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Nach langem Schweigen hat #MeToo viele Frauen ermutigt, mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen.
Nach langem Schweigen hat #MeToo viele Frauen ermutigt, mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen.(Foto: REUTERS)
Donnerstag, 11. Januar 2018

Ein Hashtag als Schandmal: Warum #MeToo zu scheitern droht

Ein Kommentar von Judith Görs

Nie hat die männliche Hollywoodprominenz vor einem Hashtag derart gezittert: #MeToo hat Belästigungsopfern eine Stimme gegeben und Karrieren beendet. Doch die breite Resonanz auf die Initiative erweist sich zunehmend als Bumerang.

Da hängen sie nun am digitalen Pranger - Dustin Hoffman, James Franco, Ben Affleck und viele weitere. Michael Douglas legt sich die Schlinge zuletzt sogar selbst um den Hals, indem er Vorwürfe der sexuellen Belästigung gegen ihn thematisiert, bevor sie überhaupt publik geworden sind. Der Schauspieler wird beschuldigt, vor 32 Jahren vor seiner damaligen Angestellten masturbiert zu haben und fürchtet nun um seine Karriere. Douglas weiß (und die Erfahrung lehrt es), dass die Öffentlichkeit auch dann ihr Urteil fällt, wenn die Schuldfrage nie vor einem Gericht geklärt wird. Das ist nicht nur für den 73-Jährigen ein Problem, sondern auch für die #MeToo-Debatte. Denn was Letzterer zunehmend fehlt, ist die Sachlichkeit.

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Als TV-Star Alyssa Milano den Hashtag #MeToo und die dahinter stehende Initiative im vergangenen Oktober mit nur einem Tweet populär machte, hat sie ganz sicher nicht sachlich sein wollen. Das musste sie auch nicht. Ihr ging es darum, die Opfer sexuellen Missbrauchs zu ermutigen, mit ihren Erlebnissen an die Öffentlichkeit zu gehen. Gut so.

Für die Betroffenen war das natürlich ein hochemotionaler Vorgang. Und die enorme Resonanz bewies, dass der Fall Harvey Weinstein keineswegs ein Einzelfall ist. Ja, es gibt sie - Männer, die ihre Macht ausnutzen, um Frauen zu erniedrigen. Wenn nur einige von ihnen jetzt für ihre Taten juristisch zur Rechenschaft gezogen werden, dann ist das ganz sicher ein Verdienst von #MeToo. Doch die Kampagne hat sich längst von ihrem Ursprung entkoppelt. Und das keineswegs in einem positiven Sinn.

Worüber reden wir eigentlich?

Als Moderator Seth Meyers bei der Verleihung der Golden Globes scherzte, es sei das erste Mal seit drei Monaten, dass männliche Stars keine Angst haben müssten, wenn ihr Name laut vorgelesen werde, zeigte sich das ganze Dilemma: Die Kampagne, die viel Gutes bewirkt hat, ist aus dem Ruder gelaufen. Schon im November mahnte #MeToo-Initiatorin Tarana Burke, es dürfe nicht nur darum gehen, (mutmaßliche) Täter zu benennen. "Wir müssen uns auf das System fokussieren, das sexuelle Gewalt hervorbringt." Ihr Appell verhallte.

#MeToo-Initiatorin Tarana Burke (l.) an der Seite von Schauspielerin Michelle Williams bei den Golden Globes.
#MeToo-Initiatorin Tarana Burke (l.) an der Seite von Schauspielerin Michelle Williams bei den Golden Globes.(Foto: imago/UPI Photo)

Stattdessen droht #MeToo nun, zum Schandmal zu werden - nicht nur für Vergewaltiger, sondern auch für ewig gestrige Chauvinisten. (Und ja, zwischen beiden besteht ein Unterschied). Die Frage ist: Worüber reden wir eigentlich, wenn wir #MeToo meinen? Dass Fälle von Vergewaltigung, sexueller Belästigung oder schlicht Alltagssexismus in einer Debatte vermengt werden, kann nicht im Sinne der Sache sein. Denn diese Fälle erfüllen völlig unterschiedliche Straftatbestände (oder überhaupt keine) - und es gibt gute Gründe dafür, warum das Recht an dieser Stelle Trennlinien zieht.

Ja, eine Debatte über alltäglichen Sexismus - etwa am Arbeitsplatz - ist überfällig. Doch wenn im Zuge der #MeToo-Debatte jede unangebrachte Anmache und jeder anzügliche Spruch zum traumatischen Erlebnis erklärt werden, ist das auch ein Schlag ins Gesicht für Opfer schwerster sexueller Gewalt. Und um sie geht es in der Kampagne schließlich. Diese Fallhöhe im öffentlichen Diskurs hatte zuletzt auch die französische Filmdiva Catherine Deneuve thematisiert - und wurde dafür als Nestbeschmutzerin abgewatscht, die nicht verstanden habe, worum es #MeToo gehe. Auch so etwas macht eine sachliche Debatte unmöglich.

Wie Hollywood #MeToo benutzt

Den vorläufigen Gipfel der Gleichmacherei aber markierte der "All in Black"-Dresscode bei den Globes. Filmdiven und Showgrößen trugen schwarze Roben - aus Solidarität mit den Opfern sexueller Gewalt. Danach gefragt, erklärte Heidi Klum auf dem roten Teppich, sie hätte sich eine andere Farbe gewünscht. Schwarz sei ihr zu ernst. Schwer vorstellbar, was Weinstein-Opfern wie Schauspielerin Rose McGowan (die übrigens nicht zur Verleihung eingeladen war), bei solchen Wortmeldungen durch den Kopf geht. McGowan war eine der ersten prominenten Aktivistinnen in der #MeToo-Bewegung - und muss nun Sorge haben, dass ihr Engagement zum hippen Hollywood-Trend verklärt wird.

Bei aller Kritik gibt es sie natürlich - jene Hollywoodgrößen, die es durchaus ernst meinen mit ihrem Bekenntnis zur Solidarität. Unter dem Motto "Time's Up" - die Zeit ist um - haben 300 Prominente bisher 13 Millionen Dollar gesammelt, um Opfern sexueller Belästigung zu helfen. Dennoch täte Burke als Initiatorin der #MeToo-Bewegung gut daran, sich nach Monaten maximaler Medienpräsenz aus dem Blitzlichtgewitter zurückzuziehen, sich nicht vor den Karren einer neuen Debatte (etwa um Filmgagen) spannen und Spendengelder in konkrete Hilfsprojekte fließen zu lassen. Hollywood muss selbst beweisen, wie reformwillig es ist. Ganz ohne Hashtag.

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Quelle: n-tv.de