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Samstag, 02. Juni 2018

Koreaner made in Germany: Hyundai i30 N TCR - ein Kundensportknaller

Mit dem i30 N TCR bietet jetzt auch Hyundai einen Kundensport-Rennwagen für die weltweit florierende Tourenwagen-Klasse an. Wer sich hinter das Steuer des babyblauen Schreihalses klemmt, der wird nicht ohne Mehrwert aussteigen.

"Circuito Tazio Nuvolari" steht auf einem kleinen Straßenschild, das auf ein enges Sträßchen im Umland von Turin leitet. Irgendwo im Nirgendwo liegt der enge winklige Kurs, auf dem der neueste Spross der Hyundai-Motorsport-Familie getestet werden kann: der i30 N TCR.

Ein sehr kleiner Kat am Heck filtert den Motorsound des Hyundai i30 N TCR.
Ein sehr kleiner Kat am Heck filtert den Motorsound des Hyundai i30 N TCR.

Die TCR-Kategorie ist in Rennsport-Kreisen längst keine Unbekannte mehr und mit über 600 verkauften Fahrzeugen seit dem Start 2015 die am stärksten wachsende Kundensport-Klasse im weltweiten Motorsport. Nicht nur Hyundai hat mit dem i30 N einen TCR-Renner im Angebot, auch Seat (Leon), VW (Golf), Audi (RS 3), Opel (Astra), Peugeot (308) und Honda (Civic) verkaufen fleißig TCR-Rennfahrzeuge. Dazu kommen privat entwickelte TCR-Versionen von Alfa Romeo (Giulietta), Subaru (Impreza) und Ford (Focus). Einen großen Anteil am Erfolg der TCR-Klasse hat das clever aufgebaute weltweite Netz an nationalen, regionalen und interkontinentalen Meisterschaften, das seit diesem Jahr mit der "WTCR"-Weltmeisterschaft eine neue Spitzenserie erhalten hat.

Hier kann man den i30 N TCR ausquetschen

Doch zurück zum i30 N TCR: Wie alle TCR-Fahrzeuge basiert auch der Hyundai auf einem fünftürigen Kompakten (eine Ausnahme bildet die RS-3-Limousine von Audi) mit einem Zweiliter-Turbomotor sowie Vorderradantrieb und kostet rund 150.000 Euro. Neben dem im bayerischen Alzenau beheimateten Team von Hyundai Motorsport war auch das BRC-Team aus der Nähe von Turin an der Entwicklung des i30 N TCR beteiligt. An vorderster Front und seit dem ersten Tag involviert: Tourenwagenlegende und Ex-Formel-1-Fahrer Gabriele Tarquini. Zu den größten Erfolgen des italienischen Schlitzohrs mit dem schelmischen Grinsen zählen unter anderem ein Europameister- und ein Weltmeistertitel in der jeweils höchsten Tourenwagenklasse.

Gabriele Tarquini (r) war an der Entwicklung des Hyundai i30 N TCR beteiligt.
Gabriele Tarquini (r) war an der Entwicklung des Hyundai i30 N TCR beteiligt.

Auch heute ist Tarquini an der Rennstrecke und versucht auf ein paar fliegenden Runden im "normalen" i30 N die Geheimnisse des schmalen Asphaltbands zu vermitteln. Eine "relativ langsame" Strecke sei der Circuito, und "ideal, um den i30 N TCR ordentlich auszuquetschen", erzählt Tarquini, während er den Hyundai mit wimmernden Reifen um den Kurs scheucht. Fahrerwechsel. Tarquini setzt sich nicht auf den Beifahrersitz, Rennfahrer sind von Haus aus meist schlechte Co-Piloten. Schon der bei jedem Händler erhältliche i30 N macht auf dem Rundkurs eine gute Figur. Der Zweiliter-Turbomotor, der mit kleinen Änderungen auch im TCR zu finden ist, macht ordentlich Druck und dank des präzisen Sechsgang-Getriebes, das im Gegensatz zum TCR noch per Hand geschaltet wird, ist für jede Ecke die richtige Gangabstufung parat.

