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Siemens streitet mit Aktivisten Wenn Klimaschutz zur PR-Schlacht verkommt

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Luisa Neubauer wird keine Aufsichtsrätin bei Siemens Energy.

(Foto: picture alliance/dpa)

Siemens-Chef Kaeser blamiert sich mit einem vergifteten Angebot an Klimaaktivistin Neubauer. Die reagiert clever. Um Klimaschutz geht es dabei nicht wirklich. Das Manöver zeigt, wie niveaulos wichtige Debatten geworden sind.

Es ist bekannt, dass sich Luisa Neubauer gerne zur unnachgiebigen Weltenrichterin aufschwingt. Dass ein Weltkonzern wie Siemens Entscheidungen nicht nach den Wünschen ihrer Fridays-for-Future-Bewegung trifft und sich nicht vom "katastrophalsten Kohleminen-Projekt der Welt" zurückzieht, brandmarkt die Klimaaktivistin als "unentschuldbaren Fehler". Das klingt, als hätte die Frontfrau von Fridays for Future Macht und Mandat, über Schuld und Unschuld, Vergebung und Verdammung zu urteilen. In Sachen Öffentlichkeitsarbeit dreht die Klimaaktivistin ohnehin nur am großen Rad: Siemens-Chef Joe Kaeser unterstellt sie "eine historische Fehlentscheidung".

Aber Kaeser steht ihr da leider nicht nach. Die Debatte über Maßnahmen gegen den Klimaschutz ist nur noch zur PR-Schlacht verkommen. Treffen wie das zwischen Neubauer und Kaeser vergangene Woche dienen allein dazu, den jeweiligen Kontrahenten öffentlichkeitswirksam bloßzustellen und vorzuführen. Kaeser bot Neubauer einen Aufsichtsratsposten in der Konzernsparte Siemens Energy an. In altväterlicher Manier teilte er mit: "Es ist nicht gut, wenn so ein Gremium nur aus weißen Männern besteht. Die Jugend soll lernen, Verantwortung zu übernehmen."

Klingt toll, ist aber nur Geblubber, das zum Kurseinbruch der Aktie führen müsste. Ein Konzernchef, der eine Kontrollinstanz seines Unternehmens als Verhandlungsmasse, Schulzimmer und Versuchslabor für ökonomisch weitgehend ahnungslose Quereinsteiger wie Neubauer versteht, lässt Zweifel an seinen Fähigkeiten aufkommen. Wodurch hätte sich die Klimaaktivistin qualifiziert, dass sie einen topbezahlten Topjob in einem Topunternehmen bekommen sollte? Weil sie gut twittern kann? Siemens Energy soll demnächst an die Börse und braucht schon deshalb einen möglichst stark besetzten Aufsichtsrat, also besser keine Azubis.

Die Äußerung Kaesers wirkt sich selbstverständlich nicht auf den Aktienkurs aus. Zu leicht zu durchschauen war das Motiv der vergifteten Offerte: Der Vorstandsvorsitzende wollte die Klimaaktivistin in die Bredouille bringen. Was durchaus verständlich ist, weil Neubauer und ihre Mitstreiter Siemens seit Wochen vor sich hertreiben, geleitet von dem zweifelhaften Glauben, dass vor allem Deutschland die Welt vor dem Untergang retten soll, kann und muss.

Kaeser geht öffentlich auf die Knie

Das Münchner Unternehmen unterstützt den Bau eines umwelt- wie klimapolitisch sehr fragwürdigen Kohlebergwerks in Australien. Druck auf Siemens auszuüben, ist billig und typisch für Fridays for Future. Zunächst einmal ist es die Regierung Australiens, die - Waldbrände hin, Buschfeuer her - den Bau genehmigte, den Neubauer und Co. verhindern wollen. Hauptakteur des Projekts ist der indische Konzern Adani. Aber Indien und Australien sind einige Flugstunden entfernt, die Medien würden Proteste weitgehend ignorieren, also halten sich die Klimaaktivisten an Siemens.

Genauso platt war Kaesers Verhalten. Er ging öffentlich auf die Knie vor Neubauer: "Wir machen auch Fehler, das ist offenkundig. Wir sehen, dass wir auch indirekte Beteiligungen bei kritischen Projekten besser verstehen und frühzeitig erkennen müssen." Ach Gottchen. Das hätte der Geläuterte erstens so auch schon vor zwei, fünf oder zehn Jahren sagen können. Und zweitens ist es wieder einmal: Lasst uns erst einmal in Australien Kohle abbauen und verdienen, bevor alles besser wird.

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Siemens 100,10

Kaeser offenbarte damit nur, wie sehr Fridays for Future die Klimaschutzdebatte mittlerweile bestimmt. Aber immerhin bekam der Siemens-Chef, was er wollte. Neubauers Bloßstellung. Klar war, wie immer sie reagieren würde, es konnte ihr nur um die Ohren fliegen. Hätte die 23-Jährige den Aufsichtsratsposten angenommen, wäre ihr Ende als deutsche Greta gekommen. Radikalen Klimaaktivisten passte es ja schon nicht, dass sich Neubauer mit dem Siemens-Chef traf. Was absurd ist, denn ohne die Beteiligung der Großkonzerne wird der Klimawandel nicht zu stoppen sein.

PR als legitimes Mittel - aber so?

Neubauer lehnte natürlich ab. "Mit dem Posten wäre ich den Interessen des Unternehmens verpflichtet und könnte Siemens dann nicht mehr unabhängig kommentieren. Das ist nicht mit meiner Rolle als Klimaaktivistin zu vereinbaren." Mit dem Vorschlag an Kaeser, das Angebot an "Scientists for Future weiterzugeben", spielte sie den Ball clever zurück. Dadurch könne der Konzern zeigen, dass ihm der Klimaschutz wichtig sei.

Da hatte Kaeser sein Ziel längst erreicht. "Langstrecken-Luisa", wie sie ihre Gegner verspotten, stand als überhebliche Göre da, die quatsche und fordere, aber keine Verantwortung übernehme. Das ist eine sehr begrenzte Sichtweise auf eine junge Frau, die ihr - mag sie noch so besserwisserisch, machtbewusst und sonst wie sein - Berufsleben noch vor sich hat. Warum sollte sie ihre Ziele und ihren Idealismus aufgeben, nur weil der Chef eines Dax-Konzerns mit einem PR-Gag um die Ecke kommt? Den Vogel schoss die "Bild"-Zeitung ab, die schrieb, Neubauer habe "keine Lust auf Siemens". Eine dreiste und unfaire Unterstellung.

"Wir haben alle Optionen überprüft", teilte Kaeser am Sonntagabend mit. Das Unternehmen könne nur an dem Projekt in Australien festhalten. Ohne die PR-Welle vorher hätte man ihm durchaus glauben können, dass es sich Siemens nicht einfach gemacht habe. Aber so?

Es ist ein legitimes Recht, dass ein Konzern wie Siemens und eine Bewegung wie Fridays for Future öffentlichkeitswirksame Mittel nutzen, um ihre Ziele zu erreichen. Aber wenn PR in eigener Sache jede Sachlichkeit verhindert und nur noch zu Ablenkungsmanövern dient, ist das niveaulos. Dann muss man fragen: Um was geht es denn überhaupt? Der Welt ist damit nicht geholfen.

Quelle: ntv.de