Praxistest

Der VW Multivan "Biker" Freizeitspaß nicht nur für Radler

VW_Multivan_Biker-3.jpgJa, so ungefähr müssen sie sich gefühlt haben, die jungen Leute, die als "Gammler" oder "Hippies" verunglimpft einfach nur mal raus wollten, ein bisschen Freiheit schnuppern und Gleichgesinnte treffen. Sie fuhren Bulli, jenen herrlich schlichten Kastenwagen mit Heckmotor, der sich mit etwas Geduld und Sperrholz zum fahrenden Mini-Appartement hochrüsten ließ, der als Hasch-Höhle oder Liebesnest diente und keine natürlichen Feinde hatte – außer den TÜV.

Heute, nicht mehr ganz so jung und deutlich weniger wild, ist die Fahrt im T5 Multivan dennoch stets von diesem Hauch an Romantik umweht, denn mit ihm auf Reisen zu gehen, bedeutet Verzicht. Verzicht auf servile Kofferträger und Liftpagen, auf Minibar und Bidet, auf fakultative Tagesausflüge und an Logorhöe leidende Stadtbilderklärer. Der geläuterte Pauschaltourist entdeckt die Selbstbestimmung und als Zugeständnis an die Moderne hilft ihm dabei ein Navigationsgerät.

Keine Angst vor Parkhäusern

Und der Verzicht sorgt für reichen Gewinn. Da der Multivan keine fünf Meter lang und kaum zwei Meter breit ist, dringt er auch dahin vor, wo die Fahrer ausgewachsener Wohnmobile passen müssen. Das sind die schmalen Ortsdurchfahrten toskanischer Bergdörfer, die Parkhäuser turbulenter Metropolen, die (meist mit Höhensperren versehenen) Parkplätze atemberaubender Küstenstraßen – und die Waschanlagen.

Oberdeck.jpgVolkswagen hat das bereits in zahlreichen Sondermodellen verfügbare Campingmobil California durch eine weitere Variante ergänzt. Der "Biker" ist serienmäßig mit einem auf der Heckklappe montierten Fahrradträger versehen, der so viele Zweiräder aufnehmen kann, wie Schlafplätze im Innern vorhanden sind. Die Beladung ist einfach, der Befestigungsmechanismus simpel, lediglich sollte der Nutzer auf einen Umstand achten: Die Lenker der Fahrräder ragen gut einen halben Meter über das Dach des Multivans hinaus, so dass man unterwegs die Angaben der maximalen Durchfahrtshöhen besser nicht außer Acht lässt.

Trotz der Reduktion auf das Wesentliche verblüfft der T5-Camper den Neu-Nutzer mit einem raffinierten Raumkonzept, in dem alles sein Platz hat und nichts zu fehlen scheint. Hinter den beiden Frontsitzen öffnet sich der kombinierte Wohn-, Schlaf- und Küchenbereich, dessen traditioneller Grundriss sich über die Jahre bewährt hat und für Alltagstauglichkeit und Reisekomfort gleichermaßen sorgt. Das Konzept basiert auf einer linksseitig verbauten Möbelzeile mit Küchenblock und Kleiderschrank sowie einer beweglichen Doppelsitzbank mit Liegefunktion.

Bequemlichkeit dank Lattenrost

Umgeklappt bildet die Zweiersitzbank mit der Kofferraumabdeckung eine Liegefläche für zwei Personen, die vom allem dann genutzt wird, wenn zum Beispiel frische Nordseewinde den vorübergehenden Einsatz der serienmäßigen Standheizung nahe legen. Ist es kuschelig warm, bleibt die Wohnküche wie sie ist und die Schlafstatt eine Etage höher wird bezogen. Das elektrisch bewegliche Klappdach erfüllt zwei Funktionen: Erstens kann man darunter auf einem 2 x1,20 Metern großen, stabilen Lattenrost erstaunlich bequem schlafen, zweitens sorgt es tagsüber für zusätzliche Bewegungsfreiheit im Innenraum, da die Stehhöhe vor der Kochzeile bis auf mehr als 1,90 Meter wächst.

