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Nicht nur für den Highway BMW R nineT Scrambler - pure Emotion

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Die BMW R nineT Scrambler zeigt sich auch auf kurvenreichen Bergstraßen sehr agil.

(Foto: Hermann Köpf)

Bei Motorrädern ist es wie bei Autos. Immer mehr kleine Helferlein sorgen für Sicherheit und vereinfachten Fahrspaß. Dennoch erfreuen sich momentan auch puristische Retro-Bikes größter Beliebtheit. Eine davon ist die BMW R nineT Scrambler. Warum? Lesen Sie hier!

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Die BMW R nineT Scrambler ist ein Hingucker. Vor allem mit Stollenbereifung und Kreuzspeichenrädern.

(Foto: Hermann Köpf)

In den 1950er- und 1960er- Jahren waren sie Kult: Scrambler. Als Vorboten der kommenden Enduros vermittelten sie weit mehr Freiheit als normale Straßen-Motorräder. Mit Stollenbereifung, höher gelegtem Auspuff und breitem Lenker unterstreichen sie ihre Geländetauglichkeit, verzichten dabei aber auf einen verstärkten Rahmen und bleiben somit dicht an den Straßenmaschinen jener Zeit. Der erste Motorradhersteller, der die Scrambler mehr als 40 Jahre später wiederentdeckt, ist BMW. Im Zuge der R nineT erscheint 2016 die Scrambler. Zwei Jahre später in "Mission: Impossible - Fallout" bekommt sie sogar an der Seite von Geheimagent Ethan Hunt (Tom Cruise) ihren eigenen Auftritt auf der großen Leinwand.

Der legendäre Boxer schiebt an

Angeschoben wird die BMW R nineT Scrambler wie die Schwestern der Reihe von einem luft- und ölgekühlten Boxermotor mit 1170 Kubikzentimetern Hubraum. Der leistet 110 PS und entwickelt ein maximales Drehmoment von 116 Newtonmeter. Und man muss nicht Tom Cruise sein, um mit der Scrambler die Blicke auf sich zu ziehen. Schon gar nicht in den USA, dem Land der Custombikes. Dort nämlich durfte die Neuauflage eines Klassikers vom Autor zwischen die Schenkel genommen werden. Und die sind neben den Ohren die eigentlichen Sensoren für dieses Bike. Wunderbar kraftvoll wummern die Kolben quer zur Fahrtrichtung und geben der Scrambler ihre ganz eigene Bewegung im Stand, während aus der hochgelegten Abgasanlage mit den zwei übereinander angeordneten Endschalldämpfern ein satter Sound röhrt.

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Details wie die höhergelegten und übereinander angeordneten Endschalldämpfer geben der BMW R nineT Scrambler noch mehr Charakter.

(Foto: Hermann Köpf)

Das Wichtigste an der Scrambler ist aber ihre Reduktion. Wer bei diesem Bike Fahrprogramme oder eine elektrische Zugstufeneinstellung sucht, tut es vergebens. Einzig ein ABS gibt es und das ist auch gut so. Vorne beißen 4-Kolben-Bremssättel in 320er Scheiben, hinten sorgt eine 265-Millimeter-Einscheibenbremse mit 2-Kolben-Schwimmsattel für festen Biss. Und mehr braucht es auch nicht, wenn man mit der Scrambler die wunderbar kurvigen Bergstraßen in den Blue Ridge Mountains hoch und runter feuert. Allerdings ist das Retro-Bike hierbei kein Selbstläufer. Es möchte schon vom Piloten durch die Kehre geführt werden, wenn es eng wird, auch mit etwas Nachdruck. Das ist dank einer ausgeklügelten Fahrwerksgeometrie kein Problem, macht Spaß und vermittelt dem Fahrer einmal mehr das Gefühl, Herr über sein Ross zu sein.

Im Schwung der Kurve

Auch die Schräglagenfreiheit ist kein Problem, die hochgelegte Abgasanlage kann nicht stören, erster Berührungspunkt sind bei der Scrambler die grob gezahnten Fußrasten. Selbst bei tiefer Seitenneigung federt die konventionell aufgebaute Teleskopgabel mit 43 Millimetern Durchmesser und 125 Millimeterfederweg Unebenheiten weg und auch die Einarmschwinge am Heck leistet ganze Arbeit. Die ist so gut, dass man mit absolut ruhigem Gewissen auch die grobstolligen Gelände-Pneus auf dem 19-Zoll-Vorderrad (120/70-19) und dem 17-Zöller (170/60-17) am Heck fahren kann. Klar dürften die bei Nässe schneller an ihre Grenzen stoßen als die serienmäßige Straßenbereifung. Die ist aber optisch lange nicht so stimmig. Zumal, wenn die auf filigrane Kreuzspeichenräder montiert sind.

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Jeder Dreh am Gasgriff lässt die Scrambler lustvoll aus den Endrohren trompeten.

(Foto: Hermann Köpf)

Für den Moment spielt das aber kein Rolle. Im Hier und Jetzt verliert sich der Autor im Schwung der Kurve, im sanften Klacken der Gänge beim Rauf- und Runterschalten, im kraftvollen Schütteln des Boxers und in dem satten Klang aus den Endrohren. Das weckt jedenfalls mehr Emotionen als viele anderen neuzeitlichen Bikes, die vielleicht williger ums Eck gehen und mehr Druck beim Beschleunigen aufbauen. Aber das entspricht nicht dem Wesen einer Scrambler. Selbstredend hat sie ihre sportlichen Momente, was ja auch der Historie geschuldet ist, sie provoziert sie aber nicht, sondern stellt sie auf Wunsch willig zur Verfügung.

