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Familienauto für den Rundkurs AMG GT 4-Türer - das schöne Biest

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Der Mercedes-AMG GT als 4-Türer in seiner familienfreundlichsten und potentesten Ausführung als 63 S.

(Foto: Holger Preiss)

Ein Familienauto mit Rundkurs-Qualitäten bot bis dato nur Porsche mit dem Panamera. Jetzt hat man in Stuttgart mit dem Mercedes-AMG GT 4-Türer nachgelegt. Der GT hat seine Qualitäten bereits unter Beweis gestellt. Kann der Familienflitzer da mithalten?

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Anders als im CLS 53 reist es sich im GT 4-Türer durchaus etwas härter.

(Foto: Holger Preiss)

Der eine oder andere wird sich fragen, warum es denn bei Mercedes jetzt auch noch einen GT 4-Türer braucht. Die Stuttgarter haben doch diese Luxus-Sport-Coupé-Lücke bereits mit dem CLS 53 gefüllt. Nun, nicht ganz. Während der CLS auch in der 53er-Ausführung, also als AMG den Gentleman gibt, ist der GT ein Biest. Doch auch hier kann man das nicht allein stehen lassen und so gibt Vitalis Enns aus der AMG-Designabteilung deutlich zu verstehen, dass es sich hier "um eine Mischung aus der Schönen und dem Biest handelt". Biest ist der GT 4-Türer an der Front mit Panamericana-Grill, "Predator-Augen" und massiven Lufteinlässen. Auch das Heck entspricht mit den schmalen LED-Leuchten, der vierflutigen Abgasanlage und den seitlichen Luftauslässen im Stoßfänger eher der Optik eines Raubtieres denn der einer Holden.

Die Schönheit sieht Enns in der seitlichen Linienführung, dem sich lang spannenden Körper, der aus der Motorhaube entspringenden A-Säule oder der ins Heck fließenden Dachlinie. Man kann diesen Ausführungen folgen oder man kann es lassen. Fakt ist, dass der GT 4-Türer eine gelungene Erweiterung des zweisitzigen GT ist. Und damit ist der Affalterbacher zum Familien-Racer aufgestiegen. Ja, wie der CLS 53 gibt es den GT auch als GT 53. Und natürlich steht die Nomenklatur hier für das gleiche Triebwerk: einen Reihensechszylinder, der aus drei Litern Hubraum 435 PS schöpft und 520 Newtonmeter an alle vier Räder weiterreicht. Zusätzlich liefert der Boost-Startergenerator über das 48-Volt-Bordnetz kurzzeitig 22 PS und 250 Newtonmeter Drehmoment. In Summe wirft die AMG Speedshift 9-Gang-Automatik für einen Augenblick und vollvariabel bei Bedarf 770 Newtonmeter auf die Achsen.

Unterschiede im Detail

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Im Mercedes-AMG GT 4-Türer findet jeder seinen Platz.

(Foto: Holger Preiss)

So, und jetzt kommen wir zu dem, was den GT 53 vom CLS 53 unterscheidet. Während der Luxusgleiter mit der in Affalterbach entwickelten Mischung aus dem AMG-Ride-Control-Fahrwerk und Luftfahrwerk daherkommt, fährt das schöne Biest mit AMG-Ride-Control-Fahrwerk mit Stahlfedern und adaptiver Verstelldämpfung deutlich härter über Querfugen. Das ist insofern zu verschmerzen, als dass die Fahrdynamik hier absolut in den Vordergrund gestellt wurde. Der viertürige GT lässt sich so schnell und dabei so spielerisch um die Kurven schlenzen, dass die Mundwinkel des in fantastische Integralsitze gepressten Piloten zuerst achtungsvoll nach unten gehen, um dann in ein zufriedenes Grinsen zu wechseln.

Gesteuert wird das alles natürlich zum einen über den Gasfuß, zum anderen durch die Fahrprogramme Comfort, Sport oder Sport Plus und die daraus resultierende Dämpferhärte. Die Einstellung erfolgt anders als beim GT beim 53er mit vier Türen optional, beim 63 S in Serie, über einen Drehknopf mit integriertem Display, der sich unterhalb der rechten Lenkradspeiche befindet. Wem das nichts ist, der kann die Steuerung auch über die Knöpfe in der Mittelkonsole vornehmen. Auch die sind mit einem integrierten Farbdisplay ausgestattet und in der Form eines V8 in der Mittelkonsole angeordnet. Unter ihnen befinden sich auch der ESP-Off-Knopf und der für die Sound-Anlage in Form der vierflutigen Abgastrompeten am Heck. Denn natürlich hat auch der Sechszylinder eine wunderbar tönende Klappensteuerung in den Endrohren.

Auf die Spitze getrieben

Auf die Spitze getrieben wird das alles in Form des 63 S. Wie schon beim zweitürigen GT pumpt hier unter der Motorhaube der 4,0-Liter-V8, der 639 PS leistet und nach wie vor unglaubliche 900 Newtonmeter bereits ab 2500 Kurbelwellenumdrehungen auf die Achsen wuchtet. In nur 3,2 Sekunden und damit 1,3 Sekunden schneller als der Sechsender sprintet das Kraftpaket auf Landstraßentempo. Auf dem Circuit of The Americas in Texas interessiert aber höchstens die Endgeschwindigkeit von 315 km/h. Auch hier übertrumpft er den kleinen Bruder deutlich. 30 km/h ist der V8 schneller. Nun muss aber der Ehrlichkeit halber gesagt werden, dass weder auf dem Rundkurs noch auf US-amerikanischen Highways solche Geschwindigkeiten gefahren werden. Obgleich das für Profis zweifelsohne mit der viertürigen Variante des GT möglich ist.

