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Ein legitimer Nachfolger Volvo 780 (Bertone) trifft auf Polestar 1

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Der Volvo 780 und der Polestar 1. Ein ungleiches Paar? Mitnichten!

(Foto: Patrick Broich)

Man muss schon ein wenig in die Historie schauen, um einen Sparringpartner für den Polestar 1 zu finden, der ebenfalls aus Schweden stammt und die Noblesse und den Charme eines schönen Coupés verströmt.

Der Polestar 1 ist der legitime Volvo 780-Nachfolger und damit der heimliche C 90. Zeit, die beiden exklusiven Coupés zusammenzubringen. Zwischen Polestar 1 und Volvo 780 liegen zwar zwei Generationen großer Volvo-Coupés, doch an die Klasse und Noblesse eines 780 reichten die späteren Coupés nicht heran.

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Ähnlich wie der Polestar 1 heute, war auch der Volvo 780 (Bertone) nur einem kleinen Publikum zugänglich.

(Foto: Patrick Broich)

Sei es, weil der 780 nur wenigen europäischen Märkten vorbehalten war oder seine Stückzahl deutlich unterhalb von 10.000 Exemplaren liegt. Oder vielleicht, weil Volvo demonstrativ kundtat, dass man für den extravaganten Zweitürer keinen geringeren als Bertone an das Zeichenbrett gelassen hatte, was auch zwei Embleme bezeugen. Doch jetzt liegen die Dinge anders. Volvo, Verzeihung, Polestar, die ja als eigene Marke auftritt, aber so unverhohlen Volvo-Gene trägt, dass man ruhig den Vergleich ziehen darf, legt ein Coupé auf. Und zwar eines, das einen gewaltigen Ruck durch die Reihen der Autoenthusiasten gehen lässt.

Die erste Ansage ist der Preis: 152.067 Euro möchte Polestar gerne sehen, bevor in China überhaupt mit der Montage des persönlichen Exemplars begonnen wird. Die zweite Ansage betrifft den Antriebsstrang. Satte 609 PS Systemleistung liefern die Motoren und exakt eintausend Newtonmeter maximales Drehmoment werden auf beide Achsen geworfen. Unter der leichten Carbon-Motorhaube werkelt also der Konzern-Vierzylinder mit zwei Litern Hubraum und 309 PS. Dazu gesellen sich zwei jeweils 116 PS starke E-Maschinen für die Hinterachse plus ein 68 PS leistender Kurbelwellenstarter. Die Traktionsbatterie fasst 34 kWh, was für einen Plugin-Hybriden viel ist und den Supersportler bei zarter Fahrt über hundert Kilometer stromern lässt, ohne das der Verbrenner zu Hilfe eilt.

Ein Volvo der 1980er

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Mit dicken Lederpolstern war der Volvo 780 (Bertone) seinerzeit ein Luxusauto.

(Foto: Patrick Broich)

Damit im Hinterkopf geht es aber nun erstmal zum 780. Kantige Armaturen, sachliche Instrumente - klarer Fall, das ist Volvo der Achtziger. Feine Wurzelholzbeläge und üppigste Ledersitze verbreiten einem Hauch Noblesse. Das Lenkrad mit dem etwas klobig geratenen Pralltopf passt zu dem massiven Wählhebel, der einen Wandlerautomaten mit vier Gängen dirigiert. Und davor lächelt den User ein gutes Stück Stereoanlage samt Equalizer im Doppel-DIN-Schacht an. Irgendwie cool.

Unter der Motorhaube schnaubt der gute alte PRV-Sechszylinder, seiner Zeit eine Gemeinschaftsentwicklung von Peugeot, Renault und Volvo. Das 2,7 Liter große Kraftwerk (den 780 gibt es optional als Diesel) sollte ursprünglich mal ein Achtzylinder werden, der im Zuge der Ölkrise eine Zylindereinheit verlor. Übrig geblieben ist ein Triebwerk mit 90 Grad-Bankwinkel - typisch Achtzylinder, aber untypisch Sechszylinder. Heraus kommt eine Maschine mit brummelig-sonorem Sound, der unter der Belastung des Drehmomentwandlers sämig gestrichen wird.

