Wirtschaft
So sah der Dax-Chart gegen Ende des Handelstages aus.
So sah der Dax-Chart gegen Ende des Handelstages aus.(Foto: REUTERS)
Donnerstag, 30. Juni 2016

Wall Street auf Vor-Brexit-Level: Dax setzt Erholung nach Brexit-Schock fort

Die Sorgen schwinden am deutschen Aktienmarkt. Der Dax kann nach dem Brexit-Crash erneut Punkte gutmachen und nähert sich der 9700er-Marke. Eine Ankündigung ausgerechnet der britischen Notenbank gibt dem Leitindex zusätzlichen Schub.

Mit einem Gewinn verabschiedet sich Dax auch den dritten Handelstag in Folge in den Feierabend. Dabei war der deutsche Leitindex mit Verlusten in den Handel gestartet und trat ab dem Vormittag über einen Großteil des Handelstages auf der Stelle. Am Ende schloss er mit einem Aufschlag von 0,7 Prozent auf 9680 Punkten. Damit ist der Leitindex auf einem guten Weg, die Verluste des Brexit-Crashs wieder vollständig wettzumachen.

Unterstützung brachte gegen Handelsende die Ankündigung einer geldpolitischen Lockerung in Großbritannien. Bank-of-England-Gouverneur Mark Carney hatte gesagt, die Geldpolitik müsse über den Sommer "etwas" gelockert werden. Das drückte das Pfund und trieb die Aktien. Auch FTSE-100 und Euro-Stoxx-50 legten zu.

Aktien der Deutschen Bank stellten den größten Kursverlierer im Dax. Der Ableger in den USA war beim sogenannten Stresstest der US-Notenbank bereits zum zweiten Mal durchgefallen. Der Internationale Währungsfonds hatte zudem festgestellt, die Deutsche Bank sei "der wichtigste Nettolieferant von Systemrisiken". Händler sagen, eine möglicherweise notwendige Kapitalerhöhung der Bank werde durch solche Aussagen erschwert.

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Im Fall von Bayer droht die avisierte Übernahme von Monsanto zu scheitern. Das Management des US-Saatgutherstellers verlangt laut Handelsblatt eine Erhöhung der Kaufofferte um 10 bis 15 Dollar je Aktie. "Bayer hat aber schon klar kommuniziert, dass so etwas nur nach einem genauen Blick in die Bücher denkbar wäre, was Monsanto aber weiter verweigert", so ein Händler. Bayer bietet bisher 122 Dollar je Monsanto-Aktie, was einem Gesamtvolumen von 62 Milliarden Dollar entspricht.

Anleger wurden zudem mit zahlreichen Wirtschaftsdaten konfrontiert, die aber wenige Einfluss auf die Kurse hatten. Im Euroraum gab es Inflationszahlen - die Verbraucherpreise stiegen etwas an, während mit einer Stagnation gerechnet worden war. Aus Deutschland kam der monatliche Arbeitsmarktbericht, der wie erwartet positiv ausfiel.

In den USA wurden am Nachmittag die wöchentlichen Jobdaten veröffentlicht: Die Anzahl der US-Bürger, die erstmals einen Antrag auf Arbeitslosenhilfe beantragt haben, ist auf Wochensicht leicht gestiegen, hat die Erwartungen aber im Großen und Ganzen getroffen. Der Chicago-Einkaufsmanagerindex ein regionales Stimmungsbarometer für die US-Industrie, fiel mit 56,8 Punkten höher aus als erwartet.

Frankfurt: Bankenaktien sammeln sich am Dax-Ende

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Der Dax schloss am Ende 0,7 Prozent höher bei 9680 Punkten. Beim MDax zeigte sich ein Plus von 0,9 Prozent auf 19.843 Zähler. Der TecDax legte 1,1 Prozent zu auf 1601 Punkte. Der Euro-Stoxx-50 verbesserte sich um ebenfalls 1,1 Prozent auf 2863 Punkte.

Sehr positiv wurden die Aussagen von RWE auf dem laufenden Investorentag aufgenommen. Die Aktien schlossen 6,8 Prozent im Plus. Vor allem die Ankündigung einer als "sehr hoch" bezeichneten Ausschüttungsquote von 70 bis 80 Prozent für die neue Ökotochter Innogy kam bei den Anlegern sehr gut an.

