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Spurtstark, aber gutmütig geht der Mégane R.S. auf die Jagd nach Kunden.
Spurtstark, aber gutmütig geht der Mégane R.S. auf die Jagd nach Kunden.(Foto: Busse/Textfabrik)
Sonntag, 04. Februar 2018

Renault mit Dynamikpotenzial: Mégane R.S. kann Sehnsüchte erfüllen

Von Axel F. Busse, Jerez

Das Engagement in der Formel 1 hat nicht dazu geführt, dass Renault mit Sportlichkeit assoziiert wird. Die vierte Generation des Mégane R.S. könnte das ändern. Sie kombiniert den Antrieb eines puristischen Zweisitzers mit der Vielseitigkeit eines Fünftürers.

Noch hat Renault Deutschland das Geheimnis um den Preis des neuen Mégane R.S. nicht gelüftet, aber man darf davon ausgehen, dass es sich um einen guten Deal handeln wird. Der Käufer bekommt den Motor und das Getriebe der kürzlich vorgestellten Alpine A110, dazu sogar mehr Leistung und Drehmoment, drei zusätzliche Türen, mehr Platz und Alltagstauglichkeit. Nimmt man den Preis des Mégane R.S. in seinem Heimatland zum Maßstab, wird das Fahrzeug in Deutschland zwischen 38.000 und 40.000 Euro kosten - was rund 15.000 Euro weniger wären, als für die Alpine bezahlt werden müssen.

Erstmals wird der R.S. als Viertürer angeboten - und zwar ausschließlich.
Erstmals wird der R.S. als Viertürer angeboten - und zwar ausschließlich.(Foto: Busse/Textfabrik)

Für Familienväter mit heimlichen Sehnsüchten nach Fahrdynamik also ein verlockendes Angebot, doch vergleichbare Pakete gibt es natürlich auch bei anderen Herstellern. Der Golf GTI gilt als Urvater der "Hot Hatches", wie im anglophonen Sprachraum die heiß gemachten Kompaktlimousinen genannt werden. Der Golf hat allerdings inzwischen bis zu 300 PS und Allradantrieb. Beim Mégane R.S. muss allein die Vorderachse der 280 PS Herr werden, die der 1,8 Liter große und von einem Turbolader befeuerte Vierzylinder abgibt.

Mit kleinen Korrekturen leicht beherrschbar

Das ist für Antriebs- und Fahrwerkstechniker eine enorme Herausforderung. Zudem kämpft der Ober-Mégane mit einer ungünstigen Gewichtsverteilung, die zwar auch Konkurrenten gleicher Bauart betrifft, dadurch aber kein kleineres Übel wird. Nahezu zwei Drittel der gesamten Fahrzeugmasse haben nur über die Vorderräder Bodenkontakt, etwa 36 Prozent trägt die Hinterachse. Mit dem Motor zwischen den Achsen, wie etwa bei der Alpine, ist bei sportlichen Ansprüchen ein ausgewogenes und neutrales Fahrverhalten viel leichter hinzubekommen.

280 Turbo-PS machen den Mégane R.S. zum stärksten Vertreter seiner Baureihe.
280 Turbo-PS machen den Mégane R.S. zum stärksten Vertreter seiner Baureihe.(Foto: Busse/Textfabrik)

Diese Fakten im Hinterkopf geht es zur Testfahrt ins Bergische. Gegenüber dem bisherigen Top-Produkt der Baureihe, dem Mégane GT, bringt der Neuling vorne eine um 51 und hinten um 27 Millimeter verbreiterte Spur mit. Das verschafft Stabilitätsvorteile, ist jedoch keine Versicherung gegen ein leichtes Heck, was sich durch heftiges Bremsen bei gleichzeitigem Einlenken anstrengungslos provozieren lässt. Doch statt eigendynamisch den Pfad der Tugend zu verlassen, hat die folgsame Lenkung unmittelbar den drohenden Ausflug der achtern gelegenen Fahrzeugpartie gemeldet und der Mégane R.S. kann mit minimalen Korrekturen stabil auf Kurs gehalten werden. Selbst wer sich im Race-Modus der elektronischen Schleuderbremse entledigt, staunt, wie genügsam und beherrschbar die muntere Fuhre bleibt.

