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Zwischen damals und heute BMW R nineT/5 - eine klangvolle Zeitreise

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Die BMW R nineT /5 ist kein Leichtfuß, lässt sich aber mit etwas Nachdruck schön in die Kurve legen.

(Foto: Markus Jahn)

Als sechstes Modell ziert die /5 die R nineT-Reihe von BMW. Doch während die anderen Modelle keine wirkliche Hommage waren, ist der neueste Aufschlag eine Reminiszenz an die vor 50 Jahren gebaute 75/5. n-tv.de macht sich auf zu einer Reise zwischen damals und heute.

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Ein Generationentreffen in Frankfurt. Wer die Schönere ist, mag jeder für sich selbst entscheiden.

(Foto: Markus Jahn)

Der Autor ist sich nicht sicher, ob es eine R 75/5 war, die an einer Tankstelle in den 80er-Jahren tief im Osten Deutschlands die Aufmerksamkeit einer Gruppe von jugendlichen S 51- und ETZ-Fahrern auf sich zog. Es ist auch nicht mit Bestimmtheit zu sagen, ob die BMW damals blau war, aber eins war klar: Sie hatte diesen Boxermotor, dessen zwei Zylinder so einzigartig aus den Seiten herausstachen.

Während also unsere Eintöpfe mit aufgesetzten Zylindern und maximal 21 PS unterwegs waren, hatte die Bayerin traumhafte 50 Pferde am Start. Allerdings war die seit 1969 im Werk in Berlin-Spandau gebaute BMW zur Zeit der mutmaßlichen Begegnung bereits älter als die jüngsten Mitglieder unserer Motorrad-Clique.

Stilechte Nähe

Egal, eine Probefahrt mit dem Kardanwellen-getriebenen Geschoss hätte keiner abgelehnt. Deshalb freut es den Autor einmal mehr, dass BMW seit 2014 mit der R nineT-Reihe ganz groß in die Retrowelle eingestiegen ist und jetzt mit der /5 eine Hommage an die R 75/5 präsentiert. In dem typischen Blau, mit Zierstreifen, Faltenbälgen, Chromzierelementen, weißem Leder und Propellerlogo an der Sitzbank ist die Neuauflage ganz dicht an der alten Dame dran. Hinzu kommen die Kniepolster an den Tankflanken, die seinerzeit das Verrutschen beim Knieschluss verhindern sollten.

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Das Design hat für eine entsprechende Nähe der R nineT /5 zur 75/5 gesorgt.

(Foto: Markus Jahn)

Auch beim Rahmen und dem Kardangehäuse hat man auf eine stilechte Nähe zum Urmodell geachtet. So sind Motor, Gabeltauchrohre und Schalldämpfer-Endkappe in Aluminiumsilber, alles andere ist Schwarz. Neu sind hingegen die 43er Telegabel, die es seinerzeit eben so wenig gab wie die Brembo-Bremsanlage, die richtig hart zupacken kann. Die gute alte 75/5 trommelte sich wie unsere Modelle aus Suhl und Zschopau zum Stillstand. Was aber auch an der Urenkelin zu finden ist, sind Drahtspeichenräder, die schon damals die 75/5 zierten. Allerdings messen die heutzutage 17 Zoll.

Keine fährt sich wie damals

Und wie der Autor die sehr gelungene Neuauflage noch aus allen Richtungen betrachtet, fällt ihm der Satz eines sehr erfahrenen Kollegen ein: "Kein heutiges Motorrad fährt sich so wie die Kisten damals, das war was völlig anderes." Und er hat recht. Mit den Leichtgewichten aus dem Osten, die in Form der ETZ 250 maximal 150 Kilogramm auf die Waage brachten und sich mit einer Reifenauflagefläche nicht größer als eine Briefmarke durch die Kurven kippelten, ist das, was da heute aufgezogen wird, tatsächlich nicht mehr zu vergleichen. An der 219 Kilogramm schweren R nineT /5 walken an der Vorderhand 120er und hinten 180er Metzeler Roadtec Z8 Interact.

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Natürlich fährt sich eine R nineT /5 nicht groß anders als eine Pure. Die liefert schließlich die Basis.

(Foto: Markus Jahn)

Jetzt aber endlich rauf auf den Bock, Schlüssel gedreht und den Starter betätigt. Mit einem herzhaften linken Haken erwacht der luft-ölgekühlte Boxer mit 1,2 Litern Hubraum zum Leben und feuert erst mal eine Salve Richtung nachfolgenden Verkehr ab. Alter Schalter, das mit dem Sound haben die Bajuwaren echt drauf. Na mal sehen, wann hier die nächste EU-Norm erbarmungslos zum Schweigen aufruft. Schade wäre es in jedem Fall, denn der gute Ton gehört zum Motorradfahren einfach dazu. Was haben wir früher an den Schalldämpfern rumgebohrt, damit sich eine S 51 so anhörte, wie wir uns den Klang einer Münch vorstellten.

