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Comeback nach Corona-Schock Reise-Startups setzen zur Aufholjagd an

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Der Lockdown hat die Reisebranche hart getroffen.

(Foto: imago images/Lichtgut)

Seit Beginn der Corona-Pandemie kämpfen viele Reise-Startups ums Überleben. Selbst ehemalige Investoren-Lieblinge leiden extrem unter Massen-Stornierungen und ausbleibenden Buchungen. Doch es gibt auch Ausnahmen, die in der Krise erstmals profitabel sind.

Im Pandemie-Jahr 2020 mussten Reise-Startups schon bald um ihre Existenz kämpfen. Kaum einer anderen Branche hat die Corona-Krise so früh zugesetzt wie dem Tourismus. Im März hatte die erste Welle beinah das komplette Segment lahmgelegt. Reihenweise Stornierungen und ausbleibende Buchungen lösten bei den bislang bei Investoren so beliebten Travel-Tech-Startups einen Schock aus. Eine Umfrage des Bundesverbands Deutsche Startup e.V. zu Beginn der Pandemie deutete das Ausmaß an: Schon im April 2020 sahen sich knapp 96 Prozent der befragten Reise-Startups in ihrer Existenz bedroht. Wie steht es um die Branche jetzt?

"Je länger der Lockdown andauert, desto mehr Firmen werden auf der Strecke bleiben - Startups nicht ausgenommen", sagt Filip Dames vom Wagniskapitalgeber Cherry Ventures ntv.de. Reise-Startups hätten bereits zu Beginn der Pandemie ihre Kosten senken müssen, beispielsweise durch Kurzarbeit. "Besser stehen Firmen da, die auf der Infrastrukturseite Software anbieten, die Reiseveranstalter, Hotels oder Fluggesellschaften digitalisieren. Der Bedarf ist nach wie vor groß", sagt Dames, der mit Cherry Ventures auch im Busunternehmen Flixbus investiert ist.

Im vergangenen Jahr musste Flixbus seinen Betrieb in Deutschland monatelang einstellen. Jetzt fahren die grünen Busse wieder nicht. Der geplante Neustart zu Weihnachten wurde abgesagt. Die Bilanz ist brutal: Im Corona-Jahr 2020 hat das Startup mit weltweit 30 Millionen Fahrgästen nicht mal halb so viele Menschen befördert wie vor der Krise. Zum Vergleich: Im wichtigsten Markt Deutschland nutzen 2019 allein 22 Millionen Fahrgäste Flixbus. Dass die Busse sehr bald wieder fahren, damit rechnet Geschäftsführer André Schwämmlein nicht. "Wir haben ein klares Ziel, worauf wir hinarbeiten, nämlich Sommer und zweite Jahreshälfte 2021", sagt Schwämmlein. "Der Anspruch ist da, dass wir wieder ein großes, flächendeckendes Netz haben und von der kalifornischen Küste bis in die Osttürkei fahren." Am Ende komme es aber auf ein, zwei oder drei Monate auch nicht an. Zunächst sei es wichtiger, die Corona-Pandemie zu überwinden.

Umsätze stark eingebrochen

Auf Anfrage von ntv.de teilt das Unternehmen mit, man habe während der Pandemie sorgfältig geplant und gewirtschaftet und in Deutschland bereits im vergangenen Frühjahr Kurzarbeit eingeführt. Zusätzlich helfe eine große Finanzierungsrunde aus dem Sommer 2019. Das Geld sei zwar ursprünglich für eine Expansion geplant gewesen, helfe aber jetzt dabei, dass Flixbus gut durch die Krise komme. Fallen Kontakt- und Reisebeschränkungen, sieht Schwämmlein sein Unternehmen gut aufgestellt. Denn es transportiert hauptsächlich jüngere Fahrgäste - und ein Blick nach Asien macht ihm Hoffnung: "In China hat man gesehen: Die Jungen reisen dort schneller wieder als die Alten, Reisen am Boden erholt sich schneller als in der Luft. Da sind wir gut positioniert."

Auch für das Online-Reiseportal Urlaubsguru war 2020 das herausforderndste Jahr in der bisherigen Unternehmensgeschichte. Die Umsätze sind durch die Corona-Pandemie stark eingebrochen. "Zwischendurch lief es wieder etwas besser, denn während der Sommermonate waren klassische Pauschalreiseziele wie Mallorca und Griechenland wieder gefragt. Der Deutschlandtourismus hat ebenfalls die Kassen etwas aufgebessert", sagt Gründer Daniel Krahn ntv.de. Unterm Schnitt liege das Unternehmen aber weiterhin deutlich unter den Umsätzen aus den Vorjahren.

Das Unternehmen musste nicht nur rund 40 Angestellte entlassen. Ein Großteil der Mitarbeiter ist auch seit März 2020 in Kurzarbeit. Trotz all dieser Einsparungsmaßnahmen musste das 2012 gegründete Unternehmen erstmals einen Kredit aufnehmen. "Wir haben es bis hierher geschafft und werden uns auch weiter durchboxen", sagt Krahn. Für das Jahr 2021 sei man noch finanziell abgesichert.

