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Testfahrt auf die Schnelle Bugatti Chiron Sport - das ist nicht alltäglich

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Mit seinen 1500 PS gehört der Bugatti Chiron zu den stärksten Autos der Welt.

(Foto: Patrick Broich)

Für das schnellste Serienfahrzeug aus dem Volkswagen-Konzern brauchen Sie zwar keinen Waffenschein, aber ein verdammt gut gefülltes Konto. Mit unfassbaren 1500 PS gibt es schier nicht enden wollende Motorleistung. Eine außergewöhnliche Probefahrt.

Man muss sich die Motordaten des auf einem Karbon-Monocoque basierenden Bugatti Chiron einmal auf der Zunge zergehen lassen. Schließlich sind 1500 PS noch einmal rund doppelt so viel dessen, was gestandene Highend-Supersportler heute aufbieten. Und der Anschaffungsposten dieses Ausnahmemobils – 2.650.000 Euro netto – sind sogar ein Vielfaches jener Preismarken solcher Autos à la Aston Martin DBS, Ferrari 812 Superfast, Lamborghini Aventador, McLaren 720 S oder auch Porsche 911 Turbo, ihrerseits mehrere hunderttausend Euro schwer.

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Der Bugatti Chiron ist aber auch eines der teuersten Autos der Welt.

(Foto: Patrick Broich)

Sollten Sie zum erlauchten Kreise von Multimillionären selbst der ärmeren Sorte mit nur zwei statt drei Stellen vor den sechs Nullen gehören – gönnen Sie sich den Spaß eines Chiron dennoch bitte unbedingt! Denn erstens verliert der Franzose mit deutschen Genen nicht wirklich an Wert, wie ein kurzer Blick in die einschlägigen Autobörsen offenbart, und zweitens sind die Inspektionen für vier Jahre inklusive – was soll also schon passieren.

Mehr elegant als aggressiv

Für einen Automobiljournalisten ist eine Fahrt mit einem Fahrzeug dieses Kalibers freilich auch nicht alltäglich – daher begleitet der erfahrene Rennfahrer Andy Wallace vorsichtshalber die Probefahrt, was beste Betreuung plus sicherer Orientierung garantiert. Schließlich kennt der Brite, der mit Jaguar schon in Le Mans gesiegt hat, die Strecken rund um den historischen Sitz der Traditionsfirma Bugatti bestens, weiß aber noch viel mehr, was im Chiron steckt und was man diesem außergewöhnlichen Auto zumuten darf und was eben nicht, für das es irgendwie keine Kategorie gibt.

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Irgendwo darunter steckt der gewaltige Achtliter-W16 des Bugatti Chiron.

(Foto: Patrick Broich)

Was ist der Chiron also? Ein Hypersportler? Ein überdimensionierter Gran Turismo? Das Coupé verströmt jedenfalls eher leichte Eleganz als die Aggressivität mancher Extremsportwagen. Es ist mit 1500 PS womöglich nicht das stärkste Auto der Welt – vor allem der Koenigsegg Regera macht mit seinem komplexen Hybridantrieb nominal noch ein paar Pferdchen mehr locker –, vereint allerdings die Kompetenz eines Großserienkonzerns hinter sich verbunden mit der exakt einhundertelf Jahre währenden Tradition einer exklusiven Schmiede namens Bugatti. Der in Handarbeit gefertigte Chiron verkörpert klassische Werte des Automobilbaus, verzichtet auf Elektrifizierung und fasziniert stattdessen mit einem klangvollen Sechszehnzylinder.

Erst mal dran gewöhnen

Monsieur, démarrez vortre Moteur! Mit Druck auf den Startknopf beginnt zunächst der Anlasser zu summen, bevor der gewaltige Achtliter-W16 des elsässischen Manufaktur-Athleten in einen akustisch genussreichen Leerlauf verfällt. Einen Gasstoß in Neutralstellung quittiert der mittig eingebaute Vierfachturbo, dessen Daten auf den ästhetisch ansprechend gestalteten Zylinderköpfen eingraviert wurden, mit sonorem wummern und vernehmlichem, aber keineswegs übertriebenem Grummeln der mächtigen Auspuffanlage samt vier Endrohren.

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An der Hinterachse des Bugatti Chiron walzen Reifen im Format 355/25 ZR21.

(Foto: Patrick Broich)

Zielsicher witscht der Wählhebel des siebenstufigen Doppelkupplungsgetriebes in Stellung "D", um bei Bedarf urgewaltige 1600 Newtonmeter auf die vier Walzen zu verteilen – an der Hinterachse im Format 355/25 ZR21. Und auch wenn der Chiron schon beim Losfahren Betriebstemperatur hat, geht es zunächst mit moderatem Tempo über Dorf- und Landstraßen. Erst einmal an den knapp über zwei Meter breiten Luxus-Gran Turismo gewöhnen, nennen wir ihn einmal so.

Berührungsängste unbegründet

Doch schnell stellt sich heraus, dass etwaige Berührungsängste völlig unbegründet sind. Rasch wird der Fahrer eins mit dem rasanten Coupé, das sportive Alcantara-Lenkrad liegt perfekt in der Hand. Das Kombiinstrument möchte der Fraktion alteingesessenen Automobilbaus gefallen mit seinem analogen Tacho, aber auch "Team Infotainment" soll bloß nicht vergrätzt werden, daher gibt es Bildschirm-Flächen, auf denen sich bedarfsweise Bordcomputer-Daten oder die Straßenkarte aufbauen.

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Beim Bugatti Chiron stellt sich in allen belangen die Frage, ob es zu viel oder zu wenig ist.

(Foto: Patrick Broich)

Noch einmal zurück zum Lenkrad – hier lassen sich Fahrprogramme einstellen und die Wagenfront blitzschnell liften, falls sich einem Hindernisse wie "Speedbumps" in den Weg stellen. Eine reduzierte Mittelkonsole aus gefrästem Aluminium hält allenfalls Regler für die Klimatisierung bereit, die gleichzeitig als kleine Displays fungieren, auf denen man beim Ampelstopp beispielsweise die zuletzt gefahrene Höchstgeschwindigkeit oder die abgerufene Leistung ablesen kann.

Wie im Freefall-Tower

So, liebe Leser, jetzt ist die Geschichte fast auserzählt und Sie warten schon die ganze Zeit auf den Bericht, wie sich 1500 PS sowie 1600 Newtonmeter Drehmoment eigentlich anfühlen, nicht wahr? Okay, Andy und ich spüren eine einsame Landstraße auf, nun Lenkrad gut festhalten und: Vollgasbefehl! Bäm! Wer im Freizeitpark einmal einen Freefall-Tower genutzt hat, weiß, wie sich die maximale Längsbeschleunigung im Bugatti Chiron ungefähr anfühlt. Man klebt mit flauem Magen und einem Cocktail aus Adrenalin und Endorphin in den noblen Ledersesseln, ohne sich das Grinsen verkneifen zu können.

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Bis zur 500 könnte sich die analoge Tachonadel eines Bugatti Chiron bewegen.

(Foto: Patrick Broich)

Leider muss man auf der Hut sein, will man das Leistungsvermögen ausnutzen, denn in den meisten Fällen ist es mindestens ordnungswidrig oder im höchsten Maße illegal – so atemberaubend fix saust die mechanische Nadel unter voller Last über die bis 500 km/h reichende Skala. Ein paar Zahlen belegen das eindrucksvoll – bereits nach gut sechs Sekunden fährt der Chiron 200 Sachen, rund sieben Sekunden später stehen schon 300 km/h auf dem Tacho, und die Topgeschwindigkeit beziffert das Werk mit 420 km/h. Letztere erreicht der Fahrer aber nur nach Freigabe mit dem entsprechenden Schlüssel.

Außerdem schaltet die Elektronik dann in einen Modus, bei dem der variable Heckspoiler besonders viel Abtrieb produziert. Minimal zu viel Lenkwinkel oder ein Regeleingriff der Stabilitätskontrolle deaktiviert den Highspeed-Mode wieder. Um die mächtige Keramik-Bremsanlage zu unterstützen, stellt sich der prägnante Heckflügel bei Verzögerung übrigens in den Luftstrom und erinnert dabei so ein bisschen an ein Flugzeugleitwerk. Auch die speziell entwickelten Reifen müssen sich Tests auf einem Prüfstand für Flugzeuge unterziehen. Nur die Beschleunigung des Chiron dürfte jene zumindest eines Passagierjets weit in den Schatten stellen. So gesehen ist der einzigartige Leistungssportler aus dem Elsass fast noch wohlfeil.

Quelle: ntv.de