Praxistest

Endlich was mit Emotionen BMW F 900 R - ein scharfes Feuerross

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Die neue BMW F 900 R ist ein echtes Spaßmotorrad mit vielen Features zu einem echten Kampfpreis.

(Foto: Jörg Künstle)

War die BMW F 800 R eine biedere Alleskönnerin, ist ihre Nachfolgerin in Form der F 900 R nicht weniger bedarft, was ihre Fähigkeiten betrifft - im Gegenteil. Doch wichtiger ist, dass das neue Naked Bike der Bayern Emotionen weckt. Und das liegt nicht nur an 20 PS mehr.

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Die BMW F 900 R ist optisch auf Street Fight gebürstet, hält das Versprechen aber auch fahrtechnisch.

(Foto: Holger Preiss)

Die Corona-Regeln lockern sich. Und dennoch könnten so kleine Freuden wie die Fahrt mit dem Motorrad über Land in Zukunft eine ganz neue Dimension bei der Definition des Begriffs Freiheit bekommen. Wer die erleben möchte, braucht natürlich ein entsprechendes Gefährt. Und wer das noch nicht sein Eigen nennt oder mit dem Wechselgedanken spielt, findet vielleicht in der neuen BMW F 900 R eine neue Freundin.

Natürlich gehört zum Verlieben auch der persönliche Kontakt, aber der ist ja unterdessen wieder möglich, denn eigentlich dürfen ja auch die Motorradhäuser wieder ihre Türen für das interessierte Biker-Publikum öffnen.

Was zum Genießen

Nun aber zur F 900 R. Die Bayern sprechen bei diesem Naked Bike von einem "deutlich verschärften Nachfolger der F 800 R", von einem "Dynamic Roadster". Nun sind Worte ja bekanntermaßen Schall und Rauch, aber allein der Blick auf den scharfen Hobel unterstreicht das Anliegen. Weg von der Langeweile, hin zum Nonkonformismus. Na gut, ganz so schlimm ist es dann auch nicht, aber im Vergleich zur F 800 R ist die Nachfolgerin schon echt scharf. Allein die Grafik des LED-Scheinwerfers schreit jedem Autofahrer "Attacke" in den Rückspiegel und während man dann vorbeiprescht, darf der Überholte erst den sonoren Sound aus der neu gestalteten Schalldämpferanlage genießen, um dann noch einen kurzen Blick auf den Rücken des Reiters und das schlanke Heck seines Rosses zu werfen.

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Durch das schlanke Heck wirkt der 180er Hinterreifen an der BMW F 900 R extrem wuchtig.

(Foto: Holger Preiss)

Und tatsächlich muss der ambitionierte Fahrer mit der F 900 R nichts anbrennen lassen, aber er kann eben richtig brennen. Das liegt aber nicht nur an der im Vergleich zur F 800 R wesentlich dynamischeren Sitzhaltung, sondern auch an der aufgebohrten Motorleistung. Der neue Parallel-Twin schöpft jetzt aus 895 Kubikzentimetern Hubraum 105 PS und feuert bei Bedarf maximal 92 Newtonmeter bei 6200 Kurbelwellenumdrehungen auf die Kette. Wer die F 900 R ohne "Aktiv-Paket" ordert, hat zwei Fahrmodi zur Wahl: Rain und Road. Prinzipiell reicht das auch für den Alltagsbetrieb und die gepflegte Überlandfahrt.

Schneller mit "Dynamic Pro"

Denn während bei Rain wie üblich die Kraft sanft weggeregelt wird, geht das Road-Programm mit einer feinen und sehr linearen Kraftverteilung an den Start. Bis 8500 kann ausgedreht werden, dann sollte aber ganz schnell geschaltet werden, was über den Quickshifter für zusätzlich 360 Euro auch ganz famos ohne Kupplung in beide Richtungen erfolgen kann. Der bessere Schaltpunkt liegt aber zwischen 7500 und 8500 Umdrehungen. Hier zieht der Zweizylinder freudvoller an und schiebt die 211 Kilogramm schwere F 900 R ebenso nach vorn, ohne dass die Traktionskontrolle ein Blitzlichtgewitter auf dem wirklich bei jedem Licht ablesbaren 6,5-Zoll-Vollfarbdisplay abbrennt.

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Eine ganz eigene Lichtsignatur und auf Wunsch adaptives Kurvenlicht zeichnen die BMW F 900 aus.

