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Ob eine Geste oder ein Kompliment: Sie können vorab Gespräche positiv beeinflussen - wie bei Angela Merkel und Jacques Chirac.
Ob eine Geste oder ein Kompliment: Sie können vorab Gespräche positiv beeinflussen - wie bei Angela Merkel und Jacques Chirac.(Foto: picture-alliance/ dpa)
Dienstag, 23. Januar 2018

Frage & Antwort, Nr. 517: Warum vermeiden Deutsche Komplimente?

Von Lisa Schwesig

Ein gut platziertes Kompliment kann jedem einen guten Tag bescheren. In Deutschland teilen Menschen solche Höflichkeiten nur selten miteinander. Dabei kann es so leicht sein, jemandem verbal eine Freude zu bereiten.

"Dieser Pullover steht dir ausgesprochen gut", sagt eine Frau zur anderen, woraufhin diese erwidert: "Der ist schon ganz alt und war auch nicht teuer". Dieser Dialog steht exemplarisch für viele Gespräche dieser Art und wird in ähnlicher Weise häufig in deutschen Büros und Freundeskreisen geführt. Er beschreibt ein allgemeines Problem, das viele Menschen in Deutschland haben: Komplimente werden nur spärlich verteilt und können selten angenommen werden.

"Komplimente entsprechen nicht der deutschen Art", sagt Alexandra Sievers. Sie sitzt im Vorstand der Deutschen-Knigge-Gesellschaft und ist Expertin für zeitgemäße Umgangsformen und Rhetorik. "Die Deutschen sind zur Bescheidenheit erzogen und nicht dazu, sich herauszustellen", erklärt die Kommunikationstrainerin und fügt das schwäbische Sprichwort an: "Ned g'schempfd isch gnug g'lobd." (Nicht geschimpft ist genug gelobt.) Demnach legt die deutsche Erziehung es nicht nahe, Komplimente zu heischen.

Heute schon ein Kompliment bekommen? Nein? Dann reißen Sie sich doch eines ab!
Heute schon ein Kompliment bekommen? Nein? Dann reißen Sie sich doch eines ab!(Foto: imago stock&people)

Viele Menschen hätten aber auch Angst, mit Galanterie einen falschen Eindruck zu erwecken. "Sie fürchten, dass ein Kompliment als Schleimerei oder Schmeichelei vom Gegenüber aufgefasst wird", sagt Sievers. Daneben berge ein Kompliment die Gefahr, falsch verstanden zu werden. "Viele Menschen haben Angst, jemandem mit einem Kompliment zu nahe zu treten oder zu persönlich zu werden."

Egoismus ist fehl am Platz

Vor allem im Zuge der #Metoo-Debatte hat sich die Komplimentkultur in Deutschland verändert. Besonders Männer trauen sich kaum noch, auf Besonderheiten beim anderen Geschlecht hinzuweisen, wie männliche Stimmen in den Medien der vergangenen Wochen belegen. Die Angst, einen Fehltritt zu begehen und die Unsicherheit, eine Frau verbal mit einer Äußerung sexuell zu belästigen, sind groß.

Sievers rät ungeübten oder unsicheren Menschen dazu, ehrlich und aufrichtig zu bleiben und das Kompliment an die Situation und das Gegenüber anzupassen. "Viele wollen mit einem Kompliment etwas anderes erreichen." Eine egoistische Intention werde meist schnell negativ aufgefasst. Selbstsüchtige Motive können beispielsweise eine beabsichtigte Erwiderung oder ein zu erwartender Gefallen sein.

Laut der Expertin ist es aber nicht schwer, ein gutes Kompliment zu platzieren: "Das sollte ich immer dann machen, wenn ich einen guten Grund dafür habe." Die beste Reaktion auf ein Kompliment sei ein Lächeln und ein "Danke", erklärt Sievers. Außerdem gibt sie folgende fünf Ratschläge für ein gelungenes Kompliment:

  • Ein Kompliment muss ehrlich gemeint sein: Falsche Komplimente werden meist sofort enttarnt.
  • Ein Kompliment muss zur Situation passen: Wer übertreibt, wirkt unglaubwürdig.
  • Ein Kompliment muss zum Kontext passen: Was im privaten Umfeld stimmig ist, kann im Beruf daneben sein.
  • Ein Kompliment muss zur Person passen und darf nicht zu intim sein: Der Empfänger soll sich freuen und muss es "ertragen" können.
  • Ein Kompliment darf keine Hintergedanken haben: Es soll keinem Zweck dienen, sondern Freude schenken.

Besonders im beruflichen Umfeld rät die Benimmtrainerin aber zur Vorsicht: "Wenn der Vorgesetzte einer Angestellten ein Kompliment für ihre schönen langen Beine macht, ist das unangemessen. Stattdessen könnte er ihre fröhliche Art hervorheben." Sie warnt aber auch davor, zu häufige oder zu abgedroschene Höflichkeiten auszutauschen.

Übrigens: Der 24. Januar ist in Deutschland der Tag des Kompliments. Also sprechen Sie Ihren Kollegen oder Ihre Kollegin an diesem Tag auf seine oder ihre gut gewählte Garderobe oder seine beziehungsweise ihre schöne Handschrift an. Dadurch wird er oder sie sich besser fühlen und das strahlt auch auf Sie zurück.

Quelle: n-tv.de