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Hinter den Kulissen des 911 "Wir bauen den besten Sportwagen der Welt"

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Bis der "beste Sportwagen der Welt" entsteht, ist es ein langer Weg.

(Foto: Joerg Eberl)

Porsches Anspruch an den 911 ist hoch. Wie hoch, zeigt ein zweitägiger Workshop in Zuffenhausen und am Hockenheimring, wo die Schwaben beweisen wollen, warum sie den "besten Sportwagen der Welt" bauen.

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Für die Produktion des neuen 911 und des kommenden Taycan wurde eine hochmoderne Fabrik gebaut.

(Foto: Holger Preiss)

Was viele Menschen nicht wahrhaben wollen, ist der Umstand, dass so ein Auto ein Gesamtkunstwerk ist. Das ist auch gar nicht so schlimm, denn in erster Linie ist es für viele ein Alltagsgegenstand, der seine Passagiere von A nach B bringt. Anders wird es, wenn man sich einem Fahrzeug in der Preisklasse eines Porsche 911 nähert. Mit 120.000 Euro ist der Käufer hier weit von einem Schnäppchen entfernt und da verlangt er mehr als ein Fortbewegungsmittel. Deshalb definiert man in Zuffenhausen seit nunmehr acht Generationen ein Ziel: "Wir wollen den besten Sportwagen der Welt bauen."

Keine Naturgewalt

Dabei ist der 992, der im kommenden Jahr den 991 ablösen wird, keine Naturgewalt. Unter der Haube am Heck, an dem die dritte Bremsleuchte nicht mehr horizontal, sondern vertikal strahlt, arbeitet der bekannte Sechszylinder-Boxermotor, der seine Kraft aus 3,0 Litern Hubraum schöpft. Doch sind es jetzt nicht mehr 420 PS, sondern 450, die den 911 beflügeln. Auch das maximale Drehmoment, das ab 2300 Kurbelwellenumdrehungen anliegt, wurde um 30 auf 530 Newtonmeter erhöht.

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Die 911er werden in Zuffenhausen auf Herz und Nieren geprüft.

(Foto: Joerg Eberl)

Wie das erreicht wurde? Interessiert nicht jeden, deshalb soll sich an dieser Stelle auf das Wesentliche beschränkt werden. "Zur Performance-Steigerung", so der Leiter Sportwagen Hans-Walter Herrmann, "haben wir die Turbolader vergrößert und symmetrisch angeordnet. Erstmals sorgen Piezo-Injektoren für eine verbesserte Einspritzung des Benzins und die in der Höhe zueinander versetzten zwei Einlassventile garantieren ein bessere Verwirbelung des Luft-Benzin-Gemischs, was wiederum zu einer effizienteren Verbrennung führt." Kurz: Das Ansprechverhalten, die Leistungsfähigkeit und der Drehmomentverlauf verbessern sich.

Das ist natürlich noch nicht alles. Für die, die es wissen wollen, sei noch angemerkt, dass die Abgaskrümmer jetzt wieder aus Gusseisen statt aus Blech sind, die Ladeluftkühlung verändert wurde und natürlich den Umweltanforderungen folgend ein neuer Otto-Partikelfilter im Katalysator verwendet wird. Nachteil: Die Soundfraktion muss einmal mehr stark sein, denn aus den Endrohren tönt es jetzt noch etwas dumpfer.

Keine Überhöhung der Drehzahl

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Das neue Doppelkupplungsgetriebe mit nunmehr acht Gängen.

(Foto: Porsche)

Dafür wurden die bis dato sieben Gänge des PDK, also des extrem schnell schaltenden Doppelkupplungsgetriebes, auf acht Stufen erhöht, gleichsam aber auf die Überhöhung der Drehzahlen bei den Schaltvorgängen verzichtet. Das heißt, der sonst als extrem sportlich empfundene Schlag ins Kreuz bei den Schaltvorgängen wurde deutlich zurückgenommen. Also, für einen knackigen Start wurde der erste Gang sehr kurz gehalten. Bis Stufe sechs geht es in den Performance-Bereich - insofern beziffert Porsche den Sprint auf Landstraßentempo mit 3,5 Sekunden; sieben und acht stehen für Komfort und Effizienz.

Für Freunde des vierrädrigen Vortriebs gibt es für den 911 Carrera 4S ein neues elektromechanisches Vorderachsgetriebe. Die jetzt wassergekühlte Einheit aus Kupplung und Differenzial verfügt nunmehr über einen Plattenwärmetauscher. Durch die elektronische Kühlwasseranforderung wird die Kühlleistung um 300 Prozent gesteigert, heißt es bei Porsche. Zudem haben die Ingenieure die Kupplungslamellen verstärkt. Praktisch heißt das, dass im sogenannten Wet Mode, also bei nasser Fahrbahn, die Kraftverteilung im Verhältnis 50 zu 50 an beide Achsen verteilt wird. Die Fahrbahnnässe selbst wird durch eine Weltneuheit detektiert, durch akustische Sensoren in den vorderen Radhäusern. Ausschlaggebend ist die Heftigkeit des Aufpralls des aufgewirbelten Spritzwassers. Tatsächlich können die Sensoren zwischen Wasser und Split unterscheiden, so dass der Wet Mode nicht fälschlich initiiert wird.

Mischbezollung und längere Drift

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Längere Drift oder mehr Sicherheit bei Nässe, beides ist im neuen 911 möglich.