(Foto: Holger Preiss)

Wem das jetzt aber nicht reicht, wer unbedingt in 3,7 Sekunden aus dem Stand auf Landstraßentempo beschleunigen und die Spitze bis auf hier erfahrene 223 km/h ausreizen will, der ordert für zusätzlich 640 Euro das schon erwähnte "Aktiv-Paket". Zwei weitere Fahrmodi werden hier zur Wahl gestellt: "Dynamik" und "Dynamik Pro". Aber Achtung, nicht nur, dass jetzt der Antritt knackiger ist, auch die Regelsysteme wie ABS greifen später ein, was nicht zwingend unangenehm ist, denn im Normalfall regelt es relativ früh. Was aber auch daran liegt, dass die Zangen, gerade an der Vorderhand, schon bei leichtem Zug mächtig zubeißen. Wer dann die letzte Karte in Form von "Dynamic Pro" zieht, sollte ein Könner oder auf der Rennstrecke sein. Denn hier ist das ABS sehr weit nach hinten verschoben, zudem sind das Hinterrad-ABS, die Hinterradabhebeerkennung und das Kurven-ABS deaktiviert.

Feine Features zum Kampfpreis

In Summe ist das dann wohl auch der Moment, wo das für die F 900 R propagierte pure Fahrvergnügen beginnt. Aber ganz ehrlich? Mit den Regelsystemen geht es auch, die geben einem zudem noch ein angenehmes Gefühl der Sicherheit. Und auch mit den anderen Features, die BMW der F 900 R mitgegeben hat, konnte sich der Autor anfreunden. Dazu gehörte beispielsweise das Dynamic-ESA. Nein, das ist nicht im Aktiv-Paket enthalten, sondern wird mit dem Dynamik-Paket für 650 Euro angeboten. Wer jetzt schon mal im Kopf gerechnet hat, der kommt auf 1290 Euro, die auf den Grundpreis von 8800 Euro aufgeschlagen werden müssen. Ist also gemessen daran, dass es eine elektronische Fahrwerkseinstellung in diesem Segment kaum gibt, aber eher als Schnäppchen anzusehen. Zumal im Dynamik-Paket auch noch das LED-Tagfahrlicht und ein adaptives Kurvenlicht enthalten sind. Und das gibt es tatsächlich in diesem Segment nirgendwo anders.

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Die Brembos an der BMW F 900 R sind eine Bank. Wer hier den Hebel zieht, der steht unterstützt von feinster Elektronik in Nullkommanichts.

(Foto: Holger Preiss)

Doch zurück zum "Electronic Suspension Adjustment", was bringt mir das? Nun, das Dynamic ESA sorgt dafür, dass die Dämpfung des hinteren Federbeins abhängig vom Fahrbahnzustand und dem Fahrmanöver in Millisekunden angepasst wird. "Dabei", so BMW, "arbeitet Dynamic ESA nicht als autarkes System, sondern kommuniziert mit den übrigen Regelsystemen wie ABS, Stabilitäts- und Traktionskontrolle". Und was merkt der Fahrer davon? Eigentlich nichts. Nur, dass er verdammt sauber seinen Strich ziehen kann, das Motorrad ohne viel Nachdruck auch in schwierigen Kurven folgt und dass das Bike sich ausgesprochen stabil anfühlt. Mit dem Dynamic ESA lässt sich auch die Federvorspannung ganz bequem per Knopfdruck am Lenker - immer vorausgesetzt, das Gefährt steht und der Motor läuft - für Solofahrten oder Soziusbetrieb einstellen.

Die Win-win-Situation

Apropos Sozius. Der freut sich auch bei der F 900 R über einen für ein Naked Bike ausgesprochen bequemen Sitzplatz. Tatsächlich fällt das auch dem Piloten auf, denn die Freundin rutscht ihm bei harten Bremsmanövern nicht so bösartig ins Kreuz, wie das bei anderen Modellen der Gattung der Fall ist und sie selbst kann, wenn den Fahrer der Hafer sticht, sich nicht nur die Bauchmuskeln anspannend auf dem Feuerross halten, sondern hat auch die Wahl, die Seitengriffe zu nutzen. Eine echte Win-win-Situation.

