Praxistest

Trutzburg gegen Wolfsburg Seat Alhambra besser als VW Sharan?

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Der Seat Alhambra ist deutlich schnittiger als sein Bruder aus Wolfsburg.

(Foto: Holger Preiss)

Optisch und technisch sind der VW Sharan und der Seat Alhambra sehr eng verwandt. Und wer auf der Suche nach einem praktischen Familientransporter ist, der wird am Ende vielleicht zwischen den beiden Vans stehen. Doch es gibt einen Unterschied, der letztlich kaufentscheidend sein könnte.

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Am Heck des Alhambra prangt der Name.

(Foto: Holger Preiss)

Die Alhambra ist die rote Stadtburg auf dem Sabikah-Hügel von Grenada in Spanien und eine der meistbesuchten Touristenattraktionen in Europa. Für den spanischen Autobauer Seat ist der Alhambra in seiner jetzigen Form seit 2010 eine Allzweckwaffe für Familien und Geschäftsreisende, aber auch für sportlich orientierte Fahrer, die auf der Suche nach einem Fahrzeug mit einem Maximum an Platz und Flexibilität sind. Und all das hat der Iberer, denn seine deutschen Gene stammen vom allseits beliebten VW Sharan. Und eigentlich unterscheiden sich die beiden Brüder nur äußerlich. Während der Wolfsburger auf gefällige Linien setzt, die Lieschen Müller ebenso ansprechen wie Opa Heinz, hat der Alhambra den sportlicheren Touch.

Die Frontpartie wirkt dank der eckigen Scheinwerfer, für 1075 Euro gibt es Bi-Xenon-Licht und eine dynamische Leuchtweitenregulierung, deutlich flotter. Der tiefe Schwung um die Nebelscheinwerfer und die weit gezogenen Lufteinlässe am Stoßfänger sorgen weiterhin für ein gerütteltes Maß an Sportlichkeit, die durch den großen und schräg ausfließenden Kühlergrill noch verstärkt wird. Am Heck wird die Unterscheidung schon wieder schwieriger. Die Heckleuchten wirken beim Spanier etwas größer und der lange Schriftzug unterhalb des Seat-Logos trennt den Alhambra optisch dann doch deutlich vom Sharan, der seinen Namen in der linken Ecke trägt. Der Clou ist aber das Innenleben. Hier ist wirklich der einzige  Gegensatz das Logo auf dem Lenkrad.

Höhepunkt der Kannibalisierung

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Die Front des Alhambra ist sportlich schick.

(Foto: Holger Preiss)

Wenn also immer von der Kannibalisierung der Wolfsburger die Rede ist, dann hat sie mit dem Alhambra ihren "Höhepunkt" erreicht. Wann auch immer man den  Spanier besteigt, ob auf der Fahrt ins Büro oder um die Kinder in Schule und Kindergarten zu bringen oder sei es, um mit den Kumpels zum nächsten Wettkampf zu fahren, nie wird Klage erhoben, es sei zu eng oder das Gestühl wäre unbequem. Geht auch gar nicht. Denn bei den Rücksitzen handelt es sich um drei Einzelsitze, die in Längsrichtung ebenso verstellt werden können wie der Neigungswinkel der Rückenlehne. Das macht sich besonders dann gut, wenn der integrierte Kindersitz für 230 Euro zugebucht wurde und die kleinen Mitfahrer sich sanft geschaukelt ins Reich der Träume verabschieden und der Kopf nach vorn zu kippen droht.