Einen Hauch Purismus zu viel

Untermauern wir das kurz mit einem Ampelstart auf dem Weg nach Spartanburg in South Carolina: 3,6 Sekunden braucht der Pilot, der sich so von der Kreuzung geschnalzt wie Marlon Brando in "Die Wilden" fühlt, um Tempo 100 zu erreichen. Wer es provoziert, ist schnell bei 200 km/h, also 124 mp/h, einer Geschwindigkeit, die je nach US-Bundesstaat mit einigen Jahren Gefängnis bestraft wird. Also den Gashahn schnell wieder fahren lassen und aufmerksamkeitheischend, aber regelkonform an die nächste Kreuzung knattern. Hier macht sich dann allerdings doch für den neuzeitlichen Motorradfahrer ein Manko der Scrambler bemerkbar.

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Kurze Pause unterhalb des Chimney Rock.

(Foto: Hermann Köpf)

Die BMW-Ingenieure haben den Retro-Purismus dahingehend auf die Spitze getrieben, dass sie dem einen analogen Rundinstrument am breiten Lenker keine Ganganzeige spendiert haben. Wer also nicht sicher ist, ob er sich von Stufe sechs, fünf oder vier nach unten bewegt, der kann schon mal im zweiten oder dritten landen und dann wie ein stotterndes Kaninchen von der Kreuzung hoppeln. Ja, ich höre sie rufen, die Alt-Biker: "Das hatten wir früher auch nicht, braucht kein Mensch, das hat man im Gefühl." Sicher, nach einer gewissen Zeit mag man es im Gefühl haben und man kann sich auch am grünen N für den Leerlauf orientieren, aber mal ehrlich: Wen würde es stören, wenn eine Schaltanzeige da wäre? Der Könner braucht ja nicht hinzugucken.

Macht auch Strecke

Hingucken muss man aber, wenn man mit der Scrambler am Chimney Rock vorbeifährt, jenem Felsen, der über viele Meilen von der alten Interstate 74 zu sehen ist. Und tatsächlich überlegt der Autor für einen Augenblick, ob es wohl möglich wäre, mit der BMW den Gipfel zu erklimmen. Fahrtechnisch ginge es vielleicht, von der Anlage her auf keinen Fall. Den 334 Meter hohen Felsen, der auch als Aussichtsplattform dient, muss man zu Fuß bezwingen, denn er steht in Chimney Rock State Park. Also Fotos machen, Helm auf und weiter, der Aufstieg würde zu viel kostbare Fahrzeit kosten.

*Datenschutz

Während der fällt auf, dass die Scrambler auch ergonomisch ein feines Bike ist. Die Sitzhöhe für den Fahrer beträgt 820 Millimeter, was selbst dem Autor mit 1,73 Metern Körpergröße im Zusammenspiel mit einem schmalen Schrittbereich eine perfekte Passform garantiert. Dazu kommt der schon erwähnte breite und etwas hochbauende Lenker, der für eine aufrechte und sehr entspannte Sitzposition sorgt. Gleichzeitig wurden die Fahrerfußrasten im Vergleich zur R nineT etwas tiefer und weiter hinten positioniert. Ein Umstand, der die Scrambler sogar für längere Strecken tauglich macht, wie der Lauf über mehr als 190 Meilen (300 Kilometer) zeigt. Allerdings war der Inhalt des 17 Liter fassenden Tanks über diese Distanz dann auch bis auf die Reserve aufgebraucht.

Schickes Oberteil zur Scrambler

Ob man eine solche Strecke mit Sozius angeht oder lieber alleine abspult, liegt ganz beim Fahrer. Für ambitionierte Solo-Ausfahrten kann der verschraubte Soziusrahmen einfach demontiert werden. Das lässt das Bike dann auch noch mal eine Nummer knackiger am Heck wirken. Aber nicht nur an dieser Stelle hat BMW Platz für Individualisierungen gelassen. So kann zum Beispiel neben dem analogen Tacho auch noch ein ebensolcher Drehzahlmesser geordert werden. Wer will, kann den Rundscheinwerfer aus dem Zubehörprogramm auch noch mit einem Schutzgitter aufpeppen, einen Unterfahrschutz ordern, sich Startnummerntafeln an die Flanken heften oder einen Windschild anflanschen lassen. Wie es dem einzelnen Scrambler-Fahrer eben gefällt.

Gefallen dürfte dem vielleicht auch die neue "40 Years Collection" im Retro-Look. Auf dem Trip mit der R nineT Scrambler durfte der Autor die schon mal probetragen. Allerdings hat dieses lederne Prachtstück in Blau-Weiß ihren Preis. Wenn die Kollektion im August präsentiert wird, sollte der Interessent dann schon mal 1000 Euro bereithalten. Genau diese Summe wollen die Bayern nämlich für die auf 200 Exemplare limitierte Lederjacke haben. Abseits des schicken Oberteils aus Nappa bleibt mit Blick auf die Scrambler ein erstaunlich emotionaler und fahrdynamischer Eindruck nach der Reise durch South Carolina zurück. Die ursprüngliche Idee des "Kletterers" überflügelt die R nineT Scrambler in ihrer Neuauflage jedenfalls deutlich.

Quelle: n-tv.de

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