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Folgen der Pandemie-Abwehr Deutschland blüht eiskalter Krisensommer

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Rotglühende Warnlampen: Droht durch das Coronavirus der größte Konjunktureinbruch in der deutschen Wirtschaftsgeschichte?

(Foto: picture alliance/dpa)

Wie hart wird die Coronavirus-Krise Deutschland treffen? Erste Vorboten eines bevorstehenden Konjunktureinbruchs sind in den Daten bereits zu erkennen. Nicht nur das Geschäftsklima bricht so stark ein wie nie zuvor.

Düstere Signale aus dem Inneren der deutschen Wirtschaft: Die Schutzmaßnahmen zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie drohen in eine konjunkturelle Katastrophe zu münden. Gleichzeitig zeichnet sich auch in der Weltwirtschaft ein beispielloser Konjunktureinbruch ab.

Für eine Exportnation wie Deutschland besonders bedenklich ist, dass auch wichtige Handelspartner wie etwa China oder die Vereinigten Staaten unter der Krise leiden: In den USA sackte die aufs Jahr hochgerechnete Wirtschaftsleistung im ersten Quartal bereits massiv ab. Da die US-Daten bislang nur den Zeitraum bis Ende März abdecken, die Ansteckungswelle in den 50 Bundesstaaten sich aber erst im April voll entfaltete, sind für das zweite Quartal noch größere Einbrüche zu erwarten.

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Die Stimmung in den Führungsetagen der deutschen Unternehmen trübte sich im April bereits weitaus gravierender ein als erwartet. Wie vor dem Wochenende bekannt wurde, sackte der Ifo-Geschäftsklimaindex im April auf 74,3 Punkte ab. Der ZEW-Index, der die Konjunkturerwartungen der Finanzmarktprofis widerspiegelt, hatte bereits Mitte März seinen "stärksten Rückgang seit Beginn der Umfrage" im Jahr 1991 erlitten.

Der Ifo-Index ist das wichtigste deutsche Konjunkturbarometer und gilt als zuverlässiger Indikator für die Entwicklung der nächsten sechs Monate. Derzeit steht er auf seinem bisher niedrigsten Stand. Selbst in den wildesten Turbulenzen der Finanzkrise oder der nachfolgenden Eurokrise hielt sich das viel beachtete Konjunkturbarometer besser als in Folge der virusbedingten Vollbremsung.

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"Die Corona-Krise trifft die deutsche Wirtschaft mit voller Wucht", kommentierten die Konjunkturforscher die Daten. Seit 23. März sind umfangreiche Einschränkungen im öffentlichen Leben und in den wirtschaftlichen Aktivitäten in Kraft. Millionen Arbeitnehmer müssen versuchen, den Betrieb im Homeoffice so gut es geht aufrecht zu erhalten. Größere Schwierigkeiten haben alle jene Unternehmen, deren Geschäftsmodell engeren Austausch zwischen einer größeren Zahl an Menschen erfordert.

Unter den geltenden Kontaktsperren leiden nicht nur Fluggesellschaften, Touristikkonzerne und die Gastronomie, sondern insbesondere auch das produzierende Gewerbe: In der deutschen Autoindustrie stehen die Bänder still. Dazu kommen die ernsten Konjunktursorgen mit Blick auf Nachfrageeinbrüche in großen Absatzmärkten wie der Volksrepublik China und den USA.

Bei der Beurteilung der aktuellen Lage scheint derzeit noch die Hoffnung auf ein schnelles Ende der Einschränkungen zu überwiegen. Der entsprechende Teilindex des Ifo-Instituts fiel von revidiert 92,9 auf aktuell 79,5 Punkte, was nur noch dem tiefsten Stand seit Juli 2009 entspricht. Der Ifo-Teilindex der Geschäftserwartungen jedoch stürzte ebenfalls auf ein Allzeittief von 69,4 Zähler ab.

