Erstes Elektroauto der ItalienerAlfa Romeo Junior Veloce - Spaßmacher mit kleinen Schwächen

Die elektrische Top-Variante des Alfa Junior ist ein nonchalanter Spaßmacher. An ein paar Stellen ist der Italiener dann aber doch etwas zu lässig.
Alfas erstes Elektroauto macht in der Top-Variante richtig Spaß. Allerdings nur, wenn man Preis-Leistungs-Verhältnisse allgemein eher locker sieht. Zumindest ein bisschen mehr Liebe zum Detail und Fan-Service-Ambitionen sollten bei einem Kleinwagen für knapp 50.000 Euro drin sein.
Die Grundzutaten des Batterie-Sportlers sind dabei durchaus ansehnlich. Die Italiener haben der im Konzern vielfältig genutzten CMP-Plattform von Stellantis einen schicken und eigenständigen Mini-Crossover abgerungen. Mit prägnantem "Scudetto"-Kühlergrill, schwungvoller Schulterlinie und coupéhaftem Dachverlauf ist der kleine Alfa sicherlich das dynamischste Familienmitglied im Kreis von Schwestermodellen wie Opel Mokka und Fiat 600. Das gilt für die Verbrennervarianten genauso wie für den Basis-Stromer - und durchaus auch für das an der Spitze der Baureihe platzierte elektrische "Veloce"-Modell.
Felgen-Fauxpas und Cockpit mit wenig Pfiff
Die Top-Variante addiert noch ein paar hübsche Extras, etwa rote Akzente im Stoßfänger, ein Wappen im Kühlergrillgitter oder sehr filigran wirkende 20-Zöller. Letztgenannte sehen spektakulär aus, geben an der Hinterachse aber den Blick auf geradezu winzige Bremsscheiben und einen schmucklosen Grauguss-Sattel frei. Auf den roten Lack wie bei den Vorderrädern verzichtet Alfa dort. Ist einem das erst einmal aufgefallen, kann man nie wieder dran vorbeisehen - was jedes Mal ein kleines Ziehen im für den Besitzstolz zuständigen Hirnareal verursacht, sobald man sich dem Auto nähert.
Beim Einsteigen gerät der Felgen-Fauxpas aus dem Blick, aber nicht unbedingt aus dem Sinn. Denn dem Cockpit fehlt es ein wenig an sportlichem Pfiff. Nur wer noch einmal 2.500 Euro für das Sportpaket investiert, bekommt noch ein paar Extras für Auge und Gefühl. Darunter die tatsächlich spektakulären Sabelt-Sportsitze und ein unten abgeflachtes Lenkrad. Ansonsten muss man sich auch als Käufer des Top-Modells mit dem vergleichsweise schmucklosen und von Kunststoff dominierten Standard-Interieur zufriedengeben. Das ist vielleicht unter Produktionskosten-Aspekten noch nachvollziehbar - warum Alfa den Tacho beim Umschalten in den Sportmodus ausgerechnet in der Öko-Farbe Grün erstrahlen lässt, ist hingegen mit Geld allein nicht zu erklären.
Geht bissig zu Werke
Die kleinen Nachlässigkeiten verblassen aber, wenn man die ersten Meter elektrisch zurückgelegt hat. Während der Alfa im Standardmodus kraftvoll, aber nicht außergewöhnlich nachdrücklich beschleunigt, geht er im per Knopfdruck anwählbaren Dynamikmodus richtig bissig zu Werke. Selbst auf trockener Straße drehen da beim Anfahren schnell die Vorderräder des Frontantriebs durch. Gut, dass ein mechanisches Torsen-Sperrdifferenzial zum Lieferumfang zählt, das zumindest in Kurven Traktion und Tempo in die Waage bringt.
Apropos Kurve: Mit rund 1.600 Kilogramm Leergewicht ist der kleine Italiener zumindest für ein Elektroauto vergleichsweise leicht. Zusammen mit der gelungen verbindlichen Fahrwerksabstimmung inklusive Tieferlegung und speziellen Stabilisatoren sowie der direkt ausgelegten Lenkung bringt das Fahrspaß, wie man ihn sonst von älteren kompakten Knallbüchsen der Marken GTI und Co. kennt.
Der 207 kW/280 PS und 345 Nm starke E-Antrieb fügt sich mit seinem scharfen Antritt und der souveränen Kraftentfaltung gut ein, mit 200 km/h Spitzengeschwindigkeit lässt der Alfa viele andere E-Autos hinter sich. Lediglich das Geräusch eines hochdrehenden Benziners muss man sich selbst dazu denken. Der Junior liefert nur eine vergleichsweise hintergründige Sound-Simulation mit. Auch hier bietet die Konkurrenz nicht selten mehr an zumindest virtueller Emotionalität.
Hoher Verbrauch, kleine Batterie
Nicht so richtig Spaß macht der E-Antrieb aber vor allem im normalen Alltag, was insbesondere an der Kombination aus hohem Verbrauch (nur mit Mühe unter 20 kWh/100 km) und kleiner Batterie (netto 51 kWh) liegt. Die in den technischen Daten hinterlegten 344 Kilometer lassen sich im Mixbetrieb nur unter optimalen Bedingungen annähernd erreichen. Dass der Alfa beim Laden eher zu den geruhsamen Naturen zählt, hilft auf längeren Strecken ebenfalls nicht. Die versprochenen 100 kW waren zumindest bei den meist einstelligen Temperaturen im Testzeitraum nicht drin. Auch, weil es keine aktive Vorklimatisierung für die Batterie gibt.
Bei Spaßautos ist man geneigt, Alltags-Schwächen ein wenig zu übersehen. Auch dem Alfa Junior Veloce mag man nicht richtig böse sein für seine mäßige Reichweite und die etwas zu langen Ladezeiten. Trotzdem: Ein ganz kleines bisschen mehr als flottes Fahren und dynamisches Handling möchte man für den Liebes-Vorschuss (und immerhin 48.500 Euro) schon zurückbekommen. Vor allem beim Innenraum-Design wäre durchaus Spielraum - und dazu vielleicht ein paar rote Bremssättel für die Hinterräder.
Alfa Romeo Junior Veloce - technische Daten
Fünftüriges, fünfsitziges SUV
Länge: 4,17 m, Breite: 1,78 m (mit Außenspiegeln: 1,98 m), Höhe: 1,53 m, Radstand: 2,55 m, Kofferraumvolumen: 400 - 1.265 l
Elektromotor, 207 kW/280 PS, Drehmoment: 345 Nm, Frontantrieb, 0-100 km/h: 5,9 s, Vmax: 200 km/h, Lithium-Ionen-Batterie, Kapazität 54 kWh (netto: 51 kWh), maximale Ladeleistung 11 kW (AC)/100 kW (DC), Ladedauer 10-80 Prozent (DC): 30 min, Normverbrauch: 15,6 kWh/100 km, Reichweite: 344 km, Testverbrauch: 20 kWh/100 km
Preis ab 48.500 Euro.