Zu den größten Verlierern zählten Deutsche Bank - sie verloren 2,6 Prozent und landeten am Dax-Ende, nachdem sie im frühen Handel ein neues Rekordtief markiert hatten. Die Aktien von Heidelbergcement büßten 1,3 Prozent ein, nachdem die Barclays Bank die Aktie laut Händlern von "Overweight" auf "Equalweight" gesenkt hat.

Im TecDax konnten Papiere der Software AG dagegen um 2,7 Prozent zulegen, die Bank HSBC hatte den Titel laut Händlern von "Halten" auf "Kaufen" erhöht. Die Übernahme eines Geldkartendienstleisters in den USA stützte den Kurs von Wirecard. Das Papier legte 2,0 Prozent zu. Damit sei Wirecard der lange erwartete Einstieg in den wichtigen US-Markt gelungen, heißt es. Wirecard wickelt weltweit Zahlungsströme ab.

USA: Bankensektor stützt Wall Street

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Die US-Börsen haben erneut höher geschlossen. Der Dow-Jones-Index stieg um 1,3 Prozent auf 17.930 Punkte. Der breiter gefasste S&P legte um 1,4 Prozent auf 2099 Stellen zu. Der Index der Technologiebörse Nasdaq gewann 1,3 Prozent auf 4843 Zähler. Damit liegen die Indizes nun wieder auf dem Niveau, auf dem sie sich vor Bekanntwerden des Abstimmungsergebnisses in Großbritannien bewegten.

Die Anleger hätten begriffen, dass die britische Entscheidung für den Ausstieg aus der EU nicht der Wendepunkt sei, für den ihn alle gehalten hätten, kommentierte James Abate, Chief Investment Officer bei Centre Asset Management die Kursgewinne an den Aktienmärkten. Trotzdem sei es wohl noch zu früh, um die Folgen des Brexit ganz absehen zu können, fügte er hinzu. Jeff Carbone, Geschäftsführender Direktor beim Vermögensverwalter Cornerstone Financial Partners, warnte die Anleger sogar vor zu viel Selbstgefälligkeit, die sich seiner Meinung nach an den Märkten breitgemacht hat. Der Aktienmarkt notiere auf historisch hohen Niveaus, und das in einem Klima großer politischer Unsicherheit. Investoren sollten sich daher auf fortgesetzte Volatilität gefasst machen, meinte er.

Positive Impulse für das Sentiment kamen derweil aus dem Bankensektor. Denn die größten US-Banken haben auch den zweiten Teil des Bankenstresstests der US-Notenbank bestanden. Im Ergebnis der Prüfung dürfen sie nun Dividenden an ihre Aktionäre zahlen. Geldhäuser wie die Bank of America und die Citigroup, die in den vergangenen Jahren Probleme hatten, haben den Test in diesem Jahr bestanden. Morgan Stanley bestand den Belastungstest nur unter Vorbehalt und muss nachbessern. Auch die M&T Bank hat den Test bestanden, doch muss das Geldhaus seine Dividendenpläne zusammenstreichen. Die Federal Reserve kam zu einem insgesamt positiven Urteil über den US-Bankensektor. Dieser sei deutlich solider als während der Finanzkrise, als viele Institute vom Staat gerettet werden mussten.

Wenig Einfluss auf das Börsengeschehen zeigten die Konjunkturdaten. Die Zahl der US-Bürger, die erstmals einen Antrag auf Arbeitslosenhilfe gestellt haben, ist auf Wochensicht leicht gestiegen, hat die Erwartungen aber im Großen und Ganzen getroffen. Einen positiven Akzent setzte dagegen der Einkaufsmanagerindex aus dem Großraum Chicago für Juni. Dieser ist deutlich gestiegen und hat auch die Markterwartungen recht klar geschlagen.

Eine Rede des Fed-Gouverneurs von St. Louis, James Bullard, gab den Märkten keine Impulse. Auf das Thema Brexit ging er nicht ein. Ansonsten deckten sich seine Ausführungen im Wesentlichen mit Aussagen, die er am 17. Juni getätigt hatte. Dabei hatte er, der ehemals als geldpolitischer Falke bekannt war, sich gegen Zinserhöhungen ausgesprochen.

Übernahmespekulationen brachten Bewegung in die Süßwarenbranche. Informierte Kreise hatten berichtet, Mondelez wolle den Schokoladenhersteller Hershey für 107 Dollar je Aktie kaufen. Der Hershey-Kurs sprang daraufhin um über rund 15 Prozent auf 111,87 Dollar nach oben, ehe die Aktie vom Handel ausgesetzt wurde. Später bestätigte Hershey, dass Mondelez eine Offerte vorgelegt habe, die der Board von Hershey aber einstimmig abgelehnt habe, weil sie "keine Grundlage für weitere Gespräche" geboten habe. Gleichwohl legten Hershey bis zur Schlussglocke um 16,8 Prozent auf 113,49 Dollar zu, Mondelez gingen 5,8 Prozent höher aus dem Handel.