Gestützt auf diese Daten bereiten sich Konjunkturexperten auf einen wahren Schwächeanfall in der deutschen Wirtschaftsleistung vor. Das Bruttoinlandsprodukt könnte den Einschätzungen von Volkswirten zufolge im zweiten Quartal massiv einbrechen. Eine rasche Rückkehr zu dem vor der Pandemie herrschenden Bedingungen sei unwahrscheinlich, heißt es. Beim ZEW-Index zeigte sich im April zwar eine überraschend deutliche Aufhellung bei den Erwartungen. Zugleich verschlechterten sich jedoch auch die Einschätzungen zur aktuellen Lage dramatisch.

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"Der Niveauverlust beim BIP dürfte deutlich stärker ausfallen als während der Finanzkrise, ich kann mir gut einen zweistelligen prozentualen Rückgang vorstellen", fasste Alexander Krüger, Chefvolkswirt des Bankhauses Lampe, die Lage aus seiner Sicht zusammen. Ein zweistelliger Rückgang der Wirtschaftsleistung entspräche einer für deutsche Verhältnisse beispiellosen konjunkturellen Talfahrt. Wie groß die Auswirkungen der Vollbremsung am Arbeitsmarkt ausfallen, wird sich in voller Breite erst am kommenden Donnerstag (30.4.) zeigen, wenn die Bundesagentur für Arbeit ihre Daten für April vorlegt.

Der bisher stärkste Quartalsrückgang des BIP wurde im ersten Quartal 2009 gemessen. Das Minus betrug damals 4,7 Prozent. Krüger rechnet wegen der vorsichtigen Lockerung der Eindämmungsmaßnahmen für Mai mit einem Anstieg der Ifo-Geschäftserwartungen, glaubt aber nicht an eine V-förmige Konjunkturerholung. Laut ZEW-Präsident Achim Wambach sähen Finanzmarktexperten dennoch bereits "Licht am Ende eines sehr langen Tunnels". Die Ergebnisse von Sonderfragen zur Corona-Krise zeigten, dass die Mehrheit der Befragten schon für das dritte Quartal wieder ein positives Wirtschaftswachstum erwartet. "Die Wirtschaftsleistung von vor der Corona-Krise soll erst im Jahr 2022 wieder erreicht werden."

Ob es mit der Erholung nach dem Konjunktureinbruch wirklich so schnell geht, daran gibt es jedoch ernste Zweifel. Noch ist zum Beispiel vollkommen unklar, wie lange die Kontaktbeschränkungen zum Bevölkerungsschutz aufrechterhalten werden müssen. "Niemand hört es gerne, aber es ist die Wahrheit: Wir leben nicht in der Endphase der Pandemie, sondern immer noch an deren Anfang", hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel zuletzt erklärt. Die Corona-Krise ist demnach erst überstanden, wenn es einen wirksamen Impfstoff oder ein Mittel gegen das Coronavirus gibt.

Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer glaubt nicht an eine schnelle Erholung. Er führt in seinem Kommentar drei Gründe für eine nur langsame Aufwärtsbewegung an: Die Beschränkungen des Wirtschaftslebens würden in Deutschland und anderen Ländern nur schrittweise gelockert, Verbraucher hielten sich aus Sorge um ihren Arbeitsplatz mit Ausgaben zurück und Unternehmen verschuldeten sich massiv. Wenn sich die Prognose erfüllt, dann dürften die Unternehmen mehrere Jahre lang bei Einstellungen und Investitionen den Fuß auf der Bremse halten.

Thomas Gitzel, der Chefvolkswirt der liechtensteinischen VP Bank, erwartet zudem immense langfristige Folgen der Corona-Pandemie. Seiner Einschätzung nach dürften Lieferketten hinterfragt werden, "Deglobalisierungstendenzen" könnten sich verstärken. "Aus der bereits laufenden Digitalisierungswelle wird wohl ein Digitalisierungstsunami werden", prognostiziert er. Welchen langfristigen Einfluss das Coronavirus damit auf die Wirtschaft insgesamt haben werde, könne letztlich im Detail nur erahnt werden. Er dürfte aber immens sein und auch Chance bieten, meinte Gitzel.

Quelle: ntv.de, mit Material von DJ