art würden die Verursacher des Problems damit zu Profiteuren", sagt Schwope

Bereits in den vergangenen Monaten kurbelten die Autobauer mit ihren als Umweltprämien angepriesenen Umtausch-Aktionen den Absatz kräftig an. Allein VW nahm eigenen Angaben zufolge bereits rund 150.000 ältere Diesel zurück - und verkaufte für jeden ein Neufahrzeug. Die Rabatte drücken dabei zwar etwas auf die Marge, dennoch bleibt es den Experten zufolge unterm Strich ein gutes Geschäft.

Dass der Ärger über die dreckigen Diesel die Autobesitzer davon abhalten könnte, ihren Ersatzwagen beim gleichen Hersteller zu kaufen, müssen die Hersteller kaum befürchten. Der Dieselskandal bei Volkswagen habe gezeigt, dass der vermeintliche Imageschaden zu vernachlässigen ist. Gerade hat der weltgrößte Autobauer wieder einmal Rekordabsatzzahlen für den Januar gemeldet.

Quelle: n-tv.de