Praxistest

Unterwegs mit Erik dem Wikinger Volvos übermütiger V60

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Der Volvo V60 ist ein schicker Zeitgenosse, der ab sofort auch mit hauseigenen Triebwerken befeuert wird, die es in sich haben.

Holger Preiss

Mit eigenen Vierzylinder-Triebwerken verabschiedet sich Volvo von seinen Fünfzylindern und den einst von Ford zur Verfügung gestellten Motoren. Eines der Vorzeigeaggregate ist der 181 PS starke Diesel, der den V60 zu einem echten Wikinger macht.

Erik der Wikinger war wohl ein übler Gewalttäter. Er soll streitsüchtig und jähzornig gewesen sein. Was das mit einem Volvo V60 D4 zu tun hat? Nun, auch der schnittige Schwede hat ein wenig die Attitüde von Erik Thorvaldsson, der natürlich aus Island stammte und nicht nur ein rabiater Krieger war, sondern auch ein wagemutiger und erfolgreicher Seefahrer. So wie der Test-Volvo, der auch noch in der Sonderausstattung Ocean Race daherkommt. Also an jene Regatta erinnert, die der schwedische Autobauer seit 1973 ausrichtet und die mit einer Gesamtstrecke von 45.000 Kilometern als eine der härtesten Herausforderungen im Segelsport gilt.

Ein barscher Geselle

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Die fetten Auslässe lassen vermuten, dass der D4 kein Kind von Traurigkeit ist.

(Foto: Holger Preiss)

Um den Wikinger der Straße für seine ganz eigenen Herausforderungen zu wappnen, hat Volvo die Antriebsaggregate selbst entwickelt und die fremden Herzen von Ford in den Ruhestand geschickt und auch die eigenen Fünfzylinder verbannt. Statt der alten Triebwerke arbeitet jetzt die Vierzylinder Drive-E Motorengeneration unter den Volvo-Hauben. So sitzt auch unter der des V60 D4 ein Reihenvierzylinder mit einem Hubraum von 1969 Kubikzentimetern, vorn quer eingebaut. Wobei der Diesel 181 PS leistet und 400 Newtonmeter auf die Vorderachse kracht. Und krachen ist nicht zu viel gesagt, denn schon bei leichtem Druck auf das Gaspedal, reißt und ruckt es an den Vorderrädern.

Um den jähzornigen Erik hier einzufangen, muss man schon beide Hände ans Lenkrad nehmen, sonst dreht der Haudegen völlig frei. Hat man ihn aber gepackt, beschleunigt er unter angenehmem Knurren in nur 7,6 Sekunden auf Tempo 100. Das macht Spaß, zumal die Achtgang Geartronic, die allerdings mit üppigen 2250 Euro zusätzlich zu Buche schlägt, sich unmerklich nach oben schraubt. Locker stürmt der Nordmann an die Spitze von 225 km/h. Schade, dass der schwedische Premiumhersteller seinem Kraftpaket nicht auch noch einen Fahrmodi-Schalter spendiert hat. Zwar hat die Automatik eine Eco+-Funktion, aber so ein Knöpfchen für Normal, Sport und vielleicht sogar Sport+ würde das Gesamtbild angenehm abrunden.

Sparen mit Hindernissen

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Etwas ruppig gibt der neue Vierzylinder seine 400 Newtonmeter Drehmoment an die Vorderräder ab.

(Foto: Holger Preiss)

Um den sympathischen Rüpel sparsam zu machen, hat Volvo ihm aber eine Start-Stopp-Automatik eingepflanzt. Doch auch hier lassen die Manieren etwas zu wünschen übrig. Schon beim Ausrollen an die Kreuzung und einem leichten Tritt auf die Bremse geht der Motor aus. Der Fahrer hat in diesem Moment immer das Gefühl, er habe den Wagen abgewürgt. Vor allem im städtischen Stop and Go ist der Pilot hier schnell versucht, die spritsparende Automatik zu deaktivieren. Dem Verbrauch tut das nicht gut. Ist der D4 laut Datenblatt im städtischen Lauf mit 5,1 Litern angegeben, bringt er es so schnell auf die Marke von 7,2 Litern. Ganz anders zeigt sich unser Erik auf weiter Fahrt. Mit dem Touringfahrwerk für 250 Euro zusätzlich ausgerüstet, bügelt der Schwede Unebenheiten angenehm leichtfüßig weg und glänzt gerade auf langen Autobahnstrecken mit absoluter Laufruhe und einem Durchschnittsverbrauch von knapp 6,0 Litern. Wer den Wikinger aber mal wütend ums Eck scheuchen will, der sollte eher auf das optional angebotene Sportfahrwerk zurückgreifen. Das senkt die Karosserie um 15 Millimeter ab und sollte für besseren Fahrbahnkontakt in schnell gefahrenen Kurven sorgen. Auf solche Fahrten ist das Touren-Fahrwerk nicht ausgelegt.