Für die längere Reise, die mit der F 900 R um einiges besser zu bewältigen ist als mit anderen Naked Bikes, bietet BMW auch sogenannte Softkoffer an. Die sehen ganz schick aus, fassen 20 Liter, haben aber den Nachteil, dass sie sich nicht verschließen lassen. Wer also das Motorrad abstellt, sollte es immer im Blick haben oder aber die Koffer vom Bike entfernen. Das geht problemlos mit dem Zündschlüssel, der seinen Namen eigentlich nicht mehr verdient. Denn die F 900 R kann auf Wunsch schlüssellos per Knopfdruck sowohl ent- und verriegelt als auch gestartet werden. Ja, das ist wieder so ein Ding, wo der Purist sagt: Brauch ich nicht. Aber mal ehrlich: Vor Jahren wollte keiner ein Automatikgetriebe beim Auto, heute will kaum noch jemand per Hand schalten. Und so ist es auch mit den vielen komfortablen Beigaben beim Motorrad, am Ende will sie kaum noch einer missen.

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Auf dem Vollfarbdisplay der BMW F 900 R findet man neben ausführlichen Fahrdaten auch alle Infos zum Bike.

(Foto: BMW)

Das gilt im Falle der BMW F 900 R auch für das schon erwähnte 6,5-Zoll-Vollfarb-Display und die damit verbundenen Beigaben. Dazu gehören Spielereien wie die veränderte Ansicht von Tour auf Sport ebenso wie die Möglichkeit, die Medienwiedergabe, also Telefon, Radio- oder Streamingprogramme zu starten und in den Helm übertragen zu lassen. Der Autor mag diese drei Dinge nicht, weil er findet, dass sie einen vom eigentlichen Fahren ablenken, aber andere Biker können dabei sehr wohl entspannen.

Das pfiffige Cockpit

Wirklich pfiffig ist aber die Möglichkeit, das Display im Zusammenspiel mit der Connected-App von BMW zum Navi zu machen. Die Route, die vorher auf dem Smartphone gesetzt wurde, kann dann auf dem Motorrad-TFT gespiegelt werden. Was leider nicht gelang, war, einen Rundkurs für einen Ausflug anzulegen. Das ist schade, denn gerade das ist es ja, was man mit dem Motorrad am liebsten macht. So musste an jedem Endpunkt eine neue Route angelegt werden.

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Die BMW-App zum Multimediasystem der F 900 R ist Navi, Reisebegleiter und Bibliothek.

(Foto: Holger Preiss)

Aber die App speichert jede Route, legt also so eine Bibliothek an, die man als Vorlage für neue Reiseabenteuer nutzen kann. Zudem informiert sie weit über das gewohnte Maß hinaus über die Fahrdaten. Da sind zum Beispiel die Höhenmeter ebenso verzeichnet wie Beschleunigung, Verzögerung, gefahrene Höchstgeschwindigkeit und für die Kurvenenthusiasten ganz wichtig: Schräglage. Über die App kann dann auch ganz entspannt der Spritverbrauch errechnet werden. Beim Tester lag der Verbrauch bei 4,8 Liter über 100 Kilometer. Das ist nur knapp am Datenblattwert mit 4,2 Litern vorbei und geht voll in Ordnung. Denn wer ab und an richtig am Hahn dreht, der verbraucht eben etwas mehr.

DATENBLATTBMW F 900 R
Abmessungen (Länge)2,14 m
Radstand1,52 m
Sitzhöhe815 mm
Gewicht fahrbereit211 kg
Zul. Gesamtgewicht430 kg
Federweg Vorn/hinten135 / 142 mm
Lenkkopfwinkel60,5°
Nachlauf114,3 mm
MotorWassergekühlter Zweizylinder- Viertakter-Reihenmotor mit 895 Kubikzentimeter Hubraum
Getriebe6-Gang manuell
Systemleistung77 kW / 105 PS bei 8500 U/min
KraftstoffartBenzin
Beschleunigung 0- 100 km/h3,7 s
Höchstgeschwindigkeit223 km/h (im Test)
Tankvolumen13 Liter
max. Drehmoment92 Nm / bei 6500 U/min
Normverbrauch (120 km/h)4,2 Liter
Testverbrauch4,8 Liter
AbgasreinigungEU-5
Grundpreis8800 Euro
Preis des Testmotorrads11.585 Euro

 

Fazit: Die BMW F 900 R ist mehr als eine würdige Nachfolgerin der F 800 R. Nicht nur, dass sie mit 8800 Euro zum Kampfpreis angeboten wird und selbst bei Vollausstattung und knapp 12.000 Euro immer noch ein echtes Schnäppchen ist. Sie kann auch vieles besser als die Vorgängerin und versteht es somit nicht nur optisch, den Fahrer in den Bann zu ziehen und zu emotionalisieren. Etwas, was dem Universal-Bike F 800 R eher fremd war.

Quelle: ntv.de