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Form-Revolution vor 40 Jahren Ford Sierra - vom Wind gebügelt

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Statt auf konservative Kanten und steife Stufenhecks setzte der 1982 eingeführte Ford Sierra auf eine windschnittige Stilistik.

(Foto: Ford)

Fortschritt durch Formen, die aerodynamische Maßstäbe setzen: Der Ford Sierra verändert vor 40 Jahren die bis dahin konservative Mittelklasse, besonders in Verbindung mit Allradantrieb. Ford besser als BMW? Der Sierra XR4i zeigt, wie das geht, auch wenn die Stromlinie Stammkunden anfangs irritiert.

Kühn geformte Forschungsautos geben der Zukunft ein Gesicht, aber manchmal können die Menschen gar nicht glauben, wie schnell dieser Fortschritt zum neuen Normal. So ist es aktuell bei der E-Mobilität und so war es auf der IAA 1981, als die stromlinienförmige Studie Ford Probe III zeigte, dass die Zukunft des Designs in der Luft lag. Gute Aerodynamik für bestmögliche Effizienz wurde nach den Energiekrisen der 1970er wichtigstes Thema im Automobilbau und Ford wies mit dem Probe III den Weg zum Serienmodell Sierra, das nur ein Jahr später die Mittelklasse revolutionierte.

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Mit dem 1981 vorgestellten Konzept Probe III (l.) gab Ford einen ersten Ausblick auf den Serien-Sierra (r. in der Version XR4i).

(Foto: Ford)

So viel Mut hatte Ford anfangs nicht einmal die Fachwelt zugetraut, schließlich musste der in futuristische Linien gezeichnete Sierra auch die Käufer des nun abgelösten und millionenfach verkauften Taunus für sich gewinnen. Statt konservativer Kanten und steifen Stufenhecks setzte der neue Sierra auf eine windschnittige Stilistik, die mit cw-Werten von 0,32 bis 0,34 sogar die Stromlinie avantgardistischer Ikonen wie des Citroen CX schlug.

Gespaltene Reaktionen

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Dieser 1981 gefertigte Prototyp des Sierra trug noch den Taunus-Schriftzug.

(Foto: Ford)

Welten trennten die alten Ford-Typen Taunus und das britische Schwestermodell Cortina vom neuen Sierra im Aerodesign. Entsprechend gespalten waren die Reaktionen langjähriger Ford-Fahrer auf den Sierra, der unter dem zukunftsweisend geformten Blechkleid übrigens mit konservativem Hinterradantrieb überraschte, wenn auch in Kombination mit moderner Schräglenker-Hinterachse. Die Bestsellerkarriere des Sierra blockierte dies am Ende nicht, der von Designer Uwe Bahnsen entworfene Ford galt vielmehr als Meilenstein frischer Formen, der die gesamte Branche beeinflusste.

"Sierra-Shock" titelte die britische Motorpresse zum Start des rundlichen Fastbacks, denn die Briten vermissten zunächst die vertrauten Konturen des eingestellten Ford Cortina, der über viele Jahre nationales Volksauto Nummer eins war. Entsprechend holprig verlief der Anlauf der rechtsgelenkten Sierra, erst die Einführung der heißblütigen Capri-Erben Sierra XR4i (ab 1983) sowie Cosworth (ab 1986) und des Sierra mit Stufenheck (ab 1987) machten die Ford-Mittelklasse auf der Insel zu einem Liebling der dienstwagenberechtigten Mittelschicht.

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Auf dem Genfer Salon 1983 debütierte der Ford Sierra XR4i mit einem 150 PS starken 2,8-Liter-V6.

(Foto: Ford)

Auf Pole fuhr der Sierra trotzdem nicht mehr, aber er sicherte sich immerhin Platz zwei in den Verkaufscharts seines größten Absatzmarktes - und er ließ junge kantige Konkurrenten wie Vauxhall Cavalier/Opel Ascona, VW Passat B2 oder Audi 80 B2 plötzlich alt aussehen. Tatsächlich folgten deshalb im Laufe der 1980er fast alle Hersteller dem Trend zu runden Formen und optimiertem cw-Wert, wie die neu aufgelegten Modelle Opel Vectra A, Passat B3 oder Audi 80 B3 demonstrierten.

Leichtes Spiel in Deutschland

In Deutschland hatte der Sierra allerdings von Beginn an leichtes Spiel, in der Mittelklasse zu neuen und ertragreichen Ufern zu fahren. Die Popularität des betagten und arg biederen Taunus hatte längst dramatisch nachgelassen und der visionär designte Sierra konnte die Talfahrt der Kölner Ford-Dependenz umgehend stoppen.

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Bei der Basisversion des Ford Sierra wurden Schürzen und Frontmaske in schlichtem Grau montiert.

(Foto: Ford)

Wie einst der stromlinienförmige, von Fans Badewanne genannte Taunus 17 M aus dem Jahr 1960 etablierten nun der Aerodynamiker Sierra und der 1985 folgende windschnittige Granada-Nachfolger Scorpio die Marke Ford als Design-Instanz. So viel Avantgarde veranlasste sogar Stammkunden von Premiumherstellern wie BMW und Audi zum Wechsel. Am Ende konstatierte Ford Köln zufrieden, dass jeder dritte Sierra-Käufer von anderen Marken kam.

