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Unterwegs im Enzo-Bruder Maserati MC12 - ein ziemlich seltener Gast

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Weiß-Blau ist die traditionelle Farbe für den Maserati MC12.

(Foto: Patrick Broich)

Einen Maserati MC12 auf freier Wildbahn anzutreffen, kommt ungefähr einem Sechser im Lotto gleich. Jetzt ist es ntv.de sogar gelungen, ein Exemplar selbst am Steuer zu erleben. Diese Probefahrt dürfte in Erinnerung bleiben.

Wer einen Maserati MC12 besitzt, möchte eigentlich nicht in Erscheinung treten. Nein, derjenige möchte in der Regel nicht einmal, dass zumindest fremde Personen von einem solchen Besitz Kenntnis erlangen. Und Supercar-Händler mit entsprechendem Portfolio inserieren ihre Fahrzeuge zwar, sind aber zurückhaltend im Umgang mit solchen Highend-Preziosen.

Glücklicherweise gibt es aber auch Enthusiasten wie Roman Wieser von R.W. Exclusive Cars in Papenburg, die sogar seltenste Sammlerautos von der klimatisierten Halle auf die Straße holen - wohin sie ja schließlich auch gehören.

Der MC12 ist besonders

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Das Biest mit orangefarbener Lackierung ist dem Track vorbehalten.

(Foto: Patrick Broich)

Damit keine Missverständnisse entstehen: Wieser führt nicht nur Autos in seinem Bestand, die ein Millionenbudget verschlingen. Da tummelt sich auch mal ein hochmotorisierter X5 für einen moderat sechsstelligen Betrag unter den Boliden, die allerdings meist aus dem Hause Ferrari, Lamborghini oder McLaren stammen. Ein Maserati MC12 ist allerdings selbst für die Papenburger ein besonderes Juwel. Dabei vermarket der Spezialhändler nicht nur die Stradale-Version, sondern auch die für Motorsportevents vorgesehene Corse-Ausgabe - eine Straßenzulassung wird hier in der Regel nicht erteilt.

So oder so - zu Gesicht auf öffentlichen Straßen bekommt man einen MC12 fast nie. Er war Maseratis Waffe für den Fia GT-Rennsport. Seine Basis bildet der Ferrari "Enzo Ferrari" (benannt nach dem Firmengründer) inklusive der modifizierten Tipo-F140-Maschine mit 12 Zylindern und in diesem Fall sechs Litern Hubraum. Maserati baute nur 37 Homologationsfahrzeuge für die Straße und 12 bis 14 Exemplare (je nach Quelle) namens Corse für Veranstaltungen wie Trackdays. Mit 632 PS rangiert der MC12-Stradale allerdings 28 Pferdestärken unter dem Enzo - der Ferrari sollte schließlich seine Krone nicht verlieren.

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Der Heckflügel sorgt für mächtig Abtrieb.

(Foto: Patrick Broich)

Allerdings ist der MC12, in dessen Abstimmung auch Michael Schumacher involviert war, ein richtiges Abtrieb-Monster. Auf dem Track wird das belohnt mit schnellen Rundenzeiten dank hoher Kurvenperformance. Riesiger Heckspoiler, monströser Diffusor und generell eine ausgeklügelte Aerodynamik kennzeichnen den MC12. Unzählige Lüftungsschlitze, Sicken und Kanäle zeugen davon, dass sich die Techniker lange Gedanken darüber gemacht haben müssen, wie die Luft den Boliden anströmt. Daher rennt der exotische Italiener im Gegensatz zum Enzo womöglich auch nur "mehr als" 330 km/h - so die Formulierung im Datenblatt. Der ist nämlich mit 351 km/h Spitzentempo eingetragen, das dürfte eher weniger an der geringen Mehrleistung liegen. Aber am Ende: Spekulation. Zumal auch die Getriebeübersetzung des MC12 von der des Enzo abweichen soll.

MC12-Fahrt bedeutet Abenteuer

Doch wie hoch das Potenzial an Längs- und auch an Querperformance beim MC12 sein mag, herausgefahren wird es hier und heute nicht. Selbst wenn der geübteste Fahrer am Lenkrad säße - rasante Runden würden allein an den Reifen scheitern. Die sind nämlich genau wie das Fahrzeug absolut original, demnach also 18 Jahre alt. Und mit denen wird auch eine ganz normale Ausfahrt ohne allzu dynamische Einlagen zum Abenteuer.

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Der MC12 ist sündhaft teuer, sein Innenraum wirkt nicht so.