(Foto: Porsche)

Aber noch mehr soll den 911 in seiner achten Auflage zum besten Sportwagen der Welt machen. Neu ist zum Beispiel eine Mischbereifung. Ha, sagt der Kenner, die gab es schon vorher. Ja, ja, aber nicht in der Form, dass an der Front 20-Zoll-Räder rollen und am Heck 21-Zöller in den weit ausgestellten Radhäusern untergebracht sind. Diese "Mischbezollung", wie es Porsche nennt, soll erheblichen Einfluss auf die Balance des Fahrzeugs haben. Theoretisch neigt der Wagen weniger zum Unter- oder Übersteuern und die Sicherheitsreserven bei dynamischer Fahrweise sollen noch größer sein. Aber das ist alles graue Theorie. Den Beweis dürfte erst der Selbsttest bringen.

Einen ersten Eindruck vermittelte zwar bereits eine Mitfahrt im 992 auf dem legendären Hockenheimring, aber dass so ein Profifahrer mit einem Sportgerät wie dem 911 umgehen kann, ist nicht wirklich verwunderlich. Für den Beifahrer stellt sich die Kurvenhatz dann auch erstaunlich entspannt dar. Selbst wenn das Heck viel länger als gewohnt die Spur verlässt, weiß er unterdessen, dass das mit den größeren Lamellen im Kupplungsgetriebe zu tun hat. Sie sind ursächlich dafür verantwortlich, dass der Sportler länger in der Drift gehalten werden kann. Das ist alles andere als sportlich, macht aber echt Laune. Vor allem dann, wenn der Wet Mode nicht die Leistung wegregelt und das ESP das Querstellen verhindert.

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Geräuschtest im 911 auf dem "High-Power-Shaker".

(Foto: Holger Preiss)

Es könnte an dieser Stelle noch über die Erhöhung der Federrate philosophiert werden. Man könnte die neuen Dämpferventile und -Regler bestaunen, die gemeinsam mit Bilstein entwickelt wurden. Es könnte auf den erstmals zum Einsatz kommenden elektronischen Bremskraftverstärker hingewiesen werden oder auf das neutrale Fahrverhalten. Doch das alles heben wir uns für den Ende Januar folgenden Fahrbericht auf. Eben dann, wenn n-tv.de den 992 selbst über die Piste steuern darf. Zudem sind wir etwas vom Thema abgekommen. Ging es doch darum, dass Porsche den besten Sportwagen der Welt baut und dazu gehört für die Zuffenhausener zweifellos mehr als nur die schlichte Performance.

Full-HD bis Reiserasierer

Da wäre zum Beispiel das neue Kombiinstrument zu nennen, das sich mit zwei 7-Zoll-Displays um einen analogen Drehzahlmesser spannt. Auch das neue Multifunktionslenkrad mit neuen Reglern, neue Direkt-Zugriffstasten, eine neue Mittelkonsole mit verringerter Tastenzahl und eine sehr filigraner Gangwahlhebel, dessen Form an einen Reiserasierer erinnert, prägen den Innenraum. Das sieht alles sehr schick und modern aus, obgleich es doch laut Porsche eine Hommage an eine längst vergangene Zeit ist. Ob die Knöpfe in der Mittelkonsole, die sich doch sehr nach Plastik anfühlen, das auch aus diesem Grund machen, konnte noch nicht eruiert werden.

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Das Bedienkonzept im neuen 911.

(Foto: Porsche)

Was ganz sicher dazugehört, ist der neue Full-HD-Touchscreen mit Annäherunsgsensorik in der Mittelkonsole. Das Gerät ist bereits aus dem Panamera bekannt, hat einen konfigurierbaren Homescreen, verweist auf Wunsch auf Parkhäuser und deren Belegung, zeigt Tankstellen und die aktuellen Preise und Siri und Google lassen sich einzig und allein über die Bluetooth-Verbindung zum Smartphone nutzen. Die Routenführung wird nicht nur in Echtzeit von Tom-Tom unterstützt, der Risk-Radar warnt auch vor Gefahren und die Navigation kann auf dem Handy bis zum Türeingang beendet werden, wenn der Fahrer den Wagen verlassen hat. Was es aber auch im 992 nicht gibt, ist ein Head-up-Display. Der Grund ist ganz einfach: Die seitlich stark gebogene Form der Frontscheibe verhindert es. Als Alternative ein ausfahrbares Plastikscheibchen anzubieten, verbietet sich für die Zuffenhausener. "Das wäre einfach nicht Premium", heißt es.

Qualität wird groß geschrieben

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Sehen Sie den Fehler? In der Qualitätsprüfung wäre dieser 911 durchgefallen.

(Foto: Joerg Eberl)

Und weil so ein Porsche 911 inzwischen nicht mehr nur eine Sportmaschine ist, sondern mit mehr als 80 Steuergeräten auch ein rollender Computer, ist das Qualitätsmanagement ein wesentlicher Punkt der Produktion geworden. Neben den handverlesenen Materialien sind es die elektronischen Prüfungen aller technischer Funktionen vor der Endabnahme, die ebenso akribisch durchgeführt werden wie die Lacksichtung, das Überprüfen der Spaltmaße, das Erkennen von Einschlüssen in den Scheinwerfern oder auch nur das leiseste Knarzen, Ruscheln oder gar Klappern, das es zum Beispiel auf dem "High-Power-Shaker" zu erkennen gilt.

Fakt ist, dass der Aufwand, den Porsche für so einen 911 betreibt, enorm ist und dass die Summe aller Teile dann tatsächlich das Bild des "besten Sportwagens der Welt" ergibt. Doch am Ende entscheidet der Kunde, der bis zu 160.000 Euro für einen mit allen Gaben der Optionsliste ausgestatteten 992 ausgeben kann, ob er für ihn das Nonplusultra ist.

Quelle: n-tv.de

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