Wirtschaft

mRNA-Spezialist billig zu haben Wird Curevac ein Übernahmekandidat?

Das Logo des Biotech-Unternehmen Curevac mit dem Slogan

Curevac hat mehr zu bieten: Die Fehlersuche läuft - und im schlimmsten Fall ist der Corona-Impfstoff nicht alles.

(Foto: Sebastian Gollnow/dpa/Archivbild)

Die Börse ist im Curevac-Schock. Nach den enttäuschenden Nachrichten zum Impfstoffkandidaten der Tübinger Firma halbiert sich der Aktienkurs. Wars das mit Curevac? ntv.de macht Kassensturz.

Der Curevac-Schock sitzt tief: Während die großen Impfstoffhersteller Biontech, Moderna, Astrazeneca sowie Johnson & Johnson ihre Impfstoffe längst geliefert haben, wartet der frühere Hoffnungsträger aus Tübingen - der letzte im Bunde - mit der Nachricht auf, dass sein Vakzin gefloppt ist. Mit einer vorläufigen Wirksamkeit von nur 47 Prozent gegen eine Corona-Erkrankung hat der Wirkstoff von Curevac in der entscheidenden Zulassungsstudie versagt. Das sind dreifach schlechte Nachrichten: für die Firma, für die Impfkampagne und die Investoren.

Curevac
Curevac 43,77

An der Börse sind die Hoffnungen auf den Tübinger Impfstoffkandidaten im vergangenen Jahr hoch gehandelt worden. In der Spitze kostete das Papier über 119 Euro. Nach der Hiobsbotschaft von gestern Abend sind es gerade mal noch knapp 49 Euro. Während die anderen Impfstoffhersteller bereits viel Geld mit ihren Vakzinen verdienen, scheint diese Einnahmequelle für Curevac nun hinfällig. Biontech und Pfizer haben im ersten Quartal rund zwei Milliarden Euro Umsatz gemacht, Moderna 1,4 Milliarden Euro und bei Astrazeneca waren es 227 Millionen - sie geben ihren Impfstoff zum Selbstkostenpreis ab. Johnson & Johnson erlösten in den ersten drei Monaten 83 Millionen Euro.

Vorsicht bei Pharma-Wetten

Die Konkurrenten und ihre Aktionäre haben gut verdient. Wer auf Curevac gesetzt hat, hat aufs falsche Pferd gewettet. Das muss sich nun auch der deutsche Staat eingestehen, der über die Förderbank rund 16 Prozent an Curevac hält. Nur SAP-Gründer Dietmar Hopp besitzt mit knapp 47 Prozent mehr Anteile. Mit Curevac wollte die Bundesregierung - nach vielen Verzögerungen in der Impfstoffentwicklung - im zweiten Halbjahr Schwung in die Impfkampagne bringen, rechtzeitig zum Herbst, wenn voraussichtlich die ersten Drittimpfungen wegen der Corona-Varianten beginnen. Nun wird Curevac auch da keine Rolle spielen. Das heißt, vom Impfkuchen bekommt keiner was ab.

Dass so etwas passieren kann, kommt nicht überraschend. Die Wette auf Impfstoffhersteller galt bei Experten immer als heiß: "Dass es bei der Vielzahl an Impfstoffkandidaten in der Entwicklung zu Rückschlägen kommen wird, war zu erwarten gewesen. Entwicklungsrückschläge gehören in der BioPharma Branche zum Tagesgeschäft und es ist ganz normal, dass nicht alle Entwicklungskandidaten ihr Ziel erreichen", sagt Kristoffer Unterbruner, Healthcare-Analyst von Medical Strategy ntv.de. Als letzte große Impfstoffhoffnung sei Curevac - im Unterschied zu seinen Konkurrenten, die früher geliefert haben - auch noch von der pandemischen Entwicklung eingeholt worden, erklärt der Molekularbiologe. "Die Vielzahl an aktuell kursierenden Sars-CoV-2-Stämmen hat die Entwicklung natürlich erschwert."

Angesichts des bekannten Risikos, mangelt es nicht an Kritik an dem Fehlinvestment der Bundesregierung: "Der Fall Curevac zeigt wieder einmal, dass Politiker keineswegs die besseren Investoren sind", sagte der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), Gabriel Felbermayr. "Der Staat ist ohne Not in das Unternehmen eingestiegen, das ja im letzten Frühjahr auch genügend private Investoren gefunden hatte. Auch diese verlieren jetzt Geld, aber es ist ihr eigenes, nicht das der Steuerzahler."

Kriegt Curevac die Kurve?

Der Schaden ist angerichtet. Die Frage ist, wie schlimm es nun um Curevac steht und wie es weitergeht. Die Tübinger üben sich in Zuversicht. Die weiteren Aussichten für den Impfstoffkandidaten zum jetzigen Stand dürfen aber eher als durchwachsen bezeichnet werden. Bei Curevac müsse nun die finale Analyse abgewartet werden, heißt es. "Wir können hoffen, dass es ein bisschen besser wird. Wenn man Pech hat, wird es dann auch ein bisschen schlechter", sagte der Leiter der Curevac-Impfstoffstudie, Peter Kremsner. Ob das Vakzin noch eine Chance auf Marktzulassung hat, könne er nicht beurteilen. Zwar bestehe die Möglichkeit der Zulassung. Aber ob das Vakzin dann von den Menschen noch angenommen wird, sei fraglich.

