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Versicherungsbranche im Wandel Wefox macht es den Platzhirschen vor

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Fabian Wesemann, Dario Fazlic, Julian Teicke und Jonathan Seoane über Berlins Dächern

Mit Versicherungen lässt sich viel Geld verdienen. Doch während die Kunden im Zuge der Digitalisierung immer anspruchsvoller werden, schaffen es die großen Versicherer nicht, ihre Geschäftsmodelle anzupassen. Ein Startup aus Berlin zeigt, wie es gehen kann.

Die Versicherungsindustrie hat Julian Teicke eigentlich nie interessiert. Die Geschichten seines Vaters, der selbst jahrelang als Makler in der Branche gearbeitet hat, langweilten ihn als Jugendlichen. Dem Rest der Familie ging es ähnlich: Auf jeder Feier hatten sie Angst, von Teicke Senior etwas aufgeschwatzt zu bekommen.

Heute ist das anders. Mit der Unterstützung seines Vaters will der 32-Jährige das angestaubte Image der Branche revolutionieren. Vor knapp vier Jahren gründete er deswegen die Plattform Wefox. "Die Versicherungsbranche ist bereit für einen radikalen Wandel", sagt Teicke n-tv.de. Der Unternehmer glaubt, dass Versicherungen in Zukunft mit der Hilfe von sogenannten Insurtechs (Versicherungstechnologien) komplett digital vertrieben werden.

Mit der Digitalisierung ändern sich auch die Anforderungen an die Branche. "Versicherungen sind vor 100 Jahren aus stark hierarchischen Organisationen entstanden. Noch heute schreiben seitenlange Arbeitsanweisungen Mitarbeitern vor, wie sie ihren Job zu machen haben", sagt der in der Szene bekannte Insurtech-Influencer Robin Kiera n-tv.de. Versicherungen seien deswegen auch nicht mit agilen Tech-Unternehmen aus dem Silicon Valley zu vergleichen. Die Art und Weise, wie Versicherungen operieren, sei schlicht "nicht mehr zeitgemäß" sagt Kiera. "Kunden fordern heute eine viel intensivere Zusammenarbeit."

Wefox hat versucht, das umzusetzen. Auf der Plattform können Makler ihre Policen digital managen, Kunden können per App ihre Versicherungen im Blick behalten oder Schadensfälle melden. Geld verdient das Versicherungs-Startup mit Provisionen: Für jede Versicherung, die ein Makler abschließt, erhält dieser von den Versicherungsgesellschaften eine Maklercourtage. Davon gehen nach eigenen Angaben 30 Prozent an das Startup.

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Julian Teicke

Risiko in Echtzeit berechnen

In Zukunft sollen nicht nur Makler und Kunden von Wefox profitieren. Eine zusätzliche Plattform soll auch die Versicherer selbst dabei unterstützen, ihre Policen an den Kunden zu bringen. Dafür will das Unternehmen den Versicherungen anonymisierten Zugang zu erhobenen Kunden-Daten gewähren. So könnten Versicherer in Zukunft mittels GPS-Daten darüber informiert werden, wenn sich ein Kunde beispielsweise an einem Flughafen aufhält, um ihm dann eine passende Auslandskrankenversicherung anzubieten. In den nächsten Jahren will Wefox hunderte solcher individuellen Versicherungs-Module entwickeln.

Der Zugang zu Daten erlaubt es Wefox, den Faktor Risiko in Echtzeit zu berechnen. "Wir können unsere Kunden auf Gefahren hinweisen, noch bevor es brenzlig wird", sagt Teicke. Versicherungen würden damit in Zukunft zu einem proaktiven Schutz vor wahrscheinlichen anstatt vor ungewissen Ereignissen. "Mit dieser Philosophie ändert sich das gesamte Geschäftsmodell von Versicherern", sagt Teicke. Sie werden immer mehr zu Datenanalysten, die ihre Produkte schnell an aktuelle Gegebenheiten anpassen können.

"Versicherungen haben über die letzten Jahre ein schlechtes Image bekommen, weil es eben nur darum ging, Geld zu scheffeln", sagt der Unternehmer. Dabei haben die großen Versicherer aus dem Blick verloren, sich für die Ansprüche des neuen digitalen Zeitalters zu wappnen. Das verändert sich jetzt. Für Teicke übernehmen die Versicherer der Zukunft vielmehr die Aufgabe eines Lebenscoachs, der seinen Kunden dabei helfe, dass sie sich nicht verletzten, länger leben und gesünder ernähren. Nicht zuletzt deswegen ist er sich sicher: Auf Familienfeiern wird ihn in Zukunft niemand meiden.

Bei Investoren kommt die Idee an. Erst kürzlich sammelte das junge Unternehmen aus Berlin die Rekordsumme von 125 Millionen Dollar ein. Es sei das bislang größte Investment in ein deutsches Versicherungs-Startup, teilte Wefox mit. Hauptinvestor ist die Mubadala Investment Company vom Staatsfonds aus Abu Dhabi.

Das Geld will Teicke unter anderem in die Expansion seines Unternehmens stecken. Neben Deutschland, Österreich und der Schweiz soll Wefox dann in neun weiteren europäischen Märkten verfügbar sein. Für Anfang nächsten Jahres ist der Start in Japan geplant.

Immer mehr Player drängen in den Markt

Auf ihrer Plattform vereinen Wefox inzwischen mehr als 1500 Versicherungsmakler und 400.000 Kunden. Die Umsätze stiegen laut Unternehmen zuletzt auf 40 Millionen Dollar. Seit einem Jahr bietet das Startup mit One zusätzlich auch eine eigene Hausrats- und Haftpflichtversicherungen per App an. Sie zählt inzwischen 70.000 Kunden.

In spätestens 20 Jahren will Teicke mit Wefox zur größten Versicherungsgesellschaft der Welt aufgestiegen sein. Das ist ambitioniert. Der Abstand zu den größten Versicherungsgesellschaften der Welt mit Umsätzen bis zu 130 Milliarden Dollar ist riesig. Wefox will in zehn Jahren zehn Milliarden Dollar verbuchen.

"Große Versicherer haben in Zukunft keine andere Wahl, als mit der Digitalisierung zu gehen. Anders können sie sich gar nicht behaupten", ist Kiera überzeugt. Zwar gäbe es bei den Versicherern gigantische Budgets für Digitalisierungsprojekte. Größtenteils würden damit aber bislang nur überalterte IT-Systeme am Leben gehalten.

Der Druck auf den Markt wächst. In Zukunft werden zwar immer mehr Player hinzukommen, doch große Versicherungsgesellschaften werden parallel dazu weiter existieren, ist sich Teicke sicher. Als Konkurrenz zu ihnen war Wefox aber sowieso nie gedacht. Das Startup will Versicherern vielmehr die Möglichkeit bieten, näher an den Kunden zu kommen. "Teicke hat sich nicht hingestellt und laut das Ende der Versicherungswirtschaft eingeläutet, sondern er hat eine Plattform gebaut, die Makler und Versicherer in die neue Welt mitnimmt", sagt Kiera.

Quelle: n-tv.de

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