Nach den positiven Stresstests legten Bankenwerte zu. Goldman Sachs und JP Morgan kletterten 2,1 respektive 1,5 Prozent. Morgan Stanley zogen trotz des nur knapp bestandenen Belastungstests um 3 Prozent an. Wells Fargo stiegen um 0,8 Prozent und Bank of America 0,6 Prozent.

Asien: Japans Börse nochmal leicht verbessert

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Die asiatischen Börsen haben ihre Erholung nach dem Brexit-Schock überwiegend fortgesetzt. Der Markt erwecke wieder den Anschein von etwas Beruhigung, sagten Händler. Positive Vorgaben aus Europa und den USA trugen dazu bei. Auch Schnäppchenjäger stützten den Markt nach dem Kurseinbruch wegen des britischen Votums für einen EU-Austritt.

Zu der Kaufstimmung an den Aktienmärkten haben auch die niedrigen Renditen bei den Staatsanleihen beigetragen. "Während die Folgen des Brexits insgesamt noch nicht absehbar sind, hat er eines sehr erfolgreich geschafft, nämlich weltweit die Renditen der Staatsanleihen auf neue Tiefststände zu drücken und die Geldpolitik für längere Zeit locker zu halten", erklärte Angus Nicholson, Marktanalyst von IG in Melbourne.

Der 225 Werte umfassende Nikkei-Index schloss 0,1 Prozent höher bei 15.576 Punkten. Der breiter gefasste Topix-Index sank hingegen um 0,2 Prozent auf 1246 Punkte. Die Börse in Shanghai lag 0,1 Prozent im Minus. Der Index der wichtigsten Unternehmen in Shanghai und Shenzen gewann dagegen 0,1 Prozent. Der MSCI-Index für asiatische Aktien außerhalb Japans stieg um 1,4 Prozent.

Devisen: Euro pendelt um 1,11 Dollar

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Der Kurs des Euro hat sich um die Marke von 1,11 US-Dollar bewegt. Damit setzte sich die jüngste Entspannung am Devisenmarkt fort. Am späten Nachmittag kostete die Gemeinschaftswährung 1,1108 Dollar. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat den Referenzkurs am frühen Nachmittag auf 1,1102 (Mittwoch: 1,1090) Dollar festgesetzt.

Vorübergehend beflügelt wurde der Euro im Vormittagshandel durch die im Juni im Jahresvergleich überraschend gestiegenen Verbraucherpreise in Deutschland. Sie legten um 0,1 Prozent zum Vorjahr zu. Dies war der erste Anstieg seit Januar. Am Nachmittag gab der Euro seine zwischenzeitlichen Gewinne jedoch wieder ab.

Rohstoffe: Ölpreise auf dem Rückzug

Die Ölpreise waren auf dem Rückzug. Die führende Nordseesorte Brent fiel am späten Nachmittag um 94 Cent oder 1,8 Prozent auf 50,38 Dollar je Barrel. US-Leichtöl der Sorte WTI notierte 80 Cent oder 1,6 Prozent niedriger bei 49,08 Dollar. Händlern zufolge fielen die Preise wegen der schwindenden Aussicht auf Produktionskürzungen in Norwegen und Nigeria.

Spekulationen auf einen drastischen Rückgang der Lieferungen aus Norwegen aufgrund von Streiks hätten sich nicht bewahrheitet. Selbst wenn es zu einem Ausstand kommen sollte, wäre der Ausfall nach Angaben des norwegischen Branchenverbandes mit bis zu sieben Prozent nicht dramatisch.

In dem von politischen Unruhen erschütterten Nigeria gibt es wegen einer vorübergehenden Waffenruhe weniger Ausfälle. Das könnte das Überangebot an den Weltmärkten weiter verstärken, sagten Händler. Am Mittwochnachmittag hatten die Ölpreise sich noch deutlich nach oben bewegt, nachdem die wöchentlichen US-Ölbestände laut Energieministerium (EIA) deutlich stärker zurückgegangen waren als erwartet. Der Goldpreis stagnierte in etwa auf dem Vorabendniveau von 1319 Dollar.

Quelle: n-tv.de