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Mächtig gestrig Vom VW-Betriebsrat ist mehr gefordert

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Von ihm kommen altbekannte Botschaften: Bernd Osterloh.

(Foto: picture alliance / Peter Steffen)

Drei Volkswagen-Chefs hat er schon überlebt. Jetzt bringt sich der mächtige VW-Betriebsratsvorsitzende Bernd Osterloh gegen Konzernchef Herbert Diess in Stellung. Um von eigenen Versäumnissen abzulenken?

VW-Betriebsratschef ist eine mächtige Position. Immer schon haben sich Amtsinhaber als eine Art Co-Manager des Wolfsburger Konzerns gesehen. Wenn Volkswagen heute trotz der Diesel-Betrügereien immer neue Absatz- und Gewinnrekorde feiert, fällt auch auf den amtierenden VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh ein Anteil. 

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Geteiltes Ansehen in guten wie in schlechten Zeiten? Wohl eher nicht. Die jüngsten Attacken durch Bernd Osterloh in Richtung VW-Vorstandschef Herbert Diess sehen nicht nach Solidarität in strategisch herausfordernden Zeiten aus.

Immenser Nachholbedarf

Seit rund 14 Jahren steht der gelernte Industriekaufmann Osterloh an der Spitze der Arbeitnehmervertretung. Vier Volkswagen-Chefs hat er schon erlebt, drei überlebt. Den besonnenen, aber glücklosen Bernd Pischetsrieder, den über die Diesel-Krise gestolperten Martin Winterkorn, dessen Nachfolger Matthias Müller. Nicht auszuschließen, dass Osterloh sogar länger als der amtierende VW-Konzernchef Herbert Diess im Amt bleibt. 

Seit einem Jahr steht Diess an der VW-Spitze. Seither krempelt der frühere BMW-Manager den Wolfsburger Autokonzern mit Hochdruck um. Der Nachholbedarf ist immens: Elektromobile, selbstfahrende Autos, Carsharing, Digitalisierung - nahezu alle Zukunftstrends hat VW verschlafen. Statt an neuen Technologien zu arbeiten, stellten die Wolfsburger einen PS-Protz nach dem anderen auf die Räder. Das war gut fürs Image. Aber nicht für die Absicherung eines nachhaltigen Massengeschäfts. 

Theaterdonner gehört dazu

Alle wesentlichen Entscheidungen hat auch Betriebsratschef Bernd Osterloh, beteiligt als Aufsichtsrat, mit abgenickt oder zumindest billigend akzeptiert. Jetzt, wo der Wandel der Automobilindustrie auch vor dem Abbau von Arbeitsplätzen nicht mehr Halt macht, feuert Osterloh altbekannte reflexhafte Botschaften ab: wirtschaftliche Konzepte vom Vorstand seien gefordert, die Sicherheit der Arbeitsplätze stehe an erster Stelle, Experimente auf Kosten der Beschäftigten werden abgelehnt.

Theaterdonner gehört dazu in tariflichen Sphären. Aber die Kritik von Osterloh an Diess legt auch den Verdacht nahe, dass Osterloh damit von eigenen Versäumnissen ablenken will. Dass der Volkswagen-Konzern aller Wahrscheinlichkeit nach mittelfristig um Personalabbau in Deutschland nicht mehr länger herumkommt, wird Osterloh wissen. Trotzdem agiert er nach dem bislang aus seiner Sicht bewährten Motto: Das Management ist schuld, nur der Betriebsrat nicht.

In guten wie in schlechten Zeiten

Doch das stimmt nicht. Verantwortung gilt in guten wie in schlechten Zeiten. Der Betriebsrat hat zu lange darauf gepocht, alle Arbeitsplätze in Deutschland zu erhalten. Und tut es immer noch. Damit attackiert er vor allem Strategien für die Zukunftsfähigkeit des gesamten VW-Konzerns. 

Die bisherigen Reflexe des Betriebsrats legen nahe, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis aus Osterlohs Umfeld Rücktrittsforderungen gegen den amtierenden Konzernchef gestreut werden. Kritik ist immer wichtig. Konstruktive Kritik allemal. Und Herbert Diess versucht wenigstens, den Kfz-Koloss in Richtung digitale Elektro-Zukunft zu bewegen. Osterloh hingegen zeigt mit seinem Kritikverhalten, dass er Teil eines immer noch mächtigen VW-Systems ist, aber eben auch mächtig gestrig.

Quelle: n-tv.de

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