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Mercedes-AMG GT S Der Albtraum des Porsche 911

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Der Mercedes-AMG GT S sieht nicht nur vor der Golden Gate Bridge in San Francisco extrem gut aus.

(Foto: Holger Preiss)

Es gibt nicht viele Sportwagen, die einen Porsche 911 das Fürchten lehren. Jetzt aber hat Mercedes-AMG ein Auto auf die Räder gestellt, das der Zuffenhausener Ikone am Leder flicken könnte. Der GT S hat alles, was einen echten Boliden ausmacht.

Es gibt Autos zum Träumen und Traumautos. Der neue Mercedes-AMG GT S gehört definitiv zur zweiten Kategorie. Nicht nur, weil er mit 134.351 Euro sündhaft teuer ist, sondern weil er alles vereint, was einen echten Sportwagen ausmacht: eine ewig lange Motorhaube, einen echt bösen Blick, keine unnötigen Ecken und Kanten, die dem Fahrtwind auch nur den Hauch eines Angriffspunktes bieten, ein Fahrwerk, das Rennstrecken-Performance hat und einen 4,0-Liter-V8-Biturbomotor, der von angenehm Brabbeln bis brüllend Husten alle Spielarten der Sound-Tabulatur beherrscht.

Zwitter zwischen Straße und Rundkurs

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Trapezförmige Endrohre, 290er Schluffen und kein Angriffspunkt für den Wind: AMG GT S.

(Foto: Holger Preiss)

Wenn man es genau nimmt, dann macht der AMG GT S dort weiter, wo die Stuttgarter einst angefangen haben. Denn der erste Mercedes war ein Rennwagen und sein jüngster Nachfolger trägt dieses Erbe fort. Natürlich mit Abstrichen, denn die Rennmaschine aus Affalterbach hat durchaus das Zeug auch auf normalen Straßen gefahren zu werden. Selbstredend finden in einem GT nur zwei Leute Platz, die aber reisen, wenn sie es denn wünschen, ausgesprochen komfortabel. Die Sitze mit sportlicher Schalung taugen auch für lange Strecken, der Kofferraum unter der langen Heckklappe schluckt mit 350 Litern auch zwei größere Koffer, der Neigungswinkel der Rückenlehne lädt den Beifahrer sogar zum Lümmeln ein und Kopf- und Beinfreiheit sind trotz der Gesamthöhe des Wagens von nur 1,29 Meter mehr als angenehm.

Dafür müssen die Passagiere beim Einsteigen ordentlich abtauchen. Oder anders gesprochen: Der Fall in die Polster ist tief. Wenn man aber in ihnen versunken ist, dann ist der Gedanke an gemütliches Cruisen schnell vergessen. Denn wie gesagt, der AMG GT S ist ein Sportwagen, dessen Gene ihn authentisch machen. Wer die steil abfallende Instrumententafel in den Blick genommen hat und mit der rechten Hand sanft über die konvex gespannte Mittelkonsole streicht, bis sein Finger den rot hinterleuchteten Startknopf drückt, weiß, was diesen Boliden so echt macht. Ein kurzes Rucken und der V8-Frontmittelmotor singt sein Lied. Wem hier die Gänsehaut noch nicht gekommen ist, der darf den Finger weiter bewegen und die Drosselklappen der Abgasanlage öffnen. Spätestens jetzt kann nicht mal mehr die Burmester-Anlage mithalten. Diesen Sound kann kein Rocksong überbieten.

Den Pin ins Blech würgen

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(Foto: Holger Preiss)

Jetzt kann nur noch eines kommen: Den rechten Fuß auf die Bremse, den Ganghebel auf D, kurzer Wechsel und den Pin ins Blech würgen. Die beiden Turbolader, die nicht außen, sondern zwischen den Zylinderbänken angeordnet sind, lassen bereits ab 1750 Umdrehungen die 510 Pferde frei. Brachiale 650 Newtonmeter Drehmoment knallen auf die Hinterachse und der AMG GT S bricht brüllend los. In 3,8 Sekunden schnellt er über die 100-km/h-Marke, das Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe in Transaxle-Anordnung drischt die Gänge unter dem wütenden Bellen aus den Endrohren ein und lässt die Stuttgarter Kampfmaschine bis auf Tempo 310 sprinten. Hier ist aber nur Schluss, weil die Elektronik schützend eingreift.

Eines wird an dieser Stelle deutlich: Der Spruch den AMG dem GT mit auf den Weg gegeben hat "Handcrafted by Racers" ist kein bloßer Werbeslogan, sondern absolut ernst gemeint. Doch erst auf der Rennstrecke kann der Kampfsportler all sein können zeigen. Auf dem Rundkurs profitiert er von seiner fast perfekten Gewichtsverteilung: 47 Prozent vorn und 53 Prozent hinten, die dem schon erwähnten Frontmittelmotor und dem an der Hinterachse verbauten Doppelkupplungsgetriebe geschuldet sind. Eine Anordnung, die sich bereits beim SLS AMG bewährt hat. Das Hinterachs-Sperrdifferenzial sorgt für eine ausgezeichnete Traktion und bringt den Boliden auch dann wieder in die Spur, wenn der Pilot am Ausgang der Kurve zu vehement aufs Gas tritt und das Heck droht an ihm vorbei zu sausen.

Auf der Rennstrecke zu Hause

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Die Rennstrecke ist sein Zuhause.