Angenehm präzise arbeitet die mit den Drive-E-Antrieben angebotene elektromechanische Servolenkung. Wobei das Volant sehr weit in den Innenraum hineinragt, auch wenn es ganz nach hinten verschoben ist. Das ist aber ein Umstand, der nur sehr kleine Volvo-Fahrer unangenehm berühren dürfte. Aber selbst die sollten diesen Umstand schnell verarbeitet haben, denn die Sitze im Schweden bilden nach wie vor eine Ausnahme, selbst im Premiumsegment. Vor allem dann, wenn es sich um das Sportgestühl handelt. Kaum ein anderer Hersteller kann Bequemlichkeit und Dynamik so fantastisch in die Sitzpolster integrieren wie Volvo. Nicht zu straff und dadurch extrem angenehm zu den rückwärtigen Diensten, schalen die Seitenwangen Fahrer und Beifahrer angenehm ein, so dass es auch in Kurven kein Verrutschen gibt. Das Gleiche gilt übrigens auch für die zweite Reihe. Auch hier ist die Bank angenehm ausgeformt und lässt beim Sitzen keine Wünsche offen. Lediglich hochgewachsene Zeitgenossen werden beklagen, dass sie im V60 hinten mit den Knien an die Grenzen stoßen.

Wohlfühlatmosphäre im V60

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Elegant und bequem geht es im Innenraum des V60 zu.

(Foto: Holger Preiss)

Ansonsten gilt im Volvo Wohlfühlatmosphäre. Die Armatur aus weich geschäumter Plastik schwingt sich weit von Tür zu Tür. Schade nur, dass die Schweden die Mittelarmlehne so weit nach hinten platziert haben, dass man den Ellbogen extrem weit zurücksetzen muss, um ihn aufzulegen. Vermisst wurden beim Test auch Abstellflächen für Flaschen in den Türinnenseiten. Die zwei Becherhalter über dem Mitteltunnel taugen jedenfalls nicht dafür. Erfreulich sind hingegen wieder die dezenten Akzente, die mit Aluminiumspangen gesetzt werden. Auch die in der "schwebenden" Mittelkonsole für heutige Verhältnisse etwas üppige Knopfflut erfreut durch feine Druckpunkte und eine – hat man sie erstmal durchschaut – angenehme Logik. In der Serie thront über all dem ein 5-Zoll-Farbmonitor. Das ist gemessen an der Premiumkonkurrenz entschieden zu klein. Deshalb habend die Schweden im Business-Paket-Pro für 1950 Euro nicht nur eine Einparkhilfe vorn und hinten verbaut, sondern auch einen Park Assistenten, der den V60 parallel zur Fahrbahn vollautomatisch in die Lücke schiebt. Dazu gibt es noch ein Infotainmentsystem Sensus Connect mit "High Performance Sound" von Harman Kardon und einen 7-Zoll-Farbmonitor.

Neben diesen nicht ganz billigen Features hat sich Volvo ja seit eh und je die Sicherheit auf die Fahnen geschrieben. Aber auch die hat ihren Preis. 2150 Euro zusätzlich wollen die Schweden für das Fahrassistenz-Paket-Pro haben. Dahinter verbergen sich ein aktives Geschwindigkeits- und Abstandsregelsystem. Enthalten ist auch ein Notbremsassistent, der tatsächlich abrupt zubeißt, wenn der Fahrer getrieft hat. Ebenfalls im Paket ist das Blind-Spot-Information-System, das nicht nur Autos, sondern auch Fußgänger und Fahrradfahrer erkennt, wenn sich der Volvo rückwärts aus der Parklücke schiebt. Eine wirklich nützliche und extrem gut funktionierende Funktion, die noch besser kommt, wenn die Rückfahrkamera für zusätzliche 480 Euro geordert wurde.

