Leben

Aus der Schmoll-Ecke 2 + 2 = 4 = Rassismus

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Noch lacht ihr! Aber jetzt ist Schluss mit VaterMutterKindKind, ihr heißt jetzt anders!!

(Foto: imago/Westend61)

Muttermilch heißt jetzt "Milch vom Menschen", aus Gott wird "G*tt". Wer Mathematik nicht begreift, ist Opfer "weißer Vorherrschaft". Da wundert es nicht, dass unser Kolumnist - ebenso wie Wolfgang Thierse, auch ein alter weißer Mann - eine identitätspolitische Krise durchlebt.

Manchmal glaube ich, ein totaler Versager zu sein, ein alter weißer Mann, der nichts mehr versteht in dieser Welt und nicht weiß (oder schwarz?), was oder wer LGBTI, PoC, BPoC, BIPoC und EKBO ist oder sind, sondern erst bei Google nachsehen muss. So schnell kann ich gar nicht schreiben, wie sich die Zeiten ändern. Seit ich denken kann, lösten Menschen mit Stäbchen in der Nase in meinem Hirn Vorgänge aus, die meinen Blick eine Gestalt annehmen ließen, die der Außenwelt signalisierte: Herr Schmoll macht sich Sorgen. Aber statt Koksen bedeutet heute ein Stäbchen in der Nase: Fortschritt! Und die Chance auf Rückkehr zu ein bisschen Normalität, wie es gerade ständig pathetisch heißt. Stäbchen für alle! Man wähnt sich im China-Restaurant.

Garant für die Chance auf die Rückkehr zu ein bisschen Normalität ist der - ich bitte um Pardon - bescheuerte Scheuer, der besser Schlagersänger (oder so) hätte werden sollen. Mr. Maut-Debakel soll massenhaft Schnell- und Selbsttests beschaffen – der nächste Treppenwitz auf seiner Karriereleiter hinauf zur Wahl zum schlechtesten Bundesminister aller Zeiten. Ich bete täglich zu Gott, dass der Bursche zunächst einmal zum Eignungstest geschickt wird, bevor er mit Kumpel Spahni Aufträge an McKinsey und Ernst & Young vergibt, damit die bis April 2025 gegen Millionengage beratend zur Seite stehen, um einen duften Plan zu schmieden, wie man blitzschnell an Nasenstäbchen für alle gelangt. Gott sei mit ihnen.

Gott, das Wesen im Himmel, das ich bisher für einen alten weißen Mann mit weißem Bart hielt, was aber (siehe oben) auch nicht mehr gilt. Vielleicht ist er ein LGBTI, PoC, BIPoC oder ein EKBO, vielleicht Mann, vielleicht Frau, vielleicht nicht existent, vielleicht eine transzendente und nicht greifbare Lichtgestalt, vielleicht eine Erfindung oder vielleicht ein oder eine Jemand, das, die oder der gerade überlegt, welches Geschlecht es, sie oder er annehmen möchte. Möge es, sie, er dabei bedenken, dass das christliche Abendland, wie Sie hier bereits merken, vor sprachlichen Herausforderungen beim Gebet steht.

Da brauchen Sie nicht so schlumpfig zu grinsen. Wenn Ihnen meine Tonalität nicht gefällt, dann scheren Sie sich zum Teufel. Oder zur Teufelin. Oder zum Teu*el, das, der oder die Gegenspieler-in der, die, des lieben G*tt(es) ist. Jesus Christus*, das wird kompliziert.

Um es klar zu sagen. G*tt, auch der des Islam, ist für uns alle da. Wie die EKBO. Oder EKB*O. Das wird sich noch zeigen. Ich habe nachgeschaut und festgestellt, dass es sich bei der EKBO nicht um einen Gangsta-Rapper handelt. Das Kürzel steht für die "Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz", die ihr Bemühen um Fortschritt nicht durch Stäbchen für alle kundtut, sondern mit einem innovativen Ansatz, G*ttes Willen auf Erden geschehen zu lassen und uns von unseren Sünden zu befreien.

Die Wege des Herrn - und der Frau - sind unergründlich

"Für die Dauer der Passionszeit posten wir die Bibeltexte für jeden Tag (Losungen) in geschlechtergerechter Sprache", erklärte die EKBO auf Facebook. Zuckerberg statt Ölberg. So geht Fortschritt auch ohne Stäbchen für alle. Dazu gründete der Kirchentrupp für das Gute auf der Erde einen Kreidekreis: "Ein Team* aus Mitarbeiter*innen der EKBO übersetzt die Verse in eine Sprache, die über männliche Dominanz und Zweigeschlechtlichkeit hinausgeht und die die Vielfältigkeit G*ttes sichtbar macht." So weit so plump, sich dem Zeitgeist anzunähern.