Besonders sanft geschaukelt wird die Fuhre übrigens dann, wenn man sich beim Kauf des Alhambras für 590 Euro die Niveauregulierung in das Fahrzeug bauen lässt. Vollautomatisch passt sich die Federung hinten jetzt den Straßenverhältnissen an. Nur auf Querfugen kann sie nicht ganz so schnell reagieren, und so kommt es vor, dass diese dann auch postwendend an das Popometer der Insassen weitergereicht werden. Aber auch das ist zu verschmerzen, noch dazu, wenn sich die Passagiere  auf den gut gepolsterten Nappasitzen für 2255 Euro rekeln dürfen. Insgesamt ist das Fahrwerk so gut abgestimmt, dass es für einen Van erstaunliche Kurvengeschwindigkeiten zulässt. Wer also an der Autobahnausfahrt geschlafen hat und etwas schneller in die Kehre rauscht, muss keine Angst haben, dass er plötzlich in der Leitplanke landet. Solche Manöver nimmt der Spanier erstaunlich gelassen, und da haben die elektronischen Helfer wie ESP, ABS und ESC noch nicht mal angefangen, ihre Arbeit zu verrichten.

Klapptisch, Sonnenrollo und elektrische Türen

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Integrierter Kindersitz, Klapptisch und Flaschenhalter sorgen für Ruhe in der zweiten Reihe.

Sollte die Bande in der hinteren Reihe nicht schlafen wollen, dann sorgt der integrierte Kindersitz übrigens auch dafür, dass die Zwerge so hoch sitzen, dass sie ohne Probleme die untere Fensterkante überragen und so Jammertiraden, von wegen man können nichts sehen, ausbleiben. Außerdem gibt es an den Rückenlehnen der Vordersitze Klapptische, die auch zum Malen und Spielen einladen. Integrierte Sonnenrollos in den hinteren Türen verhindern, dass die Kinder dabei geblendet werden. Dass es nicht zu warm wird, verhindert die Klimaanlage, wobei hier die Investition einer Klimaautomatik kein schlecht angelegtes Geld ist. Vermisst man sonst häufig die Abstellmöglichkeiten für Becher und Flaschen hat man im großen Spanier auch daran gedacht. In den elektrisch öffnenden hinteren Schiebetüren ein lohnendes Extra, das mit 1015 Euro nicht überbezahlt ist,  hier sind extra Halter eingelassen, die ohne Probleme 1,5 Liter-Flaschen aufnehmen. Wer die rückwärtigen Dienste in absoluter Sicherheit wiegen will, der ordert für 300 Euro zusätzlich zwei Seitenairbags.

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Die Armatur gleicht der im VW Sharan und gibt keine Rätsel auf.

(Foto: Holger Preiss)

Während also in der zweiten Reihe Ruhe und Frieden herrschen, können sich auch Pilot und Copilot nicht beschweren. Das Platzangebot ist ebenfalls reichlich bemessen, die höhere Sitzposition, die einem Van eigen ist, verbreitet Wohlbefinden mit Blick auf die anderen Verkehrsteilnehmer, und das sauber verarbeitete Cockpit mit weich geschäumtem Plastik sorgt für eine angenehme Haptik und Optik, ohne bei irgendeiner Gelegenheit knarzend Unmut zu verbreiten. Die gesamte Armatur gleicht der im Sharan, so dass also auch die Knöpfe und Regler an nämlicher Stelle sind und weder über die Bedienung noch über die Erreichbarkeit groß referiert werden muss. Kurz, die ist ausgezeichnet. Wer will, kann das Fahrvergnügen mit dem Technologie-III-Paket für 2190 Euro aufwerten. Darin enthalten sind Rückfahrkamera, Radioempfang über DAB+ und ein 6,5-Zoll-Farbdisplay mit Touchscreen. Außerdem gibt es eine integrierte 30-GB-Festplatte, auf der sowohl Daten für die Navigation, als auch Musikdateien gespeichert werden können.

Sauber in die Lücke gekurbelt

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Elektrisch öffnende und schließende Schiebetüren sind eine lohnenswerte Investition.

