Wirtschaft

Brauereien in der Corona-Krise "Wir werden Fassbier vernichten müssen"

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Die über 1500 Brauereien in Deutschland werden während der Corona-Krise ihr Bier nicht los.

(Foto: imago images/Arvid Müller)

"Bier braucht Geselligkeit", heißt es in der Brauwirtschaft. Doch die Corona-Krise gibt Geselligkeit kaum eine Chance. Das stürzt auch die mehr als 1500 Brauereien in Deutschland in eine schwere Krise.

Geschlossene Gaststätten und abgesagte Veranstaltungen machen in der Corona-Krise nicht nur den Gastronomen und Event-Organisatoren schwer zu schaffen. Auch die Brauereien in Deutschland leiden unter den Corona-Beschränkungen, weil sie auf ziemlich viel Bier sitzen bleiben, sagt Birte Kleppien, Sprecherin der Radeberger-Gruppe, der größten Bierkette Deutschlands, im Interview mit ntv.de: "Wir haben, grob gesagt, in der Brauwirtschaft drei Absatzkanäle. Das ist die Gastronomie, das ist das sogenannte Fest- und Eventgeschäft und das ist der Handel. Von diesen drei Absatzkanälen sind zwei von jetzt auf gleich durch behördliche Anordnung geschlossen worden. Darauf konnten wir uns nicht vorbereiten und das wird schmerzhafte Auswirkungen für alle Brauereien haben."

Die Aussichten sind auch deshalb so düster, weil die für die Brauindustrie so wichtige Gastronomie eine extrem lange Zeit keine Umsätze einfahren konnte und gegenwärtig immer noch auf Lockerungen warten muss. "Wir erleben einen fatalen Domino-Effekt: Der Flächenbrand in der Gastronomie springt zunehmend auf die Brauwirtschaft über", sagt Holger Eichele, Hauptgeschäftsführer beim Deutschen Brauer-Bund, auf ntv.de-Anfrage. Manche Brauereien hätten vor Beginn der Krise bis zu 90 Prozent ihres Umsatzes über die Gastronomie erzielt, heißt es im Statement des Brauer-Bundes weiter. Angesichts dieser Zahlen scheinen Insolvenzen im großen deutschen Biermarkt programmiert.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Brauer im Gegensatz zu anderen Branchen nicht von sogenannten Nachhol-Effekten profitieren können. Während Kunden den geplanten Laptop-Kauf oder den nächsten Shopping-Marathon in der Innenstadt wegen der Krise vielleicht einfach ein paar Monate nach hinten verlegen, können Verbraucher den geselligen Nachmittag im sonnigen Biergarten oder das Bier mit Freunden auf dem Volksfest nicht einfach im Herbst nachholen. "Das bedeutet, diese Absätze sind unwiederbringlich für alle Brauer verloren. Und das sind dramatische Einschläge, die wir alle aushalten müssen", fasst Kleppien zusammen.

Im Kampf gegen das Mindesthaltbarkeitsdatum

Die Corona-Krise beschäftigt aber natürlich nicht nur die großen Unternehmen am Markt, sondern sorgt auch bei den vielen kleinen Privatbrauereien für ein wirtschaftliches Desaster. Eines dieser regional verwurzelten Unternehmen ist die Privatbrauerei Schwerter Meißen, die als älteste Privatbrauerei Sachsens gilt. Im Jahr 1460 wurde das Brauhaus erstmals urkundlich erwähnt. In über 550 Jahren Geschichte hat das Unternehmen aus der berühmten Porzellanstadt unter anderem zwei Weltkriege erlebt und überlebt, jetzt macht die Corona-Krise das Leben schwer.

Weil das "Meißner Schwerter Pils" in Sachsen extrem beliebt ist, versorgt die Brauerei auch etliche Volksfeste und Gastronomen in der Region und hat aus diesem Grund einen hohen Fassbier-Absatz. Das kommt dem Unternehmen normalerweise zugute, doch in der Corona-Krise wird es zum Bumerang. "Fassbier macht bei uns in normalen Jahren etwa 30 Prozent des Umsatzes aus. Fassbier steht für hohe Deckungsbeiträge, ein hoher Anteil ist also sehr gut für eine Brauerei. Im Moment läuft Fassbier gegen null. Mittlerweile kämpfen wir auch schon mit dem Mindesthaltbarkeitsdatum. Das heißt, wir werden Fassbier vernichten müssen", prognostiziert Marketing-Leiter Norbert Rogge gegenüber ntv.de.

