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Geldregen für Getyourguide Ein Berliner Einhorn geht auf Reisen

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Auf Reisen immer dabei: das Handy.

(Foto: imago/Westend61)

Reiseführer haben ausgedient: Bei Getyourguide können Urlauber Ausflüge und Tickets bequem mit dem Handy vor Ort buchen. Die Idee bescherte dem Berliner Startup ein Investment von knapp 500 Millionen Dollar. Nach "unvergesslichen Reiseerlebnissen" muss man allerdings lange suchen.

Dass Johannes Reck und Tao Tao eines Tages mit ihrem Unternehmen eine Milliardenbewertung erreichen würden, haben die beiden Gründer nicht kommen sehen. "Bis zu Getyourguide, wie wir es heute kennen, war es ein recht holpriger Start", sagt Reck n-tv.de. Denn anstatt eine Online-Buchungsplattform für Ausflüge und Stadtführungen zu entwickeln, wollten die beiden Studienkollegen 2007 ein soziales Netzwerk für Tour-Guides aufbauen, die sich neben dem Studium etwas Geld dazuverdienen wollen. Doch das Konzept fand wenig Anhänger: Lediglich 200 Guides meldeten sich damals an. Auch nach zwei Jahren hatte niemand auch nur eine einzige Tour gebucht.

Die Abkehr vom Community-Gedanken und die Erkenntnis, dass Reisende nicht von einem Studenten herumgeführt werden wollen, waren für die jungen Gründer hart. Doch auch wenn Reck und Tao mit ihrer ersten Idee gescheitert sind: "Wir haben gesehen, dass Urlauber mit Smartphones ein riesiges Marktpotenzial sind und lokale Anbieter ihre Kunden nicht erreichen", sagt Reck. Denn während Zimmer und Flüge bereits über Plattformen wie Airbnb oder Booking.com vermittelt werden, läuft das Geschäft mit Ausflügen noch hauptsächlich offline. Die meisten Anbieter haben schlicht nicht die Technologie, um die Vorzüge des Internets zu nutzen.

Der Rückschlag war die Geburtsstunde ihres Erfolgs. Die Entscheidung für ein neues Konzept hat sich ausgezahlt: 500 Mitarbeiter beschäftigt Getyourguide inzwischen in seinen Büros in Berlin, Zürich und weltweit. Vor Kurzem hat das Startup bei einer der größten Finanzierungsrunden in Europa 484 Millionen Dollar bei Investoren eingesammelt. Getyourguide wird nun mit mehr als einer Milliarde Dollar bewertet und gehört damit zur exklusiven Runde von nur 61 Firmen in Europa, die die magische Bewertungsschwelle geknackt haben. In Deutschland haben das bislang unter anderem Hellofresh und wirkaufendeinauto.de geschafft.

Größter Investor bei Getyourguide ist nun der Vision Fund des japanischen Technologieinvestors Softbank, der vom "asiatischen Steve Jobs" Masayoshi Son gegründet wurde. Der weltgrößte Risikokapitalfonds hat auch schon in Uber, Alibaba und Wirecard investiert. "Die Japaner suchen vor allem Firmen, die in einer späten Phase sind und keine Produkte mehr erfinden müssen, die sich bei Kunden erst noch durchsetzen müssen", sagt Reck. 

Fernsehturm als "unvergessliches Reiseerlebnis"

Zum Angebot der Buchungsplattform, die vor zehn Jahren online gegangen ist, zählen heute mehr als 50.000 Touren, Aktivitäten und Tickets in 170 Ländern. Dabei zahlen Urlauber laut Getyourguide immer den lokalen Verkaufspreis der Attraktion oder Tour. Die Angebote können Kunden in 21 Sprachen und 40 unterschiedlichen Währungen buchen. Für seine Vermittlungsdienste kassiert das Reise-Startup eine Kommission. Wie hoch sie ist, will Getyourguide nicht sagen. Nur so viel: Die Gebühr variiere nach Land und Angebot.