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Auf Wunsch stellt sich auch der GT 4-Türer quer.

(Foto: Dirk Weyhenmeyer)

Dennoch bekommt man auf einer Rennstrecke einen viel besseren Eindruck darüber, was solch ein Geschoss im Ernstfall leisten kann. Waren beim schnellen Kurvenlauf Richtung Rennstrecke die Mundwinkel nach oben gegangen, heften sie sich jetzt fest an die Ohrläppchen. Denn das Zwei-Tonnen-Geschoss ballert so souverän um die Kurven, dass man den spielerischen Kehrenlauf im Vorfeld gar nicht mehr ernst nehmen kann. Wie beim Sechszylinder überblenden sich der dominante Heck- und Allradantrieb permanent, um Traktion und Querdynamik zu verbessern.

Der stellt sich auf Wunsch quer

Dank einer vollvariablen Momentenverteilung bleibt die Möglichkeit zum Drift erhalten. Die kann man beim V8 im Übrigen wie beim Zweitürer über den einstellbaren Drift Mode zum Dauerspaß machen. Im Fahrprogramm Race lässt er sich über die Schaltpaddles aufrufen, sobald das ESP deaktiviert ist und dem Getriebe befohlen wurde, die Gänge nicht mehr automatisch einzulegen. Auf dem Race Track bleibt natürlich immer zu bedenken, dass das Querstellen nicht nur die 285 Schluffen der Mischbereifung am Heck (vorn 255er) belastet, sondern auch enorm Zeit und damit Plätze kostet. Wer also schnell sein will, der verzichtet auf das Schwänzeln mit dem Heck und nutzt den Modus Race mit all seinen elektronischen Straffungen bei Dämpfern, Schaltstufen, Motorsound, Klappensteuerung und Lenkung, um den Sieg einzufahren. Dabei unterstützt selbstredend auch die aktive Hinterachslenkung, die beim V8 Serie ist, für den Reihensechszylinder optional mit dem Dynamic-Plus-Paket geordert werden muss.

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Der Mercedes-AMG 4-Türer gibt sich ganz als Fahrmaschine, wie der Autor auf dem Circut of the Americans feststellen durfte.

(Foto: Dirk Weyhenmeyer)

Nicht optional, sondern Serie ist die Hochleistungs-Verbundbremsanlage. Wobei die Zangen vorn in 390er und hinten in 360er Scheiben beißen. Beim kleineren 53er sind vorn und hinten 360er Vollgussbremsscheiben verbaut. Das aber nur für die ambitionierten Runden-Racer. Für die gibt es dann auch den virtuellen Renningenieur in Form des AMG Track Pace. Damit können etliche Daten aufgezeichnet werden. Ist die Funktion aktiviert, werden während der Fahrt über die Rennstrecke über 80 fahrzeugspezifische Informationen wie Geschwindigkeit, Beschleunigung oder Höchstgeschwindigkeit zehn Mal pro Sekunde aufgezeichnet. Hinzu kommen die Anzeige von Runden- und Sektorzeiten sowie jeweils die Differenz zur Referenzzeit. Weil bestimmte Anzeige-Elemente grün oder rot aufleuchten, kann der Fahrer aus dem Augenwinkel ohne Ablesen von Zahlen erkennen, ob er aktuell schneller oder langsamer als die Bestzeit ist.

Alternative zu CLS 53 und Porsche Panamera

Nun hat der GT 4-Türer, wie es der Name schon verspricht, aber noch andere Vorteile. Zum einen den der Sitzverteilung, zum anderen den des Kofferraums. Immerhin fasst das Heckabteil 456 Liter, wenngleich das Packgut über eine recht hohe Ladekante versenkt und wieder ausgeladen werden muss. Wirklich komfortabel geht es auf den - je nach Wunsch - zwei oder drei Sitzplätzen in der zweiten Reihe zu. Vor allem, wenn der Fahrer die 1,80 Meter nicht überschreitet. Hier sind wir dann aber auch wieder bei den Ähnlichkeiten zum CLS 53.

Ebenfalls ähnlich dem CLS ist die Geräuschdämmung im Innenraum. Zugegeben, wenn auf der Rennstrecke alle Regler auf Performance stehen, ist selbst das Akustik-Komfort-Paket überfordert. Im normalen Lauf verhindert es aber Windgeräusche bis in hohe Geschwindigkeiten und macht den GT 4-Türer zu einem durchaus komfortablen Reise-Coupé. Insofern ist das schöne Biest aus Affalterbach dann auch die Antwort für die, die sich die Frage stellen, was es neben einem Porsche Panamera an volldynamischen Fahrzeugen gibt, mit denen man nicht nur Familie und Gepäck transportieren, sondern auf der Rennstrecke auch den Lewis Hamilton geben kann. Allerdings hat die vierfache Fahrfreude ihren Preis. In der kleinsten Ausführung als GT 43 startet der Viertürer bei 95.300 Euro. Wer sich für das Spitzenmodell in Form des 63 S entscheidet, der muss mindestens 167.000 Euro locker machen.

Quelle: n-tv.de

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