Heilige Mutter G*ttes, hilf! Stopp mal! So nicht, alter weißer Mann, so nicht. Wir wollen doch der heiligen Mutter G*ttes kein Geschlecht aufbürden. Wörter, die wir früher mit der Milch vom Menschen - ehemals "Muttermilch" genannt, pfui Teu*el - aufgesogen haben, gehören entsorgt. Universitätskliniken in Brighton und Sussex haben sich dazu etwas total EKBO-mäßiges ausgedacht. Sie appellieren an Babys-auf-die Welt-Holende und Darniederliegende-Behandelnde, wie Hebammen beziehungsweise Ärztinnen und Ärzte neuerdings genannt werden, damit die Welt (noch) besser wird, Mutter (auch) "gebärendes Elternteil", Muttermilch "Milch vom Menschen" oder "Milch vom stillenden Elternteil" und Brust geben "Oberkörperfütterung" zu nennen. Für Vater wird "Elternteil", "Co-Elternteil" oder "zweiter biologischer Elternteil" vorgeschlagen.

Ziel des Unsinns: Transsexuelle sollen sich nicht länger ausgeschlossen fühlen. Das Anliegen ist redlich. Aber so? Großer G*tt, wo soll das noch hinführen? Fragt ein alter weißer Mann. Steinigen Sie mich gerne auf dem Zuckerberg: Das ist ein bisschen viel Rücksichtnahme, nicht mehr Mutter und Muttermilch sagen zu sollen, damit sich ein verschwindend geringer Teil der Bevölkerung nicht diskriminiert fühlt. Vor allem aber: Was ist mit Frauen und Müttern, die sich als Frauen und Mütter verstehen und nicht vorhaben, Mann und Vater zu werden? Wird der Gebärmutterkrebs zum Gebärendes-Elternteil-Krebs? Aus dem Vatertag der Co-Elternteil-Tag? Und aus der Brustwarze die Oberkörperwarze? Mit Verlaub, all das ist schräg.

Das geht mir auf den S*ck!

Jede Wette, dass die Berliner Grünen längst einen Leit-Samenfaden in der Schublade haben als Geburtshelfer zum antidiskriminierenden Umgang mit Co-Elternteilen in öffentlichen Kliniken. Das hat Vorrang vor besserer Bezahlung der Krankenschwestern und -brüder. Eine Freundin, die zu den klügsten Menschen gehört, die ich je kennengelernt habe, schrieb mir neulich in einer Whatsapp über den Auswuchs politisch hyperkorrekter Sprache: "Mir geht das auf den Sack (Ha! Weibliche Aneignung männlicher Geschlechtsorgane als Mittel sprachlicher Gleichstellung!)" Da musste ich laut lachen.

Kein Wunder, dass ein politischer Hallodri wie Wolfgang Thierse, auch ein alter weißer Mann, so wie ich, in eine identitätspolitische Krise gerät. Dabei gendert neuerdings selbst der Bundespräsident, ebenfalls Sozialdemokrat: "Die Demokratien der Welt müssen ihre Verfasstheit auch im Digitalen sichern, gegen Feinde von innen wie außen." Okay, auf das "von" vor "innen" muss er noch verzichten. Aber der Mann ist lernfähig. Denn er kann sich an allen fünf Fingern abzählen, dass das Gendern mindestens so wichtig ist wie die Bekämpfung der Armut, des Klimawandels und Stäbchen für alle.

Hier: Schlechte Überleitung!!!

Apropos – oh G*tt, was für eine schlechte Überleitung - Rechnen. "Die Idee von 2 + 2 = 4 hat kulturelle Gründe. Als Folge von westlichem Imperialismus/Kolonialisierung halten wir sie für das einzig Richtige", twitterte eine Studentin der Universität des Bundesstaates New Jersey im Sommer 2020. Sie erklärte Mathematik zu subjektiver Auslegungssache. Der Tweet ist längst gelöscht, weil natürlich haufenweise Idioten über die Frau herfielen, als hätte sie verlangt, Fidel Castro heiligzusprechen.

Als mir ein Freund einen Artikel eines Radiosenders mit Sitz in Seattle dazu mailte, wollte ich es nicht glauben. Tatsächlich fand ich im Internet die Empfehlung des Kultusministeriums von Oregon an Lehrer für einen Kurs, der auch "kritische Ansätze zum Abbau der weißen Vorherrschaft in Mathematikunterrichtsräumen durch Sichtbarmachung der toxischen Merkmale der weißen Vorherrschaftskultur" beinhaltet. