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Der 1988 vorgestellte Porsche 911 (Typ 964) glich nur noch im Design dem klassischen Vorbild.
Der 1988 vorgestellte Porsche 911 (Typ 964) glich nur noch im Design dem klassischen Vorbild.(Foto: Porsche)
Sonntag, 18. November 2018

30 Jahre Typ 964: Botts bester Porsche 911

Der 1988 vorgestellte Porsche 911 Typ 964 ist mehr als Denkmalpflege. Mit neuem Boxermotor, Allradantrieb, Tiptronic und besserem Fahrwerk präsentierte sich der Elfer als kleiner Bruder des Über-Porsche 959 und als Retter für den Sportwagenbauer.

Der 911 Carrera 2/4 Coupé (Typ 964) mit 3,6 Liter-Boxermotor begeisterte die Sportfahrer.
Der 911 Carrera 2/4 Coupé (Typ 964) mit 3,6 Liter-Boxermotor begeisterte die Sportfahrer.(Foto: Porsche)

Für Porsches Chefkonstrukteur Helmuth Bott kam das Beste zum Schluss: Mit dem vor 30 Jahren präsentierten Porsche 911 Carrera (Typ 964) sprintete die unter seiner Leitung erneuerte Sportwagenikone auf einen Olymp des technisch Machbaren unter den volumenstarken Vmax-Stars. Dafür spendierte Bott dem Boxer viele der technischen Finessen, die zuvor schon den überteuren Technologieträger 959 ausgezeichnet hatten. Zwar bewahrte der neue 911 die klassischen Elfer-Konturen, aber gegenüber dem Vorgänger, dem 15 Jahre lang gebauten G-Modell, waren 85 Prozent der Teile verändert worden. Vor allem der variable Allradantrieb, mit dem der Carrera 4 von Beginn an angeboten wurde, galt als revolutionär und machte ihn nach Meinung vieler Fachmedien zum "besten Elfer, den es je gab".

Waren doch die manchmal heiklen Reaktionen des Heckgetriebenen im Grenzbereich jetzt Geschichte. Dies allerdings auch dank eines vollkommen neuen Fahrwerks mit Leichtmetall-Querlenkern und Schraubenfedern statt der betagten Drehstabfederung. Für alle Traditionalisten setzte ein halbes Jahr später der Carrera 2 dennoch auf die typische Kombination aus Heckmotor- und Heckantrieb. Neben den Carrera-Versionen Coupé, Cabriolet und Targa ergänzten auch neue Turbos das 964-Programm, das im 381 PS starken und fast 300 km/h schnellen Turbo S von 1991 kulminierte. Da hatte sich Helmuth Bott bereits von Porsche getrennt, um nach mehr als 35 Jahren in Zuffenhausen als unabhängiger Berater zu arbeiten. Seinem letzten Elfer hatte er aber alles mitgegeben, um Porsche aus der Krise zu fahren.

Zeichen der Zeitenwende

Der Porsche 911 Carrera 4 (Typ 964) machte die Kombination aus luftgekühltem Boxermotor und Allradantrieb zur neuen sportlichen Erfolgsformel.
Der Porsche 911 Carrera 4 (Typ 964) machte die Kombination aus luftgekühltem Boxermotor und Allradantrieb zur neuen sportlichen Erfolgsformel.

Tatsächlich litt der Sportwagenhersteller Ende der 1980er Jahre unter dem massiven Dollar-Kursverfall sowie einem Absatzeinbruch in Nordamerika und in Deutschland. Japanische Sportcoupés bedrängten die angejahrten Vierzylinder-Typen 924 und 944, das V8-Coupé 928 blieb hinter den Erwartungen und auch das seit fast fünfzehn Jahren weitgehend unverändert gebaute G-Modell des 911 brauchte eine technische Auffrischung, die über immer neue Sonderserien hinausging.

Erste Anzeichen für eine Zeitenwende gab der unter Helmuth Bott konstruierte, extrem teure Hightech-Überflieger Porsche 959, den die Schwaben 1985 als bis dahin schnellsten Serien-Sportler aller Zeiten lancierten. Trotz des astronomisch hohen Preises von 420.000 Mark war die limitierte Auflage des 450 PS starken 959 Turbo mit Allradantrieb vor Serienstart vergriffen – ein Geniestreich, den Bugatti (EB 110) oder Jaguar (XJ 220) nicht wiederholen konnten. Dafür machte der Porsche 911 Carrera 4 (Typ 964) die Kombination aus luftgekühltem Boxermotor und Vierradantrieb drei Jahre später zur neuen sportlichen Erfolgsformel, passgenau zum 25. Geburtstag des Elfers. Im 959 hatten die Porsche-Entwickler trainiert, "bevor wir Allradtechnik und Antiblockiersystem in der Serie einsetzten", erklärte Helmuth Bott seinerzeit gegenüber Journalisten.