Biker-1.jpgLediglich das Erklimmen des "Himmelbetts" erfordert einige Gelenkigkeit, die serienmäßige Leseleuchte unterm Dach sorgt dafür, dass auf gewohnte Bettlektüre nicht verzichtet werden muss. Zum serienmäßigen Lieferumfang gehören auch Verdunklungseinsätze für Front und vordere Seitenscheibe, so dass ein Mindestmaß an Privatsphäre stets zu gewährleisten ist. Die Belegung dieser mobilen Ferienwohnung mit vier Personen ist zwar möglich, sollte jedoch nur als Notfall-Lösung angesehen werden.

Für die Bereitung des Frühstücks am nächsten Morgen ist alles in Reichweite. An der 220-Volt-Steckdose wird der Wasserkocher betrieben, in der 42 Liter großen Kühlbox finden sich die gewohnten Leckereien. Auf dem zweiflammigen Gaskocher bruzzelt das Rührei, der integrierte Klapptisch ist stabil genug für die Aufnahme diversen Geschirrs.

Einstieg ab 102 PS möglich

Die Mahlzeit im Wageninnern ist natürlich nur die Schmuddelwetter-Variante: Schöner ist es, den in der Schiebetür verborgenen Gartentisch und die in der Heckklappe aufbewahrten Stühle zu nutzen und unter der ebenfalls serienmäßigen Markise die Naturerlebnis einzuatmen. Zwar ist die Markise stabil genug, um steifen Winden zu widerstehen, das macht sie aber auch so schwer, dass sie gut ein paar Stützstangen vertragen könnte. Strom, Gas, Wasser, Stauraum und Schlummerkissen – für die fundamentalen Bedürfnisse der Insassen ist also vorbildich gesorgt. Der Frischwasservorrat ist allerdings auf 30 Liter beschränkt, was im Vergleich zu "richtigen" Wohnmobilen bescheiden ist.

Biker-2.jpgDas reizvolle am handlichen Multivan ist natürlich nicht zuletzt die Chance zum spontanen Ortswechsel. Mit dem Fünfzylinder-Dieselmotor, der aus 2,5 Litern Hubraum 174 PS holt, war der mit Allradantrieb versehene Testwagen üppig motorisiert. Für den Hausgebrauch dürfte auch die verbrauchsgünstigere 130-PS-Version ausreichend sein. Zwar lag der Testwagen mit einem Kraftstoffkonsum von 10,6 Litern je 100 Kilometer einen halben Liter über dem Normverbrauch, jedoch darf man dabei nicht vergessen, dass das Auto auch ohne Reisegepäck und Fahrräder rund 2,4 Tonnen auf die Waage bringt.

Mit mindestens 50.950 Euro (für das Modell mit 1,9-Liter-Dieselmotor, 102 PS und Frontantrieb) ist der Biker sicher kein billiges Vergnügen. Wer statt Pkw-Preise zum Vergleich heran zu ziehen einen Blick auf die Kosten von Wohnmobilen wagt, wird jedoch auch die knapp 60.000 Euro für das 4-Motion-Testfahrzeug nicht mehr wirklich teuer finden. Für den sportlichen Gesamtauftritt des Sondermodells sorgen Leichtmetallräder in 16 Zoll sowie abgedunkelte Rückleuchten und eine Metallic- oder Perleffekt-Lackierung. Eine Privacy-Verglasung schützt die Insassen im Fahrgastraum vor neugierigen Blicken von Außen. Im Innen gibt es einen Einlegerteppich, ein Lederlenkrad sowie das Radio "delta".

Fazit: Der Multivan California ist das richtige Reisemobil für Leute, die der Warteschlangen bei Einchecken überdrüssig sind oder einfach mal ihren nostalgischen Gefühlen aus der guten alten Bulli-Zeit nachgeben wollen. Transport und Urlaubsfreude werden eins, das Huckepackbett vorübergehend zur entspannten Lebensart. Selbst wer kein passionierter Radler ist kann die Vorzüge des Sondermodells Biker schätzen lernen: Das Alugestänge des Fahrradhalters gibt auch einen hervorragenden Handtuch- und Wäschetrockner ab.

Quelle: ntv.de