Die klingt, wie sie klingen muss

Am Endrohr der BMW muss man nicht mehr bohren, die klingt, wie sie klingen muss: eindringlich und kampfbereit. Denn mit dem nicht gerade vibrationsarmen Boxer kann der Pilot auch ordentlich Attacke reiten. Ab 6000 Kurbelwellenumdrehungen reicht die Kardanwelle nämlich 116 Newtonmeter an das Hinterrad. Wann das genau passiert, kann nicht gesagt werden, denn wie in der Retro-Reihe üblich, gibt es lediglich einen analogen Tacho zum Ablesen der Geschwindigkeit. Das ist nach wie vor doof, denn selbst die olle ETZ hatte seinerzeit Tacho und Drehzahlmesser. Dass die Kraft aber da ist, wird spätestens dann spürbar, wenn es einen Gang nach oben geht und der Hahn richtig aufgezogen wird. Jetzt hebt sich, dank eines ordentlichen Schubs von hinten, auch gerne mal das Vorderrad. Ob das auch mit der 75/5 möglich gewesen wäre, kann nur gemutmaßt werden. In der puristischen Ausstattung der /5 ist jedenfalls zum Schutz gegen den Übermut auch eine serienmäßige Traktionskontrolle enthalten.

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Die Soundkulisse der R nineT /5 ist erste Sahne.

(Foto: Makus Jahn)

Ansonsten ist die neue /5 wie die gesamte Pure-Reihe ein stabiles und recht gutmütiges Motorrad. In die Kurven will sie geführt werden, lässt dann aber auch erstaunliche Schräglagen zu. Bei der ersten Ausfahrt in strömendem Regen bestanden auch die Metzeler ihre Wasserprobe. Kein Rutschen, keine Unruhe, wirklich gut. Und auch hier passt die kleine Symphonie, die der Boxer über das Endrohr beim Auf und Zu des Gashahns orchestriert. Mit Kesselpauken und Becken geht es über die Landstraßen im Taunus. Keine Frage, sensiblen Ohren dürften die Salven an der einen oder anderen Stelle zu viel sein, dem Autor bereitete das Lied, das hier gesungen wird, nur Freude.

Selbst die Heizgriffe verzücken

Aber nicht nur das verzückt beim Ritt auf dem bayrischen Retro-Feuerstuhl. Auch die bereits in Serie mitgelieferten Heizgriffe werden mit klammer Hand im durchnässten Handschuh gerne angeschaltet. In zwei Stufen wärmen sie die klammen Finger. Das hatte die 75/5 nicht. Und so geht es über 134 Kilometer bergauf und -ab, durch fein geschwungene Rechts-Links-Kombinationen und über das Popometer kommt kein Ruf, dass die Fahrt hier enden müsste. Das Polster lässt also auch längere Strecken zu. Mag sein, dass es daran liegt, dass es zwei Zentimeter höher ist und damit mehr Polstermaterial aufnehmen kann als die schmale Bank der Pure, auf der die Langstrecke merklich schwererfällt. Für alle Fahrer mit kürzeren Beinen kann übrigens an dieser Stelle Entwarnung gegeben werden. Die komfortablere Sitzbank lässt einen festen Stand zu und provoziert keinen Spitzentanz an der Kreuzung.

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Die Pneus von Metzeler haben ihre Regentaufe mit Bravour bestanden.

(Foto: Markus Jahn)

Für den Moment kann der Autor jedenfalls mit Fug und Recht behaupten, dass die /5 die schönste und augenfälligste Interpretation der R nineT-Reihe ist. Die 14.600 Euro - was zugegeben nicht wenig Geld und in Summe 2050 Euro mehr ist als bei der Pure - sind gut angelegtes Geld für Leute, die ein bisschen mehr auffallen möchten. Und angesichts dieser Tatsache darf man gespannt sein, was BMW in dieser Linie als siebenten Streich geplant hat. Denn das die kommende Euro-5-Norm dem von den Fans so geliebten luft-ölgekühlten 1,2-Liter-Boxer den Garausmachen könnte, ist nicht zu erwarten. Immerhin entfallen allein in Deutschland 13 Prozent aller Verkäufe und weltweit 10 Prozent auf die Retro-Baureihe. Der Neuzugang in Form der R nineT /5 wird jedenfalls ab dem 7. September bei den Händlern stehen.

Quelle: n-tv.de