Praxistest

Brachial, sportlich, elegant Shooting Brake - schöner geht Kombi nicht

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Die lange Motorhaube, die extrem steil abfallende Dachlinie und die Höhe von 1,42 Meter machen den Mercedes CLS Shooting Brake so dynamisch.

(Foto: Holger Preiss)

Als die Briten den Shooting Brake erfanden, war es ein Fahrzeug für die Jagd. Erlegtes Wild sollte sich einfach transportieren lassen. Heute ist der Mercedes CLS eine ganz eigene Art, einen Kombi zu fahren. Aber hat er das Zeug im Alltag zu bestehen?

Der Shooting Brake ist wohl mit Abstand die eleganteste und sportlichste Art einen Kombi zu bauen. Zugegeben, Mercedes hat diesen Fahrzeugtyp nicht erfunden, die Engländer waren es, aber man darf den Stuttgartern attestieren, dass sie ihn mit dem Federstrich von Chef-Designer Gorden Wagener beim CLS extrem elegant ausgefeilt haben. Da streckt sich eine ewig lange Motorhaube, stürzt steil am Diamant-Kühlergrill nach vorne ab, um von weit geschwungenen Lufteinlässen und einer verchromten Frontspoilerlippe wieder eingefangen zu werden.

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Der Diamant-Kühlergrill ist eine Beigabe des AMG-Pakets.

(Foto: Holger Preiss)

In der Seitenansicht fließt die Dachlinie scheinbar wie ein Tropfen zum Heck, wobei es eigentlich die ebenfalls in Chrom gefasste Fensterkante ist, die dem CLS diesen kühnen Schwung verleiht. Steht man neben dem an seiner höchsten Stelle 1,42 Meter messenden Stuttgarter, hat man das Gefühl, dass er sich auf die Straße drückt. Designer bemühen ja gern das Bild der sich zum Sprung duckenden Raubkatze, aber im Fall des CLS ist da etwas dran. Denn ob seiner Länge von satten 4,95 Meter wirkt es wirklich so, als wolle dieses flache Ungetüm jeden Augenblick losstürmen.

Wenn es richtig pumpt

Und das tut der CLS tatsächlich, vorausgesetzt das richtige Triebwerk arbeitet unter der Haube. Im Fall des Testwagens ist es ein Diesel, 3,0-Liter-V6 mit angenehm wuchtigen 258 PS, der verhalten kehlig seine Potenz zum Ausdruck bringt, ohne sich dabei übel in den Vordergrund zu spielen. Wer es denn doch wissen will, kann es versehentlich tun, indem er den Pin ins Blech würgt - nicht ahnend, dass hier gewaltige 620 Newtonmeter auf die Hinterachse krachen – und dabei erleben, wie sich das Heck auf feuchter Fahrbahn seitlich am Piloten vorbeizuschieben droht, oder aber den Sportmodus zuschaltend spüren, wie knapp zwei Tonnen in 6,6 Sekunden an der Tempo-100-Marke vorbeirauschen und sanft über die 9-Gang-Automatik bis auf 245 km/h beschleunigt werden.

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Bei umgelegter Rückbank wird die Ladefläche im CLS Shooting Brake nicht ganz plan.

(Foto: Holger Preiss)

Dabei ist es auch völlig egal, ob die 590 Liter Kofferraumvolumen ausgelastet sind und sich vier Fahrgäste auf den Lederpolstern wohlig strecken. Angesichts des Kraftwerkes gibt es hier kein Vertun. Der Shooting Brake 350 Bluetec schiebt sich souverän nach vorn. Die angenehmste Reisegeschwindigkeit liegt zwischen 180 und 200 km/h, aber selbst bei Tempo 220 liegt die Stuttgarter Flunder satt auf dem Asphalt und überrollt dank der Luftfederung für zusätzlich 1345 Euro klaglos Querfugen und sich tief im Bitumen absenkende Gullideckel. Das passiert sicher nicht so wie in einem S-Klasse Coupé, aber das soll es auch gar nicht, ist doch der Shooting Brake die sportliche und ladetaugliche Alternative unterhalb des Luxusgleiters.

Sport-Plus-Taste fehlt nicht

Ja, man mag bemängeln, dass hier nicht wie inzwischen in anderen Mercedes-Modellen neben dem Sport- und Eco-Modus weitere Fahrstufen wie Sport Plus zu finden sind, aber erstaunlicherweise vermisst man sie in diesem Wagen nicht. Vielleicht, weil nach Straffung des Fahrwerks und der Tastung auf Sport, die Zielrichtung klar ist: dynamischer Ausritt mit 100-prozentiger Spaßgarantie. Dazu gehört auch die präzis, aber nicht zu spitz arbeitende Lenkung, die wohldosierten Eingriffe der Helferlein um ESP und ABS, sowie ein für diese Fahrzeuglänge erstaunlich agiles Kurvenverhalten.

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Fast überladen wirkt die Armatur und ist doch nach wenigen Minuten zu durchschauen.