"Die Tests müssen ausgeweitet werden. Darüber hinaus dürfte es darauf hinauslaufen, dass es, wenn (das Vakzin) zugelassen ist, nicht für die Breite zugelassen wird, sondern für Subgruppen, für Ältere oder Vorerkrankte oder für bestimmte Mutanten", sagt Thomas Schießle Pharma-Analyst von Equi.TS ntv. Wenn es gut für Curevac läuft, zeigt die Auswertung der Daten möglicherweise aber sogar "eine höhere Wirksamkeit gegen spezifische Stämme", sagt Healthcare-Analyst Unterbruner.

Dass es nach einem tiefen Fall wieder aufwärtsgehen kann, hat Konkurrent Astrazeneca bewiesen. Blutgerinnsel, Todesfälle, Lieferverzug - kein Impfstoffhersteller hat für mehr Negativschlagzeilen gesorgt. Trotzdem wird das Mittel - eingeschränkt - millionenfach verimpft. Die Aktie notierte vor einem Jahr auf einem Höchststand von knapp 108 Euro. Zwölf Monate später und nach viel Prügel, die sie einstecken musste, notiert sie heute lediglich zehn Euro darunter. Curevac hat laut Analyst Unterbruner immerhin noch ein Eisen im Feuer: Ein mRNA-Vakzin der zweiten Generation befindet sich in Kooperation mit GlaxoSmithKline (GSK) in der Entwicklung. Daten hierzu gibt es aber frühestens im kommenden Jahr.

Eine ähnliche Aufholjagd wie bei dem britischen Konkurrenten dürfte nach Ansicht des Experten dennoch schwierig werden: "Bei Astrazeneca gab es trotz seltener schwerer Nebenwirkungen ein überzeugendes Wirksamkeits-/Risikoprofil, bei Curevac ist die Wirksamkeit mit 47 Prozent enttäuschend. Zudem ist Astrazeneca ein breit aufgestellter Pharmagigant, Curevac hat eine spannende Technologie, aber eine Pipeline in sehr frühem Entwicklungsstadium."

Sackt Big Pharma Curevac ein?

Statt diese Aufholjagd anzutreten und dem bisher zu Unrecht ausgebliebenen Erfolg, wie der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach twitterte, hinterherzulaufen, könnte Curevac noch einen anderen Weg einschlagen. Die Tübinger Firma könnte zum Übernahmekandidaten werden. Nach dem Kursabsturz ist sie derzeit billig zu haben. Eine Marktkapitalisierung von unter 15 Milliarden Euro ist ein Schnäppchenpreis im Vergleich zu den Hochzeiten. Zumal die mRNA-Technologie, mit der Curevac wie auch Biontech oder Moderna forschen, als vielversprechende Zukunftstechnologie gilt.

Mehr zum Thema

Curevac hat Know-how zu bieten. Alle mRNA-Impfstoffhersteller forschen bereits im lukrativen Bereich der Krebsimpfung. Die Erfahrungen, die die Wissenschaft derzeit mit den massenhaft durchgeführten Corona-Impfungen gewinnt, haben Hoffnungen auf einen Durchbruch geweckt. Die Konkurrenz könnte auf den Geschmack kommen. Leichtes Spiel werden sie jedoch nicht haben. "Übernahmen lassen sich schwer vorhersagen", sagt der Medicalstrategy-Analyst Unterbruner. "Die Aktionärsstruktur von Curevac mit hohen Beteiligungen des Bundes sowie von Dietmar Hopp würden eine Übernahme wahrscheinlich erschweren."

Fest steht: In dem Bereich ist Bewegung. Der Spezialchemiekonzern Evonik teilte jüngst mit, künftig mit der Stanford Uni in Kalifornien an weiteren Einsatzmöglichkeiten von mRNA-Therapeutika forschen zu wollen, um auch Krankheiten wie Krebs und Aids besser bekämpfen zu können. Ziel sei die Entwicklung einer Technologie zur Bereitstellung von mRNA für Gewebe und Organe, die über die bisherigen Möglichkeiten von Lipid-Nanopartikeln hinaus gehe. Da Markteinführungen in der Pharmaindustrie ihre Zeit bräuchten, sei vor 2025 nicht damit zu rechnen, hieß es. Das bedeute aber nicht, dass man nicht schon vorher mit Pharmafirmen gemeinsame Projekte starten und Einnahmen generieren werde. Die Ergebnisse zu Curevac sind ein Zwischenergebnis. Curevac-CEO Franz-Werner Haas rechnet mit Ergebnissen der finalen Analyse in zwei bis drei Wochen. Bayer kündigte an, Curevac auch nach dem schwachen Zwischenergebnis zur Wirksamkeit des Covid-19-Impfstoffs zu unterstützen. Die Fehlersuche läuft - und im schlimmsten Fall ist der Impfstoff nicht alles.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.