Erstmals profitabel trotz Krisen-Jahr

Für die Ferienhaus-Suchmaschine Holidu war das Corona-Jahr 2020 laut Gründer Johannes Siebers eine echte Achterbahnfahrt. Im April gingen die Buchungen gegen null. In den darauffolgenden Wochen folgten zahlreiche Stornierungen. Für das Startup aus München der Beginn einer echten Eiszeit. Auf Entlassungen wurde in dieser Zeit zwar soweit möglich verzichtet. "Wir haben uns damals aber dafür entschieden, nicht wie geplant weitere Bürostandorte zu eröffnen und mussten deshalb bereits einigen wenigen dafür eingestellten Mitarbeitern wieder kündigen", sagt Siebers.

Nur wenige Monate später konnte von Krisen-Modus dann schon keine Rede mehr sein. "Als im Frühsommer der Lockdown aufgehoben wurde, stieg auch das Buchungsvolumen explosionsartig an", sagt Siebers. Im Pandemie-Jahr 2020 verzeichnet das Unternehmen laut eigenen Angaben einen Rekordsommer mit 2,6-fachem Wachstum der Buchungen im Vergleich zum Vorjahr und mehr als 130 Millionen Euro an neu generierten Buchungen allein im Juli. Außerdem war die Suchmaschine für Ferienhäuser im Mai das erste Mal profitabel und hat seitdem ein siebenstelliges operatives Ergebnis erwirtschaftet.

Nachdem die Buchungen im Winter wegen des erneuten Lockdowns ein weiteres Mal rückläufig gewesen sind, ist man bei Holidu inzwischen wieder optimistisch. "Aktuell sehen wir stark wachsende Buchungszahlen und sind sehr zuversichtlich, dass Reisen im Sommer 2021 möglich sein wird", sagt Siebers. Auch, wenn die Anfragen für Ostern noch etwas zurückhaltend sind. "Die Buchungen für den Sommer sind bereits jetzt so stark, dass wir im Vergleich zum Vorjahr wachsen." Erfolgreiche Finanzierungsrunden der vergangenen Jahre könnten laut Siebers auch kurzfristige Schwankungen gut abfedern. Das Investment von mehr als vier Millionen Euro des ehemaligen Geschäftsführers von Booking.com, Kees Koolen, sei nicht nur ein großer Vertrauensbeweis, sondern auch ein Zeichen dafür, dass Investoren weiterhin auch in solch beispiellosen Zeiten an Travel-Tech-Startups glauben.

Investoren haben noch lange nicht genug

Auch für den Wohnmobil- und Campervermieter Paul Camper waren das Pandemie-Jahr 2020 und die vergangenen Monate ein wildes Auf und Ab. "Von der kompletten Talfahrt mit null Buchungen und null Euro Umsatz bis hin zu voller Auslastung und weit über 100 Prozent Wachstum im Vergleich zum Vorjahr war alles dabei", sagt Geschäftsführer Dirk Fehse ntv.de. Trotz Pandemie war das Unternehmen das erste Mal über mehrere Monate hinweg profitabel. "Wir sind bislang insgesamt mit ein paar Blessuren ganz gut davongekommen", sagt Fehse. Grundsätzlich sei man trotz verlorener Monate im ersten Lockdown mit einem deutlichen Plus an Buchungen aus dem Geschäftsjahr 2020 gegangen.

"Wir hatten viel mehr spontane Buchungen und auch deutlich mehr Kurztrips als in den Vorjahren", sagt Fehse. Um das Überleben der Firma zu sichern, mussten allerdings auch mehr als 20 Mitarbeiter entlassen werden, nachdem bereits im Frühjahr ein Teil der Belegschaft für einige Wochen in Kurzarbeit geschickt wurde. "Ohne Einschnitte überleben auch wir einen dritten Lockdown nicht", sagt Fehse. Er erwartet, dass es Ostern wieder losgeht und dass das kontaktarme Campen als eine der ersten Reise-Optionen möglich sein wird. Für ihn haben die vergangenen Monate nämlich vor allem gezeigt: Die Menschen wollen flexibel und möglichst nah an der Natur reisen.

Dem stimmt auch Dames von Cherry Ventures zu: "Menschen werden immer reisen wollen und es wird auch einen gewissen Nachholbedarf geben." Allerdings wird dieser keinesfalls so groß sein, dass die Verluste der Pandemie ausgeglichen werden können. Investoren werden trotzdem so schnell nicht ihr Interesse an dem Segment verlieren, ist sich Dames sicher. Daran könne auch die Corona-Pandemie nichts ändern, das hätten nicht zuletzt große Finanzierungsrunden im Krisen-Jahr bewiesen.

Quelle: ntv.de

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