Und auch wenn erste Corona-Lockerungen mittlerweile selbst für die Gastronomie angekündigt wurden, wird der Weg zurück in die Normalität noch ein sehr beschwerlicher. "Was passiert nach dem Lockdown, wird die Gastro-Branche und damit ja auch unsere Branche jemals wieder so sein wie vor der Krise?", fragt sich Norbert Rogge. Für Radeberger-Sprecherin Kleppien ist nicht die Frage, ob, sondern wie sich die Branche verändert. "Wir müssen über diese Durststrecke hinwegkommen und danach sehen: Wie schnell wird sich der Absatz erholen, wie stark kommt er überhaupt zurück, wie hart wird der Wettbewerb im Markt? Das sind die wesentlichen Fragen."

Branche generell "nicht auf Rosen gebettet"

Mögen die Zahlen - über 1500 Brauereien in Deutschland, jeder Bundesbürger trinkt im Schnitt noch immer etwa 100 Liter Bier pro Jahr - auf den ersten Blick beeindruckend wirken, gilt es festzuhalten, dass die Branche "insgesamt nicht auf Rosen gebettet ist", wie es Kleppien ausdrückt. Die Brauwirtschaft würde sich in einem langfristig rückläufigen Markt bewegen. Das zeigen die Zahlen auf den zweiten Blick: Es gibt zwar immer mehr Brauereien, doch ihr Bier-Absatz ist in diesem Jahrtausend kontinuierlich gesunken - außer zur Zeit der WM 2006 in Deutschland. Das Coronavirus verschlimmert die Durststrecke, so viel ist sicher. Wie schlimm die Auswirkungen sein werden, ist schwer abzuschätzen. Wahrscheinlich werde aber keine einzige der über 1500 Brauereien in Deutschland in diesem Jahr Gewinn einfahren, höre man aus der Branche, sagt Birte Kleppien: "Einige erwarten einen Absatzrückgang im Inland von 10 bis 13 Millionen Hektolitern. Das wären mal eben 15 Prozent des normalen Gesamtabsatzes." Und auch der Auslandsmarkt liegt brach. Die wichtigsten Absatzmärkte für deutsches Bier waren im vergangenen Jahr Italien und China. Im Februar dieses Jahres ist der Export aber bereits um 8, im März sogar um 14 Prozent eingebrochen.

Hoffnungsschimmer im Handel, aber ...

Angesichts dieses Einbruchs nimmt der Handel als letzter verbliebener Absatzmarkt eine ganz besondere Bedeutung ein. Immerhin in diesem Bereich läuft es momentan gut. "Bei uns ist es so, dass etwa zwei Drittel unserer Biere in Supermärkten und Getränkemärkten verkauft werden. Aktuell sind das etwa zehn Prozent mehr als in den eh schon starken beiden Vorjahren. Das ist sicher auch mit fehlenden Gastronomie-Umsätzen zu erklären. Die Kunden decken sich also etwas mehr über die Handelsketten ein", so Norbert Rogge.

Also doch alles halb so schlimm? Nein, heißt es vom Deutschen Brauer-Bund: "In manchen Wochen hat es im Handel stellenweise überschaubare Zuwächse gegeben, diese stehen aber in überhaupt keinem Verhältnis zu den massiven Einbrüchen beim Bierabsatz in der Gastronomie und im Export."

Der erhöhte Absatz im Handel mag vielleicht einen Teil der Verluste auffangen, er stellt die Branche aber direkt vor ein weiteres Problem. Die Brauereien beklagen einen Mangel an Leergut, so auch die Radeberger-Gruppe. "Das ist zwar immer Mangelware bei uns in der Branche, aber aktuell ganz besonders. Viele Menschen kaufen ihr Bier auf Vorrat, lagern es also erstmal ein und sagen sich: Was ich habe, habe ich. Das heißt, wir bekommen nochmal deutlich weniger Leergut zurück als sonst. Wir sind an unseren Standorten zwar noch technisch lieferfähig, aber die Situation verschärft sich." Die Privatbrauerei Schwerter Meißen hat sich für den Fall der Fälle bereits Maßnahmen überlegt. "Volle Kästen würden unsere Handelspartner dann nur noch bekommen, wenn sie Leergut zurückgeben. Ansonsten haben wir irgendwann nichts mehr auf dem Hof."

Quelle: ntv.de