Gott sei Dank kein Schulterblick

Beim vierten Flug über die wellige Start-Ziel-Gerade, hält ein Mechaniker eine Anzeigetafel über die Boxenmauer. "Pit in" steht darauf geschrieben. Nach einer langsamen Abkühlrunde geht es zurück in die Box, wo endlich der TCR-Renner auf den ungeduldigen Journalisten wartet. Schon optisch liegen Welten zwischen dem Straßenfahrzeug und der Rennversion. Breite Kotflügel beherbergen ausladende Slicks, hinter den weißen Felgen sitzt eine massive Bremsanlage mit geschlitzten Scheiben, jedoch ohne den trügerischen doppelten Boden eines Antiblockiersystems. Sowohl der breite Splitter an der Front als auch der gewaltige Flügel am Heck des i30 N TCR pressen den Tourenwagen in schnellen Passagen auf den Boden. Für mechanischen Grip sorgen exorbitante Sturzwerte, die für den Unwissenden eher nach Achsenbruch als nach Rennstrecken-Setup aussehen.

Kurze Einweisung des Autors am Steuer des Hyundai i30 N TCR.
Kurze Einweisung des Autors am Steuer des Hyundai i30 N TCR.

Rein also in den feuerfesten Anzug, Sturmhaube und Helm engen die Sicht ein, das unter Umständen lebensrettende "HANS"-System als Nackenstütze zwingt zum sturen Geradeausschauen. Gut, dass heute kein Schulterblick geübt werden muss. Die Sitzposition im i30 N TCR ist extrem tief, Motorhaube und Kotflügel können nur im Ansatz erahnt werden. Festgezurrt in den schraubstockartigen Sechspunkt-Hosenträgergurten erläutert der Renningenieur noch die Knöpfe auf dem Lenkrad und das Startprozedere, das mit einer Tastenkombination auf dem kleinen Touchpanel am Fahrzeugboden ausgelöst wird. "Main", "Ignition" und "Start": Der Turbomotor, dessen heiser krächzende Stimme nur von einem Kat am Ende des schnurgeraden Rohrs unter dem Fahrzeug ganz leicht gedämpft wird, bellt sich in die Ohren der umstehenden Mechaniker. Kupplung treten und an der rechten Schaltwippe ziehen, dann legt ein pneumatisches System – das einzige in der TCR-Klasse – mit einem lauten "Klonk" den ersten Gang ein.

Schwer zu beschreiben

Die harte Rennsportkupplung verlangt beim Anfahren viel Gefühl aber mit leichten Gasstößen rollt der TCR-Hyundai dann vom Boxenplatz. Im Kriechbetrieb hoppelt der i30 langsam umher, hier fordern das mechanische Sperrdifferenzial und der lange erste Gang ihren Tribut. Am Boxenausgang muss nur noch der Geschwindigkeits-Begrenzer deaktiviert werden, dann schießt der 340 PS starke i30 N TCR nach vorne. Ab hier fällt es schwer, den Fahreindruck in einigermaßen verständliche Worte zu fassen.

Das spartanische Cockpit des i30 N TCR ist typisch für solche Fahrzeuge.
Das spartanische Cockpit des i30 N TCR ist typisch für solche Fahrzeuge.

Egal ob es die brutal zupackende Bremse vor der Kurve, das ultradirekte Einlenken um den Scheitelpunkt herum oder die beeindruckende Traktion aus den engen Ecken heraus ist: Der i30 N TCR ist ein waschechtes Rennauto. Aber eines, das den Fahrer fordert, ohne ihn zu überfordern. Ermutigt, ohne übermutig werden zu lassen. Der Hyundai animiert zum Schnellfahren, will hart rangenommen werden und gibt erst am Limit das Maß an Feedback zurück, das für wirklich schnelle Rundenzeiten nötig ist.

Ein paar Meter zu viel

Ein Trainingseffekt stellt sich ein. Runde um Runde verschiebt sich der Bremspunkt vor der ultraschnellen ersten Rechtskurve um ein paar Meter nach vorne. Ups – das waren ein paar Meter zu viel: Der i30 N TCR wird nach außen getragen, plötzliches Gaslupfen verwandelt das Untersteuern in einen spektakulären Drift, der sich mit beherztem Einsatz am Volant und auf der Pedalerie allerdings spielerisch wieder abfangen lässt. "Pit in", Abkühlrunde und zurück in die Box. Tarquini kommt ans Auto, lobt für die gesunde Härte auf der Rundenhatz und tadelt für die kurz stehenden Räder auf der Bestzeitenjagd – schelmisch zwinkernd.

Es braucht noch einen kurzen Moment, um die letzte Viertelstunde im Kopf Revue passieren lassen zu können. Die italienische Sonne und die enorme Abwärme des Motors haben den feuerfesten Anzug in einen nassen Sack verwandelt. Wer dieses Auto verlässt ist erschöpft,  aber glücklich.

Quelle: n-tv.de