(Foto: Holger Preiss)

Für 790 Euro kann auch noch ein Parkassistent inklusive Ultraschall-Einparkhilfe vorne und hinten geordert werden. Zu teuer, wird der Einparkprofi rufen. Mag sein, doch der Mehrwert ist nicht zu unterschätzen. Die Sensorik sorgt tatsächlich dafür, dass auch kleinste Parklücken selbständig mit und durch den Alhambra befüllt werden und die Gefahr, dass Stoßfänger oder gar Kotflügel beim Einparken leiden, ist mehr als unwahrscheinlich. Außerdem macht es unheimlich Spaß, sich mit verschränkten Armen hinzusetzen und zu beobachten, wie  sich der 4,85 Meter lange und 1,90 Meter breite Van sauber in die Lücke kurbelt. Aber gut, das mag Ansichtssache sein. Vielleicht steht ja eher das Gepäckraumpaket auf der Liste, das für 245 Euro dafür sorgt, dass alles, was in dem 809 Liter fassenden Schlund verschwindet, absolut sicher transportiert wird. Einziger Nachteil ist die Ladekante. Schwere Sachen, die  aus den Tiefen des Laderaums gezogen werden, müssen hier auch noch drüber gehievt werden. Wer übrigens die zweite Sitzreihe umlegt, der kann auf einen Stauraum von 2430 Litern zugreifen, der sich dank der seitlichen Schiebetüren dann auch wunderbar bestücken lässt.

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809 Liter lassen sich hinter der Rückbank verstauen.

(Foto: Holger Preiss)

Und selbst, wenn die Hütte bis unters Dach voll ist, treibt der ebenfalls aus dem VW-Baukasten stammende  2-Liter-Diesel sie flott voran. Aus 1968 ccm Hubraum schöpft er 177 PS. Die reichen, um den Alhambra in 9,3 Sekunden auf Tempo 100 zu beschleunigen und, dass sich der Universal-Spanier bis auf 208 km/h hochschraubt. Allerdings sei angemerkt, dass der sonst unaufdringlich arbeitende  Turbodiesel bei Geschwindigkeiten ab 180 km/h eine andere  Geräuschkulisse entwickelt. Im Verbrauch gibt sich das Aggregat mäßig genügsam. Flotte Autobahnfahrten werden mit über 8 Litern gesühnt. In der Stadt kann man im fließenden Verkehr mit 6,8 Litern auskommen und im Schnitt lag der Verbrauch bei 7,8 Litern Diesel. Zwei Liter mehr, als der Hersteller angibt. Das hört sich viel an, ist aber im wirklichen Leben ein annehmbarer Wert für ein Fahrzeug, das 1,8 Tonnen auf die Waage bringt.

Fazit: Der Alhambra in der Ausstattungslinie Style ist für 35.090 Euro mit Tempomat, Dachreling, Regensensor, Nebelscheinwerfer und Abbiegelicht, automatisch abblendendem Innenspiegel und elektrisch anklappbaren Außenspiegeln schon gut ausgestattet. Ein vergleichbar bestückter VW Sharan kostet bereits 38.775 Euro. Werden sämtliche Extras wie im Testwagen dazu gebucht, erhöht sich die Preisdifferenz der beiden Modelle auf knapp 4000 Euro. Insofern ist der Alhambra die Alternative für alle, die mit einem VW Sharan liebäugeln, sich aber ob des Preises unsicher sind. Denn der dürfte dann auch den mutmaßlichen Zeitwert deckeln, den man dem VW bis dato noch zurechnen muss.

DATENBLATTSeat Alhambra Style 2.0 TDI
Abmessungen (Länge/Breite/Höhe)4,85/ 1,90/ 1,72 m
Radstand2,92 m
Leergewicht (DIN)1794 kg
Sitzplätze5
Kofferraumvolumen809 / 2430 Liter
MotorVierzylinder-Turbodiesel, mit 1968 ccm³ Hubraum
Getriebe6-Gang Handschaltung
Leistung177 PS (130 kW)
KraftstoffartDiesel
AntriebFrontantrieb
Höchstgeschwindigkeit208 km/h
max. Drehmoment380 Nm bei 1750 - 2500 U/min
Tankinhalt55 l
 Beschleunigung 0-100 km/h9,3 s
Normverbrauch (außerorts/innerorts/kombiniert)5,0  l / 7,3 l / 5,8 l
Testverbrauch7,8 l
CO2-Emissionen
(Normverbrauch)
152 g/km
Grundpreis35.090  Euro
Preis des Testwagens45.875 Euro

 

Quelle: ntv.de