(Foto: Patrick Broich)

Egal, erstmal in die teilbelederten Sportsitze mit den ausgeprägten Wangen schälen - klappt besser als vermutet. Mehr Hürde sind die etwas widerspenstigen Vierpunkt-Gurte. Nicht das Anlegen ist das Problem, aber sie lassen sich nur schwergängig verstellen. Sei es drum, so richtig alltagstauglich wirkt das nicht. Ein MC12 ist ja schließlich auch ein Ausnahme-Auto.

Aber dann. Zündung an mit dem etwas prekär wirkenden Schlüssel (generell wirkt auch die Innenarchitektur eher lieblos), blauen Startknopf drücken - der Zwölfender erwacht schnaubend zum Leben. Die Einheit stammt offenbar aus einer Zeit, als die EU noch nicht so hart in das Sounddesign eingegriffen und Lautstärke-Auflagen erlassen hat. Außerdem schreit der Sechsliter ja quasi gleich neben den Köpfen der Passagiere. Irre laut, irre cool. Paddle ziehen, der erste Gang der automatisierten Sechsgang-Box rastet mechanisch hörbar ein. Behutsam rollt der Carbon-Rennsportler auf die Straße und bekommt zunächst ein paar Kilometer moderaten Auslauf, um die 11,5 Liter Motoröl durchzuwärmen. Klar, dass dieses Aggregat seinen Schmierstoff per Trockensumpfsystem zu den Laufbuchsen pumpt. Zu hoch wäre die Gefahr, dass der Ölfilm bei hoher Querbeschleunigung abreißen würde.

Der Rennsportler will beherrscht werden

So richtig Feuer bekommt der MC12 heute aber nicht mehr, er hat lange gestanden und die 19-Zöller der 345er-Klasse verzweifeln daran, das geballte Drehmoment (652 Newtonmeter bei 5500 Umdrehungen) zu übertragen. Schon ein bisschen zu viel Drehzahl hastig aufgebaut - und die Haftreibung verabschiedet sich. Schmale Straßen bremsen den Trieb, möglichst schnell unterwegs zu sein. Schließlich darf kein einziger Kratzer an das 2,10 Meter breite Biest im Multimillionenwert kommen.

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Unter den Lüftungsschlitzen steckt der betörend klingende Zwölfzylinder.

(Foto: Patrick Broich)

Und dennoch. Den zornig-dumpf klingenden 65-Grad-Zwölfzylinder zu genießen, klappt auch ganz gut bei einer persönlichen Drehzahlrange, welche diesseits der 6000 Touren endet. Mit der Last sollte man ebenfalls verhalten umgehen. Logisch, der hochgezüchtete Vierventiler könnte bis 7500 Touren jubeln und richtig voranmarschieren. Doch darum geht es nicht, sondern vielmehr um das Feeling, überhaupt einen MC12 zu steuern.

Ginge es ausschließlich um Dynamik, wäre der Aufwand, dieses Homologationsmodell für eine Ausfahrt zu ergattern, verlorene Mühe. Etwa elf Sekunden soll der rund 1,5 Tonnen schwere Racer brauchen, um seinen Tachometer die 200 km/h-Marke erreichen zu lassen. Das war 2004 schnell. Heute jedoch unterbieten Autos in dieser Disziplin sieben Sekunden. Und die kosten nur einen Bruchteil dessen, was man für einen MC12 ausgeben muss.

Ausnahme-Maserati nichts für den Alltag

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Die meisten MC12 verlassen den Showroom leider nicht.

(Foto: Patrick Broich)

Verrückter Gedanke - wäre ein MC12 für den Alltag vorstellbar? Wenn Geld eine untergeordnete Rolle spielte, wäre der Unterhalt zumindest nicht das Problem. Allerdings sorgen die Abmessungen für gewisse Herausforderungen. Der Italiener ist ja nicht nur über zwei Meter breit, sondern auch noch deutlich über fünf Meter lang, was in Kombination mit der spärlichen Übersichtlichkeit (es gibt kein Heckfenster, durch das man gucken könnte) zu manchem Problem führen könnte. Hindernisse wie Speedbumps auf der Straße meistert der MC12 immerhin leicht. Das Lifting-System hebt das Chassis ein bisschen altersmüde klingend mit einer knurrigen Note, aber nach 18 Jahren immerhin noch tadellos an.

Vielleicht wären gelegentliche Ausfahrten der Kompromiss. Auch sündhaft teure Sammlerautos sollten gefahren werden, statt nur in klimatisierten Vitrinen zu versauern. Dieser Appell gilt nicht nur MC12-Besitzern, sondern sämtlichen Eignern, die in ähnlichen Preisklassen unterwegs sind. Und mal ehrlich - es wäre doch schön, superseltene Autos von Zeit zu Zeit auch mal bestaunen zu können.

Quelle: ntv.de

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