Frage & Antwort

Archaeen, Bakterien, Mikroben Gibt es wirklich überall auf der Erde Leben?

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Ein bunter Schwefel-Salz-Tümpel in Dallol.

(Foto: Reuters)

Die Erde ist der einzige bisher bekannte Planet im All, auf dem es Leben gibt. Forscher können Mikroorganismen nicht nur im Wasser oder im Boden, sondern sogar im Toten Meer nachweisen. Die einfachen Lebensformen passen sich an und sind deshalb überall auf der Welt verbreitet - wirklich überall?

Death Valley, Totes Meer oder Tal des Todes in Russland: Bisher sind Wissenschaftler davon ausgegangen, dass selbst in den unwirtlichsten Regionen der Erde einfache Lebensformen existieren. Bestimmte Mikroorganismen wie beispielsweise sogenannte Archaeen, die auch als Urbakterien bezeichnet werden, haben sich an extremste Bedingungen perfekt angepasst. Sie ließen sich beispielsweise in Vulkangasen und schwermetallhaltigen Böden nachweisen. Auch in Umgebungen mit sehr hohem Salzgehalt, wie dem Toten Meer, oder außergewöhnlich hohen Drücken, wie etwa im Marianengraben, konnten einfach gebaute Mikroorganismen nachgewiesen werden. In der Fachsprache werden diese Lebensformen unter dem Begriff Extremophile zusammengefasst.

Doch vor einigen Monaten ist es Forschern von der Université Paris-Saclay gelungen, diese bisherige Annahme zu widerlegen. Das Team um Jodie Belilla hat nach eigenen Angaben einen völlig toten Ort ausfindig gemacht. Es handelt sich dabei um die Dallol-Tümpel in der Danakil-Senke im Nordosten Äthiopiens. Die Forscher konnten in diesem Gebiet der Extreme keinerlei Leben nachweisen.

Der heißeste Ort der Welt

In den Tümpeln, die von vulkanischen Quellen gespeist werden und rund 100 Meter unter dem Meeresspiegel liegen, herrschen Temperaturen, die teilweise die 100-Grad-Celsius-Marke übersteigen. Zudem ist die Flüssigkeit extrem sauer und hat einen Salzgehalt von bis zu 70 Prozent. Die Region stellt nicht nur eines der außergewöhnlichsten Geothermalgebiete dar, sie gilt zudem als heißester Platz der Erde. Hier wurden die bisher höchsten durchschnittlichen Jahrestemperaturen weltweit registriert.

Obwohl die Lebensbedingungen in dieser Region unwirtlich sind, wollen Forscher in einer früheren Untersuchung Archaeen in dieser Region aufgespürt haben. Diese Lebensformen sollen sich den Angaben zufolge sogar an das Leben in den Dallol-Tümpeln angepasst haben. Da in der Wissenschaftswelt solche Annahmen immer mehrfache bestätigt werden müssen, um als wissenschaftlich erwiesen zu gelten, machten sich die Forscher um Belilla auf den Weg nach Daloll. Dort nahmen sie eine Reihe von Proben und überprüften diese mikroskopisch sowie mit Gen- und chemischen Analysen. Zudem starteten sie Versuche, Mikroben im Labor zu kultivieren. Es stellte sich dabei heraus, dass es weder in den Daloll-Tümpeln noch in den benachbarten magnesiumreichen Salzseen mikrobielles Leben gibt. Damit widerlegten die Forscher die vorherigen Ergebnisse, gaben zugleich jedoch eine mögliche Erklärung für diese Befunde.

Genmaterial von Touristen

Obwohl es einige Hinweise auf Mikroben gab, stellte sich bei der Genanalyse dieser heraus, dass es sich dabei um Kontaminationen handelte. Einige davon stammten direkt von der Laborausrüstung der Forscher. Andere konnten Haar- und Hautschuppen zugeordnet werden, die offenbar von Touristen kamen, die keine Hürden gescheut haben, um sich das farbenprächtige und äußerst unwirtliche Gebiet anzusehen. Wegen einer Reihe stark giftiger Gase und dem Gestank kann man hier bestimmte Regionen nur mit Atemschutzmasken betreten. Abenteuerlustige Urlauber schreiben in ihren Reiseberichten oftmals, sie hätten sich wie auf einem anderen Planeten gefühlt - der durchaus auch gefährlich ist. Besucher werden vor Ort von ihren Tour-Guides immer wieder dazu angehalten, langsam und vorsichtig zu laufen, denn es besteht die Gefahr, in den porösen Boden einzubrechen. In den blubbernden Tümpeln darunter befindet sich aufsteigende Säure, die bei Kontakt zum Körper zu schlimmen Verätzungen führt.

Auch die Reste verschiedener Archaeen, die die Forscher vor Ort fanden, werden nicht direkt den Tümpeln, sondern der Umgebung zugeordnet. In der umliegenden Wüste und den angrenzenden Salz-Canyons können sich diese Extremophile gut ausbreiten. In den Tümpeln allerdings sterben sie. Höchstwahrscheinlich wurde das genetische Material der Mikroorganismen, das aus den Proben stammt, mit dem Wind in die Tümpel geweht.

Mehrere tödliche Faktoren

Die Forscher sind sich sicher, dass sie mit den Dallol-Tümpeln einen völlig toten Ort auf der Erde gefunden haben. Auch die anpassungsfähigsten Organismen schaffen es nicht, hier zu überleben. Die Kombination aus mehreren Extremen sei das Problem, schreiben die Forscher in der Veröffentlichung, die 2019 im Fachmagazin "Nature Ecology & Evolution" erschienen ist. Ein pH-Wert von Null (stark sauer) und gleichzeitig ein Salzgehalt von mehr als 35 Prozent in einer Flüssigkeit sind auch für Extremophile zu hohe Anpassungsanforderungen. Hinzu kommt ein dritter lebensfeindlicher Faktor: der hohe Anteil an Magnesiumsalzen, der wichtige Biomoleküle angreift und zerstört.

Die Forscher können mit ihren Ergebnissen gleich mehrere Denkanstöße geben. Es gibt also auch auf der Erde einen Ort, an dem es zwar einen gewissen Anteil an Wasser gibt, aber gleichzeitig kein Leben existieren kann. Dieser neue Ansatz von den Grenzen des Lebens auf der Erde könnte auch ein Hinweis auf die Grenzen von Leben im All sein. Bisher ist die Auffassung verbreitet, dass Wasser die Grundlage für Leben ist.

Übrigens: Dallol bedeutet in Afar, der Sprache, die vom Volk der Afar in Äthiopien, Eritrea und Dschibuti gesprochen wird, so viel wie "Auflösung". Ebenso kann Dallol auch als "Ort ohne Wiederkehr" oder "Eingang zur Hölle" wiedergegeben werden.

Quelle: ntv.de