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Politische Pandemie-Indikatoren Die aktuell wichtigsten Corona-Kennzahlen

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In der Pandemie-Abwehr liegt die Verantwortung wieder bei den Ländern: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn.

(Foto: imago images/Political-Moments)

Inmitten der laufenden Ansteckungswelle wechselt die deutsche Pandemie-Abwehr den Maßstab. Corona-Auflagen sollen künftig vorrangig von der Hospitalisierungsinzidenz abhängen. Welche Kennzahlen sagen was?

"Die Pandemie ist noch nicht vorbei": Mit diesen Worten fasste der Chef des Robert-Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, die Lage im Spätsommer 2021 zusammen. "Wenn wir die aktuellen Impfquoten nicht drastisch steigern, dann kann die aktuelle vierte Welle im Herbst einen fulminanten Verlauf nehmen."

Die Meldedaten liefern klare Belege: Seit Juli steigen die Fallzahlen in Deutschland wieder an. Diesmal jedoch unterscheidet sich die Ausgangssituation deutlich von den Bedingungen im Vorjahr: Mittlerweile trifft das Coronavirus in seiner mutierten Delta-Variante auf einen wachsenden Anteil geimpfter Menschen. Noch immer jedoch reicht die Zahl der Ungeimpften aus, um das deutsche Gesundheitssystem im Fall einer unkontrollierten Ausbreitung des Erregers zu überlasten.

Ein Bundestagsbeschluss stellt die Weichen im Infektionsschutzgesetz neu: Um auf die veränderte Lage zu reagieren, soll künftig die sogenannte Hospitalisierungsinzidenz als zentrale Orientierungsmarke zur Beurteilung der Corona-Situation dienen.

Mit dieser Vorgabe aus der Bundespolitik sind offenbar nicht alle Bundesländer einverstanden. Mehrere Landesbehörden halten in ihren überarbeiteten Corona-Regelungen am Fallaufkommen - gemessen an der Sieben-Tage-Inzidenz der Neuinfektionen - als "Leitindikator" fest. Tagesaktuelle Hospitalisierungsinzidenzen auf vergleichbarer Basis gibt es auf Länderebene derzeit noch nicht. Auch RKI-Chef Wieler sieht die Abwendung von der Sieben-Tage-Inzidenz bekanntermaßen kritisch.

"Um die aktuelle Situation einschätzen zu können, betrachtet und bewertet das RKI verschiedene Indikatoren", erklärt das RKI in einer ausführlichen Stellungnahme. "Ein zentraler - jedoch nicht der einzige - Indikator ist die Entwicklung der Fallzahlen". Die Anzahl der neu gemeldeten Fälle aus den letzten sieben Tagen je 100.000 Einwohner gibt demnach "die Geschwindigkeit an, mit der sich die Infektionen verbreiteten".

Als "weitere wichtige Indikatoren" nennt das RKI die "Anzahl der hospitalisierten Fälle, als Maß für die Krankheitsschwere" sowie die "Anzahl der Fälle, die auf einer Intensivstation behandelt werden müssen, als Maß für die Belastung des Krankenversorgungssystems".

Die verschiedenen Indikatoren bilden nach Einschätzung der Fachleute "unterschiedliche Aspekte des Pandemiegeschehens" ab. Diese Kennziffern "hängen zusammen und werden immer gemeinsam betrachtet". Allerdings, räumt das RKI ein, könne sich "ihre jeweilige Bedeutung im Verlauf der Pandemie und bei neuen Rahmenbedingungen ändern".

In den Erläuterungen der Bundesregierung zur Neufassung des Infektionsschutzgesetzes klingt das etwas anders. "Mit zunehmender Durchimpfung der Bevölkerung ändert sich die Aussagekraft der Sieben-Tage-Inzidenz der Neuinfektionen", wird der Wechsel dort begründet. Als "wesentlicher Indikator für die Entscheidung über Schutzmaßnahmen" der Landesbehörden soll demnach "vor allem" die Hospitalisierungs-Inzidenz ausschlaggebend sein.

Das RKI dagegen argumentiert so: "Generell gilt: Je mehr Fälle auftreten, desto mehr schwere Verläufe (Krankenhauseinweisungen / Intensivbettenbelegung) und Todesfälle werden - mit etwas Zeitverzug - registriert." Gleichzeitig steige die Belastung des Gesundheitssystems. Eine zunehmende Sieben-Tage-Inzidenz gehe dieser Entwicklung voraus. "Es ist der früheste aller Indikatoren." Die Sieben-Tage-Inzidenz bleibe daher auch "weiter wichtig, um die Situation in Deutschland zu bewerten und frühzeitig Maßnahmen zur Kontrolle" einzuleiten.

Die Abkehr von der Sieben-Tage-Inzidenz ist somit tatsächlich nicht viel mehr als ein symbolischer Schritt. Politische Entscheidungen wie etwa die Ankündigung neuerlicher Kontaktbeschränkungen werden sich weiterhin nicht nur auf eine einzige Kennziffer berufen können. Auf Seiten der Bundesregierung werden "weitere Indikatoren zur Bewertung der Infektionslage" ausdrücklich erwähnt: Dazu zählt zum Beispiel die nach Alter differenzierte Sieben-Tage-Inzidenz der Neuinfektionen, die verfügbaren intensivmedizinischen Behandlungskapazitäten und die Anzahl der gegen Covid-19 geimpften Personen.

Insgesamt verschiebt sich die Verantwortung für politische Pandemie-Maßnahmen mit der Neufassung des Infektionsschutzgesetzes zurück auf die Länderebene. Die dort zuständigen Landesbehörden sollen eigene Schwellenwerte ausarbeiten oder haben dies bereits getan. Für die Behandlungskapazitäten im Gesundheitssystem zum Beispiel gibt es bisher keine bundesweit einheitlichen Schwellenwerte. Diese sollen nach den Gegebenheiten vor Ort auf Länderebene festgelegt werden.

Offen ist noch, ob die anstehenden Weichenstellungen in den Ländern ausreichen werden, die Ausbreitung des Erregers unter den Millionen an ungeimpften Menschen in Deutschland aufzuhalten. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn setzt daher auf eine Ausweitung der sogenannten niederschwelligen Impfangebote. Unter dem Motto "#hierwirdgeimpft" soll in der kommenden Woche noch einmal verstärkt für die Corona-Schutzimpfung geworben werden. Vereine, Verbände und Veranstalter sollen die Impfaktionen in Zusammenarbeit mit dem örtlichen Gesundheitsamt unterstützen.

Bis zum Beginn der kühleren Jahreshälfte bleibt nicht mehr viel Zeit. Mit dem Beginn des neuen Schuljahrs stieg das Fallaufkommen unter Kindern in den besonders betroffenen Bundesländern bereits deutlich an. Da Minderjährige in der Regel im Familienverbund leben, bleibt es nur eine Frage der Zeit, bis die Infektionswelle auch wieder in die höheren Altersgruppen vordringen wird.

Ungeimpfte müssen mit Blick auf die steigenden Fallzahlen damit rechnen, spätestens im Herbst mit dem Virus in Kontakt zu kommen. RKI-Chef Wieler zeichnete bei einer gemeinsamen Pressekonferenz an der Seite Spahns ein düsteres Bild der Perspektiven. "Wer sich nicht impfen lässt, wird sich auf absehbare Zeit mit Sars-Cov2 infizieren". Ungeimpfte setzen sich damit dem Risiko aus, unter Umständen schwer zu erkranken oder vielleicht sogar aufgrund einer Coronavirus-Infektion zu sterben.

Quelle: ntv.de

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