Bassiger Motorsound

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Der Motor des Volvo 780 erfreut durch seinen bassigen Sound.

(Foto: Patrick Broich)

Schnitt und Umstieg in den Polestar. Kurz orientieren - sieht bis auf die knallgelben Gurte und rahmenlosen Scheiben aus wie in allen aktuellen Volvos mit dem charakteristisch gestylten Bildschirm, der kleiner ausfällt als bei den neueren Polestar-Modellen. Aber es gibt ja noch das aus reiner Anzeigefläche bestehende Kombiinstrument plus Head-up-Display, also Infotainment ist mehr als genug vorhanden. Doch das ist jetzt egal, denn die Neugierde gilt dem Gebilde aus insgesamt vier Motoren. Die Ingenieure haben dem Sportcoupé vorsorglich 295er-Walzen für die Hinterachse spendiert, für Traktion ist also gesorgt.

Und so reißt der Polestar unter schwerem Gasfuß tatsächlich schlupffrei aus der Startposition, und seine virtuelle Tachonadel stürmt erst Richtgeschwindigkeit entgegen, um dann ohne jegliche Anstrengung schnellere Sphären zu erreichen. Ein schwedisches Fachmagazin hat den exzentrischen China-Schweden längst getestet und knapp 14 Sekunden für den Sprint von 0 auf 200 km/h ermittelt - das ist nicht berauschend für ein 600 PS-Auto, aber der PHEV mit dem schweren Akku bringt immerhin rund 2,3 Tonnen auf die Waage, die bewegt werden wollen. Sei es drum, für ein schwedisches Fahrzeug ist das Spurtvermögen aller Ehren wert und hebt den Zweitürer auf ein Level, das kein Markenvertreter vorher jemals erreichte.

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Der Zeitenwandel der beiden Protagonisten ist wohl am Heck am besten zu erkennen.

(Foto: Patrick Broich)

Freilich auch nicht der 780, der mit seinen 170 katlosen Pferdchen selbst in den Achtzigern kaum zu punkten vermochte. Die hier besprochene, späte Version mit geregeltem Katalysator muss gar mit 147 PS auskommen. Macht gar nichts, aber er ist souverän motorisiert und gibt den Fans auf die Ohren, was selbst beim Polestar 1 schmerzlich fehlt: bassiger Motorsound, der einem luxuriösen Auto erst die letzte Würze verleiht. So cruist der über dreißig Jahre alte Schwede mit einer Leichtigkeit und wohltuender Akustik durch die Lande, begleitet von einem hinreichend weich schaltenden Automatikgetriebe, das übrigens bei Leistungsanforderung auch mal behände zurückschaltet.

Der kann auch Supersport

Und der Polestar? Ist trotz seines überbordenden Gewichts einer, der auch mal Supersportler kann. Mit Hilfe des 24-fach manuell verstellbaren Öhlins-Fahrwerks und exzellenter Gewichtsverteilung. Einfach Motorhaube auf und an den orangefarbenen Stellschrauben justieren - also für Motorsport-Enthusiasten, die etwas von der Materie verstehen.

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Schlicht und edel gibt sich der Polestar 1 im Innenraum.

(Foto: Patrick Broich)

Und die hinreißende Optik erst - der Schwede ist wahrlich, und das ist wirklich nicht übertrieben - eine Skulptur auf Rädern, anmutig von den Proportionen, kräftig im Auftritt und ein bisschen nach Concept wirkend dank seiner filigranen LED-Rückleuchten.

Und statt Verbrenner stellt er bei Öffnen der Heckklappe seine elektrischen Steckerverbindungen zur Schau, das ist mal erfrischend anders. Dagegen wirkt der klangvolle Bertone fast schon ein bisschen konventionell trotz seiner betont flachen Silhouette. In die Sammlergarage gehören sie allerdings beide, der auf insgesamt lediglich nur 1.500 Exemplare ausgelegte Polestar 1 vielleicht sogar noch ein bisschen mehr. Wiedersehen macht Freude.

Quelle: ntv.de, Patrick Broich, sp-x