Die Plattform verspricht ihren Kunden "unvergessliche Reiseerlebnisse", die nirgendwo sonst zu finden sind. Ein Angebot, das Touristen lange nicht auf dem Schirm gehabt hätten und das Getyourguide laut eigenen Angaben in Berlin groß gemacht hat, sind die sogenannten Street-Art-Touren durch Kreuzberg. Auch der Teufelsberg als alternative Aussichtsplattform zum Fernsehturm habe das Reise-Startup etabliert. "Auf unserer Plattform können Kunden nicht nur neue Sehenswürdigkeiten entdecken, sondern auch Kundenrezensionen lesen und in letzter Minute mobil, einfach und schnell ein Ticket buchen", sagt Reck.

Die meisten Attraktionen auf Getyourguide sind allerdings alles andere als Nischenangebote, sondern weltbekannte Sehenswürdigkeiten. Um wirklich Einzigartiges zu finden, muss man lange suchen. Die Leute kämen eben vielleicht zwei, drei Mal in ihrem Leben nach Berlin, sagt Reck. "Nur die wenigsten fangen mit einem Ausflug zum Teufelsberg oder der Graffiti-Tour an, sondern entscheiden sich eher für eine Rundfahrt auf der Spree. So läuft halt das Geschäft."

Viel mehr als mit Exklusivität punktet das Startup mit Bequemlichkeit: Die Gründer spekulieren darauf, dass Urlauber gleich mehrere Ausflüge über ihre Plattform buchen. Als Tourist entscheide man sich normalerweise für drei, vier oder sogar fünf Touren, sagt Reck. "Niemand will dafür verschiedene Webseiten und Zahlungsmöglichkeiten nutzen, wenn alles auch nur mit wenigen Klicks auf dem Smartphone erledigt werden kann."

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Johannes Reck

Börsengang trotz roter Zahlen?

Bislang hat die Plattform nach eigenen Angaben bereits 25 Millionen Tickets verkauft. Trotzdem schreibt Getyourguide weiterhin rote Zahlen. Mit dem frischen Geld aus Japan soll nun die Expansion vorangetrieben werden. "Über Marktplätze wie unsere wird momentan gerade mal drei Prozent des Buchungsvolumens abgewickelt, wir können locker noch um einiges wachsen, bevor eine Sättigung eintritt", schwärmt Reck.

Doch das weiß auch die Konkurrenz. Weder die Übernachtungsplattform Airbnb, die mit ihrer "Experience"-Funktion seit Kurzem mitmischt, noch der Reiseveranstalter Tui, der in den Verkauf von Ausflugtickets einsteigen will, bereiten Reck aber Sorge. Der Getyourguide-Chef vertraut vor allem auf den zeitlichen Vorsprung, das Knowhow und die Erfahrung, die sein Portal in den vergangenen zehn Jahren gesammelt hat.

Trotz des Geldregens aus Japan soll sich bei dem Startup, dessen Konferenzräume "Disneyland", "Colosseum" oder "Eiffelturm" heißen, nicht viel ändern. Das frische Kapital gebe der Firma aber die Möglichkeit in andere Länder zu expandieren und die Produktpalette zu erweitern, sagt Reck. In Zukunft sollen über Getyourguide beispielsweise auch Tickets für Musicals, Konzerte und Sportveranstaltungen gebucht werden können. Auch ein Börsengang ist für Reck "eine längerfristige Option", allerdings "nicht in den nächsten fünf Jahren".

Recks Lieblingsangebot auf Getyourguide ist übrigens die Tour durch den stillgelegten Flughafen Tempelhof. "Die Historie des Gebäudes beschreibt Berlin einfach wahnsinnig gut." Als Langstreckenläufer ist er selbst regelmäßig auf der alten Start- und Landebahn unterwegs.

Quelle: n-tv.de

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