(Foto: Holger Preiss)

Aber da der Fahrer nicht ewig auf Krawall gebürstet ist - sei es, weil die Insassen das nicht goutieren oder es die Straßenlage schlichtweg nicht zulässt - kann man mit einem CLS auch anders. Im Comfort-Modus ist, eingeschalt in feines Nappa, sanftes Gleiten angesagt und wer für 2678 Euro zusätzlich das Fahrassistenz-Plus-Paket gebucht hat, kann sich eine Vorstellung vom teilautonomen Fahren machen: Das Tempo wird vom Fahrer bestimmt und durch die Sensorik am Vordermann ausgerichtet. Der Spurhalteassistent sorgt dafür, dass der Wagen in der Bahn bleibt, auch ohne dass das Volant geführt wird. Und wenn es brenzlig wird, dann bremst die Elektronik bis zum Stand ab und fährt wieder an. Entspannter geht es mutmaßlich nur noch, wenn der Wagen eines Tages tatsächlich autonom fährt.

Erst Leistung bringt den Mehrverbrauch

Wer so unterwegs ist, wird mit dem Verbrauch zufrieden sein. Knapp unter sieben Liter Diesel genehmigt sich dann der V6. Wer eher die andere Variante präferiert, der sollte mit mindestens 8,5 Litern auf 100 Kilometer rechnen. Ein Wert, der immer noch in Ordnung geht, denn insgesamt lässt der 59 Liter fassende Tank eine Reichweite zwischen 700 und 1000 Kilometern zu. Zumal erschwerend hinzukommt, dass dieser Test im Winter gemacht wurde, wo Klimaautomatik, Sitzheizung oder auf langer Fahrt die Massagefunktion der ausgezeichnet abgestimmten Polster eher häufig bemüht wurden, während das Bang & Olufsen Soundsystem für zusätzliche 4939 Euro entsprechende Klangsalven dazu abfeuerte.

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Trapezförmige Endrohre, 255er Reifen auf 19 Zöllern und das AMG Paket: Optisch geht es kaum sportlicher.

(Foto: Holger Preiss)

Wer also bei einem CLS 350 Bluetec Shooting Brake sparen will, sollte bei den Zutaten für den Wagen anfangen. So zum Beispiel tut es keine Not, für zusätzliche 4403 Euro den Mattlack kaschmirweiß magno zu wählen. Das mag, solange die Sonne scheint und die Straßen trocken sind, schick aussehen, aber sobald Regen oder sogar Schnee die Straßen verschmutzen, sieht es einfach nur noch katastrophal aus. Hinzu kommt, dass dieses helle Matt selbst in der Waschanlage nicht wirklich sauber wird. Auch der Innenhimmel aus schwarzen Mikrofasern muss für 1904 Euro nicht sein. Es wirkt einfach einen Tick zu plüschig für so einen bärig starken Asphaltbeißer. Unter dieser Maßgabe kann man jetzt über das AMG-Paket für 3546 Euro streiten. Letztlich geht es hier aber lediglich um einen optischen Feinschliff. Fahrtechnisch wird erst für zusätzliche 5688 Euro mit einem Direct Control-Fahrwerk eingegriffen.

Wie dem auch sei, wer einen CLS Shooting Brake 350 konfiguriert, sollte bei einem Einstiegspreis von stattlichen 63.784 Euro abwägen, wie viel an Sonderposten wirklich nötig ist. Andernfalls ist der Preis, wie beim Testwagen, schnell bei knapp 97.000 Euro angekommen.

Fazit: Wer keinen 08/15-Kombi fahren möchte, Luxus gepaart mit Sportlichkeit liebt und auch gerne mal aus der Alltagsblechlawine hervorsticht, ist mit einem CLS Shooting Brake gut beraten. Über Platzprobleme muss man ohnehin nicht klagen, nur Einkäufe in großen schwedischen Möbelhäusern sollte man behutsam angehen. Denn trotz 1550 Litern Fassungsvermögens bei umgelegter Rückbank verhindert die sehr steil abfallende Dachlinie den Transport von Schrankwänden. Trotzdem gilt: Im Shooting Brake paaren sich Alltagstauglichkeit, Eleganz und Sportlichkeit. In der Summe hat das dann aber auch seinen Preis. Allerdings gehört der CLS 350 auch zu den wertstabilsten Autos. Nach Berechnungen des Marktforschungsunternehmens Bähr & Fess Forecasts hat der Wagen nach vier Jahren noch 56,5 Prozent seines Neuwertes. Damit schlägt er in der Restwertstatistik den Audi A7 3.0 TDI um 5 Prozent und den Jaguar XF Sportbrake 3.0 V6 sogar um 9 Prozent.

DATENBLATTCLS 350 Bluetec Shooting Brake
Abmessungen (Länge/Breite/Höhe)4,95 / 2,07/ 1,42 m
Radstand2,87 m
Leergewicht (DIN)1935 kg
Sitzplätze5
Ladevolumen590 / 1550 Liter
Wendekreis (Meter)11,18 m
zulässige Anhängelast ungebremst/gebremst (Kilogramm)750 / 2100 kg
MotorSechszylinder mit 2987 ccm Hubraum
Getriebe9-Gang Automatik
Leistung190 kW/258 PS
KraftstoffartDiesel
AntriebHeckantrieb
Höchstgeschwindigkeit245 km/h
Tankvolumen59 Liter
max. Drehmoment620 Nm bei 1600 - 2400 U/min
Beschleunigung 0-100 km/h6,6 Sekunden
Normverbrauch (außerorts/innerorts/kombiniert)5,1 / 6,6 / 5,7 l
Testverbrauch8,2 l
EffizienzklasseA / EU6
Grundpreis63.784,00 Euro
Preis des Testwagens96.942,00 Euro

Quelle: n-tv.de