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Ohne Karten und Sextanten Tiere sind navigatorische Superhelden

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Karte und Kompass sind bei vielen Arten sozusagen eingebaut.

(Foto: imago images/Cavan Images)

Mistkäfer lassen sich vom Licht der Milchstraße leiten, Lachse folgen ihrer Nase und Bakterien navigieren am Erdmagnetfeld. Jede einzelne dieser Tatsachen erscheint unglaublich. Genau so ergeht es auch David Barrie, wenn er den inneren Kompass der Tiere erkundet.

In Zeiten, in denen immer mehr Menschen ohne Navigationsprogramme einfach verloren gehen würden und schon das Lesen eines Stadtplans wie eine geheime Superkraft anmutet, scheint es umso faszinierender, wie Tiere ihren Weg, ihren Fortpflanzungspartner oder ihr Futter finden. Der Philosoph, Segler und Schmetterlingsforscher David Barrie teilt diese Faszination uneingeschränkt und hat ihr deshalb ein ganzes Buch gewidmet.

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Unglaubliche Reisen: Vom inneren Kompass der Tiere
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Im Vorwort von "Unglaubliche Reisen - Vom inneren Kompass der Tiere" schreibt er: "Überall sind Lebewesen aller Arten und Größen unterwegs, menschliche und tierische. Sie suchen vielleicht Nahrung oder einen Paarungspartner; möglicherweise wandern sie, um der Kälte des Winters oder der Hitze des Sommers zu entgehen; oder sie sind einfach auf dem Weg nach Hause. (...) Das Finden des richtigen Weges ist in jedem Fall für sie eine Frage des Überlebens."

Satelliten, Kamerafallen, Drohnen, winzige Ortungssender und DNA-Sequenzierungen erlauben heute Schlüsse über die Bewegungen von Individuen oder Tiergruppen, die noch vor wenigen Jahrzehnten undenkbar waren. Wie groß dieser Wissensgewinn lässt sich ermessen, wenn man sich klarmacht, dass noch vor 30 Jahren Herden Afrikanischer Elefanten regelrecht "verschwanden", wenn sie während der Regenzeit die Grenzen des Nationalparks überschritten, in dem sie normalerweise unter menschlicher Beobachtung standen. Noch vor 300 Jahren galt die Theorie als plausibel, dass Störche die Winter auf dem Mond verbrachten. Inzwischen haben Wissenschaftler zahlreiche Erkenntnisse darüber gewonnen, wie Tauben, Schildkröten oder Monarchfalter auf Kurs bleiben, einige von ihnen hat Barrie bei ihren Forschungsarbeiten besucht.

Plaudern über Wissenschaft

Und er hat jede Menge eigene Gedanken und Erinnerungen zu jeder neuen Spezies, deren Orientierungssinn er unter die Lupe nimmt. Als Leser muss man also darauf gefasst sein, dass es, bevor es bei den Fähigkeiten des Monarchfalters konkret wird, zunächst auf eine Reise geht. In die Schulklasse von Mr. Steadman, der eigentlich Barries Mathelehrer war, aber ein großes Interesse an Insekten hatte und der dem jungen David die Puppe eines Monarchfalters bestellte, aus der leider nie ein Falter schlüpfte.

Erst etwa 150 Seiten später erfährt man dann, wie zunächst die Überwinterungsgebiete der Insekten gefunden wurden - in den 1970er-Jahren mit aufgeklebten Papierzetteln und Zeitungsannoncen. Inzwischen weiß man, dass die Falter über ihre Fühler Informationen sammeln, die dann im zentralen Hirnkomplex verarbeitet werden. Dabei reagieren sie nicht nur auf den Stand der Sonne, sondern auch auf durch Lichtpolarisation entstehende E-Vektoren. Denkbar erscheint außerdem, dass sich Monarchfalter auch an magnetischen Kräften und an Geruchsmarken orientieren.

Der Monarchfalter ist nur eine von zahlreichen Arten, die Barrie in ihren oft raffinierten und noch öfter unglaublichen Orientierungsfähigkeiten und -strategien beschreibt. Dazu gehören Mistkäfer, die sich vom Licht der Milchstraße leiten lassen, Lachse, die wirklich ihrer Nase folgen oder Bakterien, die am Erdmagnetfeld navigieren.

Undenkbares ist möglich

Jede einzelne Strategie hat ihre besonderen Herausforderungen. Im Fall der Arten, die sich den Geomagnetismus zunutze machen, gibt es gleich mehrere Theorien, die sich allesamt als falsch oder auch alle als richtig erweisen könnten. Weil Magnetismus lebendes Gewebe leicht durchdringt, müssen schon die Sinneszellen, die magnetische Reize aufnehmen, tief im Inneren des Tieres verortet sein. Diese Magnetorezeptoren müssten nicht einmal besonders groß sein oder könnten sogar in einer nicht identifizierbaren Struktur vorliegen.

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Im Inneren der besagten Bakterien befinden sich beispielsweise mikroskopisch kleine kristalline Ketten aus Magnetit, mit denen sie sich - ähnlich wie eine Kompassnadel - immer wieder passiv ausrichten. Honigbienen haben hingegen einen Magnetiten im Hinterleib, Forellen in der Nase. Von Blauflossen-Thunfischen wird angenommen, dass sie ihren Magnetkompass mit besonderen Steiltauchgängen in der Dämmerung kalibrieren.

Wo immer Barrie auch ansetzt, er startet jedes Mal in eine spezielle Welt mit Orientierungsmöglichkeiten, die man kaum für möglich gehalten hätte. Dass er dabei nicht absolut jeden Aspekt berücksichtigt, fällt vermutlich nur absoluten Fachleuten auf. Barrie zeigt sich aber auf wundervolle Weise immer wieder neu "sprachlos vor Bewunderung für die außergewöhnlichen Fähigkeiten der Navigatoren des Tierreichs". Diesen Zauber vermittelt er auf anregendste Weise seinen Lesern und wirft dabei immer wieder tiefgreifende Fragen über unsere Welt und die sich verändernde Beziehung der Menschen zu ihr auf.

Quelle: ntv.de

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