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Formel Zukunft Mit dem Vision EQ Silver Arrow auf dem Rundkurs

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Die Zukunftsvision des Vision EQ Silver Arrow passt schon sehr gut auf eine Rennstrecke wie die in Abu Dhabi.

(Foto: JONATHAN GLYNN-SMITH)

Auf dem Concourse in Pebble Beach hat Mercedes die Zukunfts-Studie Vision EQ Silver Arrow zum ersten Mal enthüllt. Jetzt hat sich der Silberpfeil der Neuzeit in sein eigentliches Revier getraut: Auf die Rennstrecke von Abu Dhabi.

Wer Visionen hat, hat zwei Möglichkeiten. Entweder, er folgt dem Rat des Bundeskanzlers a. D. Helmut Schmidt, und geht zum Arzt. Oder er macht sich auf nach Stuttgart. Beim Daimler nämlich gab und gibt es schon immer eine ganze Reihe von Visionären, die das ewige Streben nach Perfektion umtreibt. Wobei Perfektion mit Blick auf die Mercedes-Motorsportabteilung bislang wohl besser mit Geschwindigkeit zu umschreiben war.

Rekord für die Ewigkeit

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Wer Rekorde auf der Rennstrecke aufstellen will, der sollte dafür sorgen, dass man sein Auto häufiger von hinten sieht.

(Foto: JONATHAN GLYNN-SMITH)

1936 etwa bauten die Schwaben auf Basis des Grand-Prix-Wagens W25, dem ersten Silberpfeil, ein Stromlinienfahrzeug mit V12-Motor, das es auf der Autobahn zwischen Frankfurt und Heidelberg auf Sage und Schreibe 366,9 km/h brachte. Nur zwei Jahre später brach der Nachfolger auf W125-Basis den Rekord und erzielte auf einer Ein-Kilometer-Distanz eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 432,7 km/h. Ein Wert, der lange in den Geschichtsbüchern ganz oben notierte; erst 2017 stelle Koenigsegg den Rekord ein.

Einer, der es schon eher hätte schaffen können den Rekordwagen W125 zu deklassieren, war der Mercedes-Benz T80. Die vom ehemaligen Daimler-Chefingenieur und späteren Autobauer Ferdinand Porsche entworfene Acht-Meter-Flunder mit 44,5-Liter-Zwölfzylinder sollte eigentlich im Jahr 1940 die Bestmarke auf unwirkliche 600 km/h anheben. Doch die Geschichte verhinderte den Rekordversuch. Wenige Monate vor dem geplanten Lauf brach der zweite Weltkrieg aus, und der T80 fristet bis heute sein Dasein im Mercedes-Benz-Museum.

Heutzutage träumen die Verantwortlichen in Stuttgart vielleicht nicht mehr von großvolumigen Verbrennungsmotoren, und auch Geschwindigkeit ist in Zeiten nachhaltiger Mobilität längst nicht mehr die einzig wahre Messgröße. Visionen aber haben sie immer noch: Erst Ende 2017 hat Chef-Designer Gorden Wagener Studenten der Hochschule München dazu aufgefordert, sich an Konzepten für Rekordfahrzeuge zu versuchen, und im August dieses Jahres hat der Meister höchstselbst seine Vorstellung der Zukunft auf die Räder gestellt.

Silberpfeil der Zukunft

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Statt tosenden Lärm würde so ein Silver Arrow der Zukunft nur leises Surren produzieren.

(Foto: JONATHAN GLYNN-SMITH)

Im Rahmen der Monterey Car Week, einem der wichtigsten Stelldichein exklusiver Automobil aus der älteren und jüngeren Vergangenheit, hat er die Studie Vision EQ Silver Arrow enthüllt, die die Silberpfeil-Idee zehn, zwanzig, dreißig Jahre in die Zukunft transportiert. Zwischen den akkurat geschnittenen Grüns des Pebble-Beach-Golfplatzes war der Silver Arrow schon der Hingucker schlecht hin. Doch jetzt, wenige Monate später hat er sich erstmals in seinem natürlichen Lebenraum präsentiert: auf der Formel-1-Rennstrecke von Abu Dhabi.

Es ist nur ein paar Stunden her, dass Lewis Hamilton hier seinen fünften Weltmeister-Titel eingefahren hat. Das ohrenbetörende Kreischen der hochdrehenden Formel-1-Motoren verhallt langsam, die Zuschauer verlassen den in die Wüsten gepflanzten Rennzirkus, und in den Boxen bereiten sich die Mechaniker schon auf die in den nächsten Tagen anstehenden Tests vor. Nur bei Mercedes wird noch nicht an den Reifen und Motoren für die kommende Saison gebastelt. Stattdessen wird der Alubeam-Silber-Lack des Vision EQ Silver Arrow noch einmal auf Hochglanz poliert.