Erster Allradantrieb 1934

Den 911 (Typ 964) gab es auch als Cabrio und in echt schrillen Farben.
Den 911 (Typ 964) gab es auch als Cabrio und in echt schrillen Farben.(Foto: Porsche)

An Erfahrung mit Allradantrieb mangelte es Porsche nicht, denn bereits 1934 hatte Ferdinand Porsche ein erstes Heckmotorlayout mit Vierradantrieb vorgestellt. Beim Carrera 4 von 1988 war der Motor-Getriebeblock durch ein Transaxle-Rohr mit dem Vorderachs-Differential verbunden und die Antriebskraft wurde zu 69 Prozent auf die Hinterachse geleitet, um das Elfer-typische Fahrgefühl auf trockener Fahrbahn zu bewahren. Anders bei Glätte, dann veränderte die Elektronik die Kraftverteilung. Die Kunden waren begeistert: Kein Pkw mit optionalem Vierradantrieb erzielte einen höheren Allrad-Bestellanteil, nicht einmal Audi mit dem Quattro-Konzept konnte da kontern. Zugleich akzeptierten die Porsche-Fans einmal mehr die inflationär gestiegenen Preise für das neue "Wunder aus Weissach", wie die Medien den im Porsche-Entwicklungszentrum auf Sieg getrimmten 911 Carrera 4 nannten.

Ob Ferrari Mondial, Maserati Karif, Lotus Esprit oder Aston Martin V8 – gegen die mittlerweile mindestens 250 PS starken und natürlich weiterhin voll alltagstauglichen Porsche 911 Carrera blieben die europäischen Asphaltbrenner Nebendarsteller. Auch die schnellen und inzwischen ebenfalls teuren Samurai wie Toyota Supra Turbo oder Mazda RX-7 Turbo konnten gegen die Stuttgarter Boxer im Krafttraining kaum punkten. Das zeigte der erneuerte Elfer auch durch Platz drei in den deutschen Zulassungscharts der Oberklasse, direkt hinter BMW 7er und Mercedes-Benz S-Klasse. So bewies die Baureihe 964 einmal mehr ihre Sonderstellung unter den Sportlern: Als einziger Racer, der auch als Businessjet taugte. Porsche-Entwicklungschef Helmuth Bott war zufrieden und betrachtete in Interviews seinen letzten Elfer als allerbesten und fit fürs 21. Jahrhundert.

Kritik gab's trotzdem

Der 3,6 Liter mit vergrößertem luftgekühltem Boxermotor und serienmäßigem Drei-Wege-Katalysator war dank Doppelzündung sparsamer als sein Vorgänger.
Der 3,6 Liter mit vergrößertem luftgekühltem Boxermotor und serienmäßigem Drei-Wege-Katalysator war dank Doppelzündung sparsamer als sein Vorgänger.(Foto: Porsche)

Dafür erhielt der Typ 964 einen auf 3,6 Liter Hubraum vergrößerten luftgekühlten Boxer und serienmäßigem Drei-Wege-Katalysator, der dank Doppelzündung sparsamer als sein Vorgänger war und bereits damals Emissionsvorschriften erfüllte, die erst für das neue Jahrtausend erwartet wurden. Das alles in aerodynamisch geglätteter Karosserie, in die die vormals als Eisenbahnschienen verspotteten Stoßfänger jetzt ebenso geschickt integriert waren wie der versenkte Heckspoiler, der bei 80 km/h automatisch ausfuhr.

Kritik gab es natürlich dennoch, so wurden in Medien manchmal die Schweller moniert, die wie nachträglich montiert wirkten. Oder das geschrumpfte vordere Gepäckabteil beim Carrera 4, denn die Allradtechnik forderte Tribut. Letztlich aber überwog der Enthusiasmus an dem Sportwagen, dessen Kauf sich laut Werbung aus rein rationalen Erwägungen rechtfertigen ließ: "Sie können länger frühstücken. Sie sind früher zum Abendessen zurück. Gibt es ein besseres Familienauto?"

Mut zu schrillen Farben

Schneller, schönere Spoiler und noch leichter: Dafür stand der 1991 eingeführte Carrera RS, der gut 25 Prozent teurer war als ein Normal-Elfer, aber mangels Airbags, Servolenkung und Luxusfeatures wie Klimaanlage oder Radio auch 175 Kilogramm weniger wog. Was ihn im Zusammenspiel mit dem auf 260 PS erstarkten Boxer zu einer reißenden Bestie machte, wie Testfahrer befanden. So richtig stark und ungestüm war aber eigentlich erst wieder der Turbo, anfänglich mit bewährtem 3,3-Liter Boxer und 320 PS (ab 1993 mit neuem 3,6-Liter-Boxer und 360 PS) sowie feststehendem, gigantischem Heckflügel. Echte Machos, Ferrari-Killer und Sammlerherzen wählten jedoch den 381 PS freisetzenden Turbo S mit Karbon-Heckflügel und Rennfahrwerk. Dieses fast 300.000 Mark teure und nur 80 Mal verteilte Geschoss verblies jeden Ferrari Testarossa.

Auffallen ging übrigens auch günstiger. Dafür genügte es, den Elfer in modischen Farbtönen zu ordern, die so richtig knallten. Etwa Veilchenblau, Sternrubin oder qietschiges Gelb. Kein etablierter Sportwagenbauer zeigte damals mehr Mut zu schrillen Farben, die spätere Gebrauchtwagenkäufer irritierten. Schön bunt und schön schnell beschleunigte der Typ 964 in fünf Jahren auf über 74.000 Einheiten, dann kam der Typ 993, um alles noch besser zu machen.

Quelle: n-tv.de