Auch für die Famile

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430 Liter Kofferraum sind nicht viel, reichen aber für die kleine Urlaubsreise mit der Familie durchaus aus.

(Foto: Holger Preiss)

Da der Volvo aber nicht nur ein Hingucker ist, sondern auch noch ein Kombi, wenn auch einer mit nicht so üppigem Ladevolumen (lediglich 430 Liter schluckt der sehr flach gebaute Kofferraum), empfehlen sich noch ein paar andere Beigaben, die das Leben der Familie im V60 angenehmer machen. Da wäre zum Beispiel das Familienpaket, hinter dem sich eine Kindersicherung für die hinteren Türen und zwei in den äußeren Fondsitzen integrierte Kindersitze verbergen. Die ersparen gestressten Eltern den ständigen Transport von entsprechenden externen Sitzhilfen. Das Ganze kostet schmale 350 Euro. Auch das Laderaumpaket für 225 Euro lohnt sich. Mit diesem System, das vom Gepäckraumboden hochgeklappt wird, werden zum Beispiel Einkaufstaschen mit Haken und einem elastischen Band sicher befestigt. Bei Nichtgebrauch verschwindet es ganz einfach wieder im Boden. Auch ein Gepäckraum-Trennnetz ist in dem Preis enthalten.

Überflüssig sind zu bezahlende Beigaben wie eine Schaltwippe am Lenkrad für 190 Euro oder elektrisch umklappende Kopfstützen auf der Rückbank für zusätzlich 180 Euro. Auch die extrem schicken, aber mit 500 Euro unverhältnismäßig teuren abgedunkelten Seiten- und Heckfenster sind verzichtbar.

Fazit: Der Volvo V60 D4 ist in der Austattungslinie Ocean Race schon sehr üppig ausgestattet, aber mit 40.050 Euro keine Billigware. Wird der Schwede dann noch mit den oben genannten zusätzlichen Optionen ausgestattet, dann bringt er es auf satte 54.115 Euro. Damit steht er den deutschen Premiumherstellern preislich in nichts nach. Allerdings war Volvo fahren schon immer ein Ding für Individualisten und wer sich für einen V60 D4 entscheidet, hat neben einem echten Designerkombi auch noch einen respektablen Werterhalt. Nach Berechnungen des Marktforschungsunternehmens Bähr & Fess Forecasts hat der Schwede nach vier Jahren noch 46 Prozent seines Gesamtwertes. In Zahlen ausgedrückt bedeutet das (nimmt man den Wagen ausstattungsbereinigt zu einem Preis von 35.350 Euro), dass am Ende der Zeit noch ein Restwert von 16.261 Euro bleibt. Und in dieser Zeit kann man sich immer mit dem V60 sehen lassen, denn er ist zeitlos schön.

 

DATENBLATTVolvo V60 D4 Ocean Race
Abmessungen (Länge/Breite/Höhe)4,63 / 1,86/ 1,48 m
Leergewicht (DIN)1744 kg
Sitzplätze5
Ladevolumen430 Liter
MotorReihen-Vierzylinder mit 1969 ccm Hubraum und Turboaufladung
Getriebe8-Gang Automatik
Leistung133 kW/181 PS bei 4250 U/min
KraftstoffartDiesel
AntriebVorderradantrieb
Höchstgeschwindigkeit225 km/h
max. Drehmoment400 Nm bei 1750  - 2500 U/min
Beschleunigung 0-100 km/h7,6 Sekunden
Normverbrauch (außerorts/innerorts/kombiniert)3,9 / 5,1 / 4,3 l
Testverbrauch6,9 l
CO2-Emissionen
(Normverbrauch)
112 g/km
EffizienzklasseA+ / EU6
Grundpreis40.050,00 Euro
Preis des Testwagens54.115,00 Euro

Quelle: n-tv.de

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