Schon im Stand schnell

Dann öffnet sich das Boxentor, und langsam, ganz langsam rollt die Studie hinaus auf auf die Rennstrecke. In Abu Dhabi ist es längst dunkel, doch das gleißend helle Scheinwerferlicht macht die Nacht zum Tag und bringt den Silberpfeil zum Strahlen, neugierig lugen die Mechaniker von den anderen Rennställen über die Boxenmauer, und selbst der ein oder andere Formel-1-Pilot gab sich die Ehre und staunte nicht schlecht. Kein Wunder, wenn 5,30 Meter Zukunft auf der Pole Position stehen. Und: Schon im Stand dürfte jedem, der sich ein bisschen mit Autos auskennt, klar sein, dass die Flunder das Zeug dazu hat, so richtig schnell zu sein. Ja, dieses Auto gehört genau hier hin.

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Noch bewegt sich der Prototyp nur in Schrittgeschwindigkeit auf der Rennstrecke und ist mehr Schein als Sein.

(Foto: JONATHAN GLYNN-SMITH)

Schnelligkeit allerdings war gar nicht das Ziel Gorden Wageners. Vielmehr will er mit der Fingerübung im W125-Retro-Stil der 30er-Jahre einen Ausblick auf das Zukünftige Design der Marke, oder besser gesagt, der Sub-Marke Mercedes-EQ geben. Dass die beiden Motoren an Vorder- und Hinterachse zusammen 550 kW bereitstellen und dass im Unterboden ein 80-kWh-Akku für rund 400 Kilometer Reichweite schlummert, ist also eher nebensächlich. Ausprobieren kann man es sowieso nicht, noch bewegt sich der Millionen-teure Prototyp nur mit Schrittgeschwindigkeit über die Rennstrecke.

Zukunft? Ungewiss!

Allerdings ist auch fraglich, ob aus dem EQ Silver Arrow jemals ein Serienauto wird. Mercedes äußert sich dazu gar nicht, denkbar ist, dass die Studie der Startschuss für einen Nachfolger des AMG Project One ist, der 2017 auf der IAA sein Debüt feierte. Genauso wahrscheinlich ist es aber, dass er für immer eine Vision bleibt, und wir nur Design-Elemente davon an anderen Modellen wieder finden.

Die ausgestellten Radhäuser dürften, wie die durchsichtige Heckflosse, dabei wohl nicht zu den serientauglichen Elementen gehören, eher schon haben die zum Teil verkleideten 24- und 26-Zoll-Riesen-Räder die Chance, vielleicht irgendwann produziert zu werden. Sie bieten schließlich einen aerodynamischen Vorteil. Auch die leichte Karbon-Karosserie ist durchaus in der Serie denkbar, allerdings heute für die Massenfertigung noch viel zu teuer. BMW kann bei seinen i-Modellen ein Lied davon singen. Ganz nah an der Realität ist dagegen die Scheinwerferleiste: LED-Technik sei Dank, sind derart minimalistische Leuchteneinheiten schon heute machbar. Und spätestens wenn Autos autonom fahren, wird auch der verspielt wirkende Bildschirm im (ehemaligen) Kühlergrill Wirklichkeit werden. Die Projektionsfläche bietet sich hervorragend für die Kommunikation zwischen Auto und Passanten an.

Geräumig und edel

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Der Innenraum des Silver Arrow. Fotografiert auf der Automesse in Paris.

(Foto: Holger Preiss)

Gar nicht mal so weit weg von der Gegenwart ist auch der Innenraum, auch wenn die typische Rennwagen-Kanzel auf den ersten Blick wie aus einer anderen Zeit scheint. Ist man erstmal umständlich – und ohne Fingerabdrücke auf dem Hochglanz-Lack zu hinterlassen – unter der nach oben aufklappendem Öffnung durch und in die Studie hinein gekrabbelt, kann man sich richtig breit machen und selbst mit fast zwei Metern Körpergröße wirkt man im EQ Silver Arrow verloren. Dieses unvergleichliche Platzangebot ist die Zukunft, die uns mit Elektroautos bevorsteht: Richtige Stromer, also keine Umbauten auf herkömmlicher Basis, punkten mit enormer Geräumigkeit. Schließlich fallen der große Motor, Getriebe und viele weitere raumgreifende Bauteile einfach weg.

Ob wir zukünftig alle – solange wir noch selbst fahren – ein kleines, rechteckiges Lenkrad in der Hand haben, sei dagegen dahin gestellt. Dass auch in das Volant ein Bildschirm kommt, ist aber nur noch eine Frage der Zeit, und das breite Panorama-Kombiinstrument gibt es so oder so ähnlich auch heute schon. Das Schöne: Behält Gorden Wagener mit seiner Zukunftsvision Recht, dürfen wir uns auch weiterhin auf Wohlfühlambiente bei Mercedes freuen. Denn trotz aller High-Tech setzt der Kreative im Cockpit weiterhin auf Echtleder (mit Mercedes-Stern-Dekor), gebürstetes Aluminium und einen edlen Holzfußboden, von dem Designer schon bei vielen Concept Cars geträumt haben. Manche Dinge ändern sich eben nie – auch nicht in der fernen Zukunft.

Quelle: ntv.de