Infografik

Corona-Hotspot in der Hauptstadt Berlin kämpft gegen schwelende Virus-Zone

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Blick über Teile Friedrichshains Richtung Mitte: Im mit Kreuzberg vereinten Bezirk leben gut 14.200 Menschen je Quadratkilometer.

(Foto: picture alliance/dpa)

Inmitten der deutschen Hauptstadt flammen neue Infektionsherde auf: Das Fallaufkommen im dicht besiedelten Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg nähert sich der kritischen Marke. Die Masse der Infizierten ist auffallend jung.

Knapp sechs Monate nach Beginn des Pandemie-Ausnahmezustands in Deutschland breitet sich das Coronavirus wieder stärker in der Bevölkerung aus. In fast drei Dutzend Kreisen verzeichnen die Gesundheitsämter derzeit ein deutlich erhöhtes Fallaufkommen. Selbst im Zentrum der deutschen Hauptstadt ziehen die Fallzahlen - trotz geltender Corona-Auflagen - derzeit stark an.

Der Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg droht sich derzeit sogar zum neuen Brennpunkt der Corona-Krise zu entwickeln: In dem Innenstadtgebiet mit seinen rund 290.000 Einwohnern klettert die Zahl der neu entdeckten Fälle seit Tagen immer weiter in die Höhe. In den Daten des Robert-Koch-Instituts (RKI) taucht der dicht besiedelte Bezirk längst in der Gruppe der zehn am schwersten betroffenen Regionen Deutschlands auf. Die Sieben-Tage-Inzidenz, also die Anzahl der Neuinfektionen aus dem Zeitraum der zurückliegenden sieben Tage je 100.000 Einwohner, erreicht zuletzt einen Stand von 48,7 (Vortag: 35,5).

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Damit befindet sich der Bezirk nur noch knapp unter der bundesweit geltenden Obergrenze, ab der die lokalen Behörden verschärfte Corona-Auflagen in Betracht ziehen müssen. In den Daten des für das Land Berlin zuständigen Landesamts für Gesundheit und Soziales - das naturgemäß näher an der Entwicklung dran ist als das an die gesetzlich vorgeschriebenen Meldewege gebundene RKI - ist die kritische Marke sogar bereits etwas näher gerückt. Beobachter rechnen damit, dass die Obergrenze in den kommenden Tagen überschritten werden dürfte.

"Das Tempo der Neuinfektionen gewinnt an Fahrt", räumte Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci zu Wochenbeginn im Gesundheitsausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses ein. Der Anstieg der Fälle in Friedrichshain-Kreuzberg und im angrenzenden Bezirk Mitte treibt die Sieben-Tage-Inzidenz auch auf Landesebene in die Höhe. Mit einem Wert von 20,4 sieht das RKI das Land Berlin derzeit unter allen Bundesländern auf dem Spitzenplatz - noch vor Bayern (19,5) und weit vor Nordrhein-Westfalen (15,3). Der bundesweite Durchschnitt liegt bei 12,9.

Der rapide Anstieg setzt die Gesundheitsverwaltung in der Hauptstadt unter Zugzwang. Beispiele aus dem Ausland zeigen, wie schnell die Lage außer Kontrolle geraten kann. Entsprechend besorgt zeigte sich Kalayci einem Bericht des Berliner "Tagesspiegels" zufolge angesichts der epidemiologischen Lage in der Stadt. In den einzelnen Zuständigkeitsbereichen der Berliner Gesundheitsämter wird es demnach immer schwerer, die Kontaktketten nachzuverfolgen.

Einen möglichen Grund dafür sehen Experten auch im aktuell auffallend niedrigen Durchschnittsalter der Infizierten. Die meisten Ansteckungen lassen sich derzeit auf Begegnungen in privaten Haushalten, also im Familien- oder Freundeskreis - zurückführen. Bei der Fallerfassung stoßen die Behörden nach Angaben der Senatorin jedoch oft auch auf Hinweise, die auf eine mögliche Infektion bei größeren Partys hindeuten. In solchen Fällen käme das bisher geltende Konzept der Kontaktnachverfolgung schnell an seine Grenzen.

Die meisten Neuinfektionen treten laut Lagebericht der Senatsverwaltung für Gesundheit derzeit in der Altersgruppe der 20- bis 29-Jährigen auf. "Die hohen Infektionszahlen in unserem Bezirk sind vielfach auf junge, feiernde Menschen zurückzuführen", bestätigte Gesundheitsstadtrat Knut Mildner-Spindler dem RBB vor dem Wochenende. Ansteckungsorte sind demnach "oftmals Clubs, private Feiern und inoffizielle Veranstaltungsorte in Friedrichshain-Kreuzberg", aber auch in anderen Bezirken. Auch von "illegalen Raves" in den Außenbezirken ist die Rede.

Noch wirkt sich das Infektionsgeschehen nicht negativ auf die Zahl der Todesfälle aus. Die im Land Berlin geltende "Corona-Ampel" des Senats stand zu Wochenbeginn noch in zwei von drei Kategorien auf Grün. Im Gesundheitsausschuss kündigte Kalayci allerdings bereits an, dass neben der "Ampel" zum Fallaufkommen bald auch das Signal zur Ansteckungsrate auf Gelb springen werde. Die dritte Berliner Ampel bleibt demnach weiter im grünen Bereich: Ausschlaggebend ist hier unter anderem, dass es unter der Masse der Neuinfizierten derzeit kaum zu schweren Krankheitsverläufen kommt. Die Zahl der Covid-19-Patienten in Krankenhäusern erscheint stabil, ebenso die Zahl der Intensivpatienten.

Bei den Beratungen im Gesundheitsausschuss wies Kalayci jedoch darauf hin, dass mittlerweile auch die Anzahl der Infektionen in anderen Bevölkerungsschichten leicht zunehme. "Wenn die Älteren erreicht werden, wird die Zahl der Hospitalisierten und der Toten leider wieder steigen", warnte sie. Auch im Robert-Koch-Institut gehen Experten davon aus, dass im Fall eines Übergreifens des Erregers auf weitere Teile der Bevölkerung zwangsläufig auch mit einer höheren Zahl an schweren Krankheitsverläufen und Todesfällen gerechnet werden muss.

Noch ist offen, mit welchen Maßnahmen die Berliner Behörden gegensteuern wollen. Andere stark betroffene Großstädte wie zum Beispiel München erwägen eine Einschränkung der zulässigen Teilnehmerzahl bei Veranstaltungen im Freien und in geschlossenen Räumen, eine Maskenpflicht im Freien oder gar zeitlich begrenzte Einschränkungen beim Alkoholausschank. In der Hauptstadt scheint Eile geboten: Die für Berlin berechnete Ansteckungsrate stieg zu Wochenbeginn von 1,32 auf einen Wert über 1,5 - sie liegt damit weit über dem bundesweiten Niveau.

Quelle: ntv.de