Frage & Antwort

Frage & Antwort, Nr. 542 Warum die Zeit beim Warten kriecht

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Beim Warten auf die U-Bahn scheint die Zeit manchmal besonders langsam zu vergehen.

imago/Westend61

Wer kennt es nicht: Wenn man auf etwas wartet, vergeht die Zeit am langsamsten. Hingegen geht ein schöner Urlaub im Nu vorbei. Woran das liegt, daran forschen Psychologen. Und es gibt auch Tipps, was man gegen kriechende Zeit unternehmen kann.

Man sitzt alleine an der Bar, die Verabredung lässt auf sich warten - jede Minute gleicht einer Ewigkeit. Der lang ersehnte Urlaub hingegen ist schon fast wieder vorbei, kurz nachdem er begonnen hat - die Tage vergehen wie im Flug. Jeder kennt das: Die Dauer von Zeit wird je nach Situation ganz unterschiedlich wahrgenommen. Aber warum ist das so?

"Wenn Menschen warten müssen und sich dabei nicht ablenken können, kommt ihnen die Zeit meist ziemlich lang vor", sagt Isabell Winkler vom Institut für Psychologie der Technischen Universität Chemnitz über das Phänomen. In ihrem aktuellen Forschungsprojekt geht sie der Frage nach, wieso die Zeit in manchen Situationen schleicht, in manchen rasend schnell vergeht.

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In einem aufregenden Urlaub vergeht die Zeit wie im Flug.

(Foto: imago/Aurora Photos)

Das Warten dauert laut der Forscherin gefühlt deshalb so lange, "weil man sich auf die verstreichende Zeit konzentriert". Allerdings werde diese dabei auch viel genauer und besser wahrgenommen. "Lenkt man sich ab, etwa durch das Internet, Videos schauen oder Musik hören, scheint die Zeit schneller zu vergehen", weiß Winkler. Aber eigentlich werde die tatsächliche Dauer tendenziell unterschätzt. Und nicht nur Ablenkung, auch emotionale Ereignisse oder körperliche Anstrengung führten dazu, dass Zeit falsch wahrgenommen werde.

Hinweg dauert gefühlt länger als Rückweg

Was paradox anmutet: Während eine hohe Ereignisdichte dazu führt, dass die Zeit zu verfliegen scheint, kommt einem dieser Zeitraum im Nachhinein jedoch besonders lang vor. Denn bei der rückblickenden Einschätzung einer Zeitdauer steht laut Winkler im Vordergrund, welche Ereignisse in Erinnerung geblieben sind und wie routiniert die Handlungen waren.

So ist etwa das Phänomen zu erklären, warum der Hinweg zu einem unbekannten Ort länger zu dauern scheint als der Rückweg. Da Ersterer neu und unbekannt ist, achtet man mehr auf die Umgebung und speichert viele Ereignisse ab. Auf dem Rückweg hingegen ist die Wahrnehmung bereits von Routine geprägt, da man die Strecke ja schon kennt. Durch die höhere Zahl an abgespeicherten Ereignissen scheint der Hinweg daher länger gedauert zu haben.

So lässt sich auch erklären, warum die Zeit als Kind scheinbar schneller vergeht als im Erwachsenenalter. "Kinder erleben natürlicherweise mehr Dinge zum ersten Mal und nehmen diese dadurch vermutlich intensiver und detailreicher wahr", so die Forscherin. Die zunehmende Routine im Laufe eines Lebens führe hingegen zu "weniger intensiv und bewusst erlebten Ereignissen oder Handlungen".

Stress lässt Zeit verfliegen

Ein weiterer Einflussfaktor auf das Zeitempfinden sind laut der Forscherin Stress und Zeitdruck, welche die Zeit rasen lassen. Warum? In Stresssituationen habe man einfach keine Zeit, an die Zeit zu denken. Aber in dieser Phase werde auch rückblickend die Zeitspanne als kürzer wahrgenommen, so Winkler. Denn der Mensch sei in Stresssituationen weniger achtsam und erlebe dadurch auch weniger. "Meist müssen mehrere Dinge gleichzeitig erledigt werden und man kann sich nicht die Zeit nehmen, sich auf Einzelheiten zu konzentrieren."

Übrigens: Man kann aktiv gegen kriechende Zeit vorgehen, verrät die Zeitforscherin - etwa bei einen langweiligen Vortrag. So könne man die wahrgenommene Zeit beschleunigen, indem man sich selbst ablenkt. Ihr Tipp: Man muss sich auf seine Umgebung konzentrieren und versuchen, alles achtsam zu erleben - den eigenen Körper, den Atem oder auch die anderen Zuhörenden und den Vortragenden.

Quelle: n-tv.de

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