Wäre die Vokabel "Familienkutsche" nicht von Spott und Behäbigkeit durchtränkt, müsste man dem Mégane R.S. bescheinigen, dass er sich genauso gelassen, entspannt und souverän bewegen lässt wie dieser Inbegriff der Langeweile. Weder fordern die enorme Motorleistung eine besondere Aufmerksamkeit, noch die Beschleunigungs- oder Spurwechselfähigkeit erhöhte fahrerische Qualifikationen. Lässig durchmisst der Fünftürer in straffem Tempo die Schlängelpisten des andalusischen Hinterlandes, freilich nicht ohne Tribut an der Tankstelle zu fordern. Der Prüfstandwert von 6,9 Litern je 100 Kilometer kann durch vergnügungssteuerpflichtiges Fahren leicht um 50 Prozent oder mehr übertroffen werden. 255 km/h sind maximal drin, den Spurt auf 100 km/h erledigt er in 5,8 Sekunden.

Pluspunkte mit Doppelkupplungsgetriebe

Sportliches Outfit auch im Innenraum: Kontrastnähte und eine Lenkrad-Markierung.
Sportliches Outfit auch im Innenraum: Kontrastnähte und eine Lenkrad-Markierung.(Foto: Renault)

Zwar lässt Renault den Kunden die Wahl zwischen einem manuellen Sechsganggetriebe und einer Doppelkupplungs-Schaltbox mit ebenso vielen Stufen, doch kann die Empfehlung nur lauten, die voraussichtlich 1800 bis 2000 Euro für die Automatik nicht zu scheuen. Sie schaltet schnell, geschmeidig und meistens bedarfsgerecht, zeigt keine Probleme mit 390 Newtonmetern Drehmoment, überspringt notfalls auch einmal eine Stufe, wenn zum Beispiel hartes Bremsen den Wunsch nach maximalem Drehmoment am Kurvenausgang signalisiert. Nur wenn nach kräftigem Beschleunigen das Gaspedal vorsichtig gelupft wird, zeigt sie sich zuweilen nicht ganz im Bilde, hält den niederen Gang anstatt der ausbleibenden Leistungsanforderung zu folgen und in eine längere Übersetzung zu wechseln. Die Lenkradpaddel, die wohl als Einladung zum rennsportähnlichen manuellen Schalten angesehen werden sollen, braucht es deshalb nicht unbedingt. Sie sind im unteren Teil zu kurz und außerdem fest mit der Lenksäule verbunden, so dass man bei Kurvenfahrt ohnehin oft ins Leere greifen würde.

Die Qualität der Sportsitze offenbart sich in Bereichen der Querdynamik, die im täglichen Straßenverkehr nur selten anzutreffen sind. Die Schalen sind gut ausgeformt und seitenstabil, was man von den hinten Plätzen leider nicht behaupten kann. Allerdings sind dort Bein- und Kopffreiheit beachtenswert, die Sicht ist eher mäßig. Zum Paket aus Turbokraft, präziser Lenkung, sportlichen Motorsound und erstaunlich gut ausbalanciertem Fahrwerk erwirbt der Kunde in Deutschland noch eine mitlenkende Hinterachse, die Wahlmöglichkeit zwischen fünf verschiedenen Fahrmodi, eine R-Link-Multimedia-Anbindung des Infotainment-Systems, Head-Up-Display, Brembo-Bremsen und einen RS-Monitor für Fahranalysen.

Souverän spielt der R.S. mit auf der Klaviatur des beschleunigungssatten Fahrvergnügens. In Deutschland wurden in 2017 mehr als 21.000 Renault Mégane neu zugelassen, weniger als jeder 20. Kunde orderte im Schnitt der letzten Jahre die R.S.-Version. Für Exklusivität ist also gesorgt. Das gilt auch für die bereits avisierte Trophy-Variante, die im Laufe dieses Jahres noch einen Aufschlag von 20 PS bekommen soll.

Quelle: n-tv.de