Tatsächlich war der Sierra in allen Karosserieformen ein Hingucker im Straßenbild der frühen 1980er. Ganz gleich, ob als fünftüriges Fließheck, dreitüriges Coupé, sportiver XR4i mit doppeltem Heckflügel und markanter Drei-Fenster-Linie, fünftüriger Kombi "Turnier", der Sierra sorgte für Diskussionsstoff.

Provokante Werbeslogans

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1987: In der Tourenwagen-Weltmeisterschaft erringt Ford den Konstrukteurstitel. Start-Ziel-Sieg beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring.

Dazu passten provokative Werbeslogans auf Plakatwänden wie "Neue Ansichten gehören bei uns zum festen Programm", "Groß in Form" oder schlicht "Ford Sierra ist Tourenwagen-Weltmeister", aber auch überlegene Auftritte des Ford in Vergleichstests der Fachmedien. Dort verwies der Sierra XR4i mit 2,8-Liter-V6 den Favoriten der Sportfahrer und Yuppies, den BMW 323i, auf die Plätze und der Ford bot auch dem Mercedes 190 Paroli, nicht zuletzt dank günstiger Preise. Furiose Vmax-Werte und Hightech-Antriebe waren damals angesagt, und so arbeiteten die Ford-Ingenieure im Entwicklungszentrum Köln-Merkenich an immer neuen Ausbaustufen des Sierra.

Zeitgleich zur ersten 4x4-Version debütierte 1985 der 150 kW/204 PS entwickelnde Sierra Cosworth mit Vierventil-Technik und Turbo mit Ladeluftkühlung, zwei Jahre später folgte der nochmals stärkere Sierra RS500 mit 162 kW/220 PS und schließlich 1989 ein 2,9-Liter-V6. Jede Menge Delikatessen für die Mittelklasse also, die ihr Image auch durch motorsportliche Erfolge polierte.

1987-90 weltweit erfolgreichster Tourenwagen

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1985 feierte der Ford Sierra RS Cosworth als Basisfahrzeug für Tourenwagen-Rennen sein Debüt.

So entwickelte sich der RS500 Cosworth zum weltweit erfolgreichsten Tourenwagen der Jahre 1987 bis 1990 mit WM- und EM-Titeln, 40 Siegen in der BTCC (British Touring Car Championship), Triumphen bei der berüchtigten Bathurst 1000, DTM-Meistertitel und einem Start-Ziel-Sieg beim 24 Stunden Rennen auf dem Nürburgring. "Ford "Cossies" fahren die Konkurrenz in Grund und Boden, dieses Engagement wirkt sich auf den Verkauf der Familienmodelle belebend aus", bestätigten deutsche Fachmagazine die Ford-Strategie.

Und dies sogar im reifen Alter, denn erst im siebten Produktionsjahr erreichte der Sierra-Ausstoß mit 330.000 Einheiten ein Allzeithoch, das übrigens den Bestwert des Taunus/Cortina um fast 50.000 Fahrzeuge übertraf. Leistung war auch auf außereuropäischen Märkten ein Erfolgsfaktor für den Sierra, speziell in Südafrika, wo der Sierra XR8 mit 5,0-Liter-V8-Power aus dem Mustang beeindruckte.

Kölner Design-Meilenstein für Millionen Käufer

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Auch als Polizeiwagen wurde der Ford Sierra in Deutschland eingesetzt. Hier eine Version aus dem Jahr 1987.

(Foto: Ford)

Für nordamerikanische Kunden verwandelte der Osnabrücker Karossier Karmann den Ford zum Merkur XR4, der als Nachfolger des legendären Sportcoupés Capri übers Lincoln-Mercury-Händlernetz vertrieben wurde. Aber auch in Venezuela, Argentinien und Neuseeland wurde der Sierra montiert. An die Karrieren klassischer Weltautos wie Taunus/Cortina oder die J-Cars von General Motors konnte der Sierra jedoch nicht anknüpfen, denn dafür war er zu sehr Designerstück. Dennoch gab es Uwe Bahnsens Aeroform auch als Pickup Sierra P 100, als Bestattungsfahrzeug, Einsatzwagen oder Behördenmodell.

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Nach gut 2,7 Millionen produzierten Exemplaren wird die Baureihe im Februar 1993 eingestellt. Hier ein nobel ausgestatteter Ghia Turnier aus dem Jahr 1992.

(Foto: Ford)

Zwei Modellpflegen (1987 und 1990) genügten, um die Ford-Avantgarde aktuell zu halten. Nach zwölf Jahren wurde es dennoch Zeit für einen Neuanfang, zumal der Sierra technisch auf den längst altmodischen Hinterradantrieb vertraute. Mondeo hieß der 1993 lancierte Nachfolger mit nüchternen Linien und moderner Antriebstechnik, der sich in drei Generationen und fast 30 Jahren als feste Größe bei Dienstwagenfahrern und Familien etablierte.

Bis sich Ford in diesem Frühjahr aus der traditionellen Mittelklasse verabschiedete, um mit modischen Crossover-Modellen wie Kuga und Mustang Mach-E frischem Zeitgeist zu folgen. Dem Strom voraus fuhren aber allein die Formen des Sierra, und so bleibt er der vorläufig letzte Kölner Design-Meilenstein für 2,7 Millionen Käufer.

Quelle: ntv.de, Wolfram Nickel, sp-x

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