Ein weiterer Punkt, der dafür sorgt, dass der AMG GT S auf der Rennstrecke sein Zuhause findet, ist die Agilität. Dank seiner geringen Masseträgheit bei Richtungswechseln und einer Doppelquerlenkerachse, die wie im Rennsport üblich sowohl vorn als auch hinten verbaut ist, bietet die Stuttgart-Rakete eine bestechende Traktion. Hinzu kommt die direkte Anbindung des Stoßdämpfers am hinteren Radträger. Hier werden Schwingungen und unerwünschte Radlastschwankungen verhindert. Der Bodenkontakt der Räder ist also jederzeit gewährleistet.

Wie der Pilot letztlich seinen AMG GT S ums Eck steuert, ist ihm dank des Fahrmodischalters, oder, wie Mercedes ihn nennt, Dynamic Select, freigestellt. Im Comfort-Modus bleiben die Abgasklappen geschlossen. Das Getriebe schaltet weich und verbrauchsoptimiert. Die Segel-Funktion, also die Trennung von Motor und Getriebe, wenn kein Gas gegeben wird, ist aktiv, genau wie die Start-Stopp-Funktion. In der Summe ermöglicht diese Einstellung einen Verbrauch, der sich fast exakt an die im Datenblatt angegebenen 9,4 Liter Super Plus hält. Ermittelt wurden bei der Testfahrt 9,8 Liter. Anders wird es, wenn Sport gewählt wird. Die Gasannahme wird spontaner, die Drosselklappen öffnen bei höheren Drehzahlen unter Volllast und die Schaltvorgänge werden bei kürzeren Schaltzeiten deutlich präsenter.

Die fast unendliche Potenz

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Das Kraftpaket des Mercedes-AMG GT S: 4,0-Liter-V8-Biturbo. Das erste Sportwagentriebwerk mit innen montierten Turboladern und Trockensumpfschmierung.

(Foto: Holger Preiss)

Potenziert wird das bei Sport plus. Die Motor- und Getriebeauslegung wird jetzt extrem sportlich. Die Schaltzeiten verkürzen sich deutlich, was dazu führt, dass bei hohen Drehzahlen spät hoch- und früh zurückgeschaltet wird. Segeln und Start-Stopp sind deaktiviert, die Drosselklappen sind offen, die Lenkung wird sehr direkt und wer will, kann jetzt den Racestart probieren, den die Elektronik zulässt, ohne einzugreifen. Getoppt wird das nur noch durch den ultimativen Modus Race. Eine Performance, die sich definitiv nur für den Rundkurs eignet, aber auch den wahren Charakter dieses Boliden preisgibt. Motor und Getriebe werden für die Rennstrecke optimiert, die Schaltvorgänge sind so präsent, dass das Gefühl entsteht, sie werden mit dem Vorschlaghammer eingelegt, die Schaltpunkte liegen am Drehzahllimit und die Drosselklappen sind so weit offen, dass man denkt, ein wütender Grizzly stürzt sich auf sein paralysiertes Opfer. Hinzu kommt, dass die Gasannahme so spontan ist, dass der verfrühte Kick aus der Kurve das Heck mit unglaublichem Druck nach vorne treibt. Selbstredend können passionierte Rennfahrer auch per Hand mit den Paddles schalten.

In der Summe ist der Mercedes-AMG GT S eine gelungene Symbiose aus sportlicher Alltagsfahrt und dem brachialen Lauf auf dem Rundkurs. Wer nicht aus irgendwelchen Gründen einen Porsche 911 braucht, der kann auch weiterhin getrost auf den Zuffenhausener verzichten, denn die Aspahltbombe aus Affalterbach hat alles, was eine echte Straßenkampfmaschine ausmacht. Auch optisch lässt er keine Zweifel an seiner Potenz. Serienmäßig rollt der AMG GT S auf 19-Zoll-Leichtmetallrädern, die vorn mit 265er und hinten mit 295er Gummis bespannt sind. Durch die zehn Speichen leuchten die roten Bremssättel, die in Scheiben mit 390 Millimeter Durchmesser beißen. Wer es noch sportlicher möchte und wen der Preis von 145.512 Euro nicht schockt, der kann es mit der "Edition 1" zur Markteinführung im ersten Quartal 2015 richtig krachen lassen. Da gibt es ein Aerodynamik-Paket in Schwarz mit größeren Frontsplittern und fließenden Übergang in die Flics an den seitlichen Lufteinlässen der Frontschürze, Radlaufflics vorne, dynamische schwarze Aufsätze für die Seitenschwellerverkleidungen, einen feststehenden Heckflügel und ein Carbondach. Der Diamantgrill ist schwarz mit Lamelle in Hochglanz. Die Zierleiste im Diffusoreinsatz ist ebenfalls schwarz, genau wie die Endrohrblenden.

Wer glaubt, das sei zu prollig und überhaupt brauche es kein S bei einem GT, der hat im kommenden Jahr auch die Chance, für 115.430 Euro, die "Schmalspurvariante" zu ordern. Hier pumpt ebenfalls der V8 unter der Haube. Der leistet aber "nur" 462 PS und wuchtet lediglich 600 Newtonmeter auf die Hinterachse, aber beschleunigt immer noch in 4,0 Sekunden von null auf Tempo 100 und bringt es auf elektronisch abgeregelte 304 km/h. Ansonsten ist alles gleich. Selbst der Sound, versprechen die Verantwortlichen von AMG.

Quelle: ntv.de

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