Frage & Antwort

"Mensch kein idealer Navigator" Warum gehen wir nie den kürzesten Weg?

236187100.jpg

Auf der Karte ist der kürzeste Weg leicht zu ermitteln - nicht aber beim Navigieren durch die Stadt.

(Foto: picture alliance / dpa-tmn)

Wie wählen wir unseren Weg durch die Stadt? Im hektischen Alltag ist der kürzeste wohl oft der sinnvollste Weg. Diesen zu finden, fällt den meisten Menschen jedoch besonders schwer, wie eine Studie nun herausfindet. Stattdessen wendet unser Gehirn einen Trick an, der in die Irre führt.

Im Alltag muss es schnell gehen. Ob das Meeting mit Kollegen, der schnelle Einkauf am Abend oder ein Friseurtermin - es gilt, pünktlich zu sein. Natürlich ist es wichtig, rechtzeitig loszugehen. Allerdings ist eben auch entscheidend, wie lange es dauert, von der eigenen Wohnung zum Büro zu gelangen. Menschen sind daher ständig auf der Suche nach dem kürzesten Weg. Die Luftlinie zwischen Start- und Zielpunkt auf einer Landkarte zu bestimmen, ist nicht schwer. In der Stadt - gesäumt von unzähligen Straßen, Gängen und Hindernissen - gibt es jedoch viele Wege. Welche Route nehmen Menschen intuitiv? Nach welchen Kriterien treffen sie ihre Entscheidung?

Genau das untersuchte das Forscherteam um Christian Bongiorno vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge. Das Ergebnis ist überraschend: Die meisten Fußgänger entschieden sich nicht für den kürzesten Weg, sondern wichen - mal mehr mal weniger deutlich - von der schnellsten Route ab. "Die Mehrheit der menschlichen Routen in unserem Datensatz unterschied sich substanziell von den Routen, die Google Maps für diese Wege vorschlug", heißt in der Studie im Fachmagazin "Nature Computational Science". Außerdem wurde die Abweichung vom kürzesten Weg größter, "wenn die Entfernung zwischen Start und Ziel zunimmt".

Warum entscheiden sich die meisten Menschen trotz des hektischen Alltags für eine längere Route? Grund ist eine Strategie, die intuitiv kürzer erscheint, aber vom tatsächlich schnellsten Weg ablenkt. "Die Richtung auf das Ziel ist offenbar der Haupttreiber für die Planung unserer Wege", erklären die Forscher dazu.

Hin- ist nicht gleich Rückweg

So fiel den Wissenschaftlern bei der genaueren Analyse der rund 550.000 untersuchten Wege auf, dass die meisten Fußgänger sich für die Route entschieden, die möglichst wenig von der Richtung des Ziels abweicht. Oder anders: Menschen wollen bei ihrem Weg durch die Stadt unterbewusst möglichst genau auf das Büro, den Friseursalon oder den Supermarkt zusteuern. Kurzfristige Abweichungen oder gar Abbiegungen werden vermieden - auch wenn es dies im Gewirr einer Stadt oft effizienter wäre. Die Forscher tauften diese Art der Navigation daher den "pointiest Path" (den am stärksten auf das Ziel gerichtete Weg).

Bongiorno und seinem Team machten noch eine weitere Entdeckung: Die "vektorbasierte Navigation" führt dazu, dass sich der Rückweg oft leicht vom Hinweg unterscheidet. Das liege daran, heißt es in der Studie, dass viele Menschen besonders am Anfang des Weges nicht von der Zielrichtung abweichen wollen. Das galt sowohl im verschlungenen Straßennetz von Boston als auch im eher rasterartig aufgebauten San Francisco.

Die Wissenschaftler nehmen an, dass es sich bei Auswahl des Weges um eine Kompromisslösung des Gehirns handelt, um Ressourcen zu sparen. "Die vektorbasierte Navigation zeigt zwar nicht den kürzesten Weg, ist aber nahe genug dran und einfacher zu ermitteln", erklärt Seniorautor Carlo Ratti vom MIT in einer Mitteilung. "Dieser Kompromiss ermöglicht es unserem Gehirn, die eingesparte Rechenleistung für andere Dinge zu nutzen - vor 30.000 Jahren war dies beispielsweise das Entkommen vor einem Löwen, heute ist es eher die Frage, wie ich einem SUV ausweichen kann", so Ratti.

Stadtplanung an menschliche Vorliebe anpassen?

Dass die Wegwahl wohl evolutionsbedingt ist, unterstreicht auch die Ähnlichkeit zur Tierwelt. So verlassen sich "viele Tiere wie Nagetiere, Fledermäuse und Katzen" ebenfalls auf die vektorbasierte Routenplanung, wie Studien bewiesen haben. Die Ergebnisse von Bongiorno und seinem Team könnten für viele Bereiche bedeutend sein, heißt es in der Studie. So könnten sie helfen, "die menschliche Mobilität zu unterstützen oder die menschliche und maschinelle Intelligenz besser miteinander zu verbinden."

Generell könnte die Stadtplanung an die menschliche Vorliebe für Wege-Entscheidungen angepasst werden, um es Fußgängern leichter zu machen. Denn "basierend auf den Daten von Tausenden Fußgängern scheint eines klar", so Ratti: "Der Mensch ist kein idealer Navigator."

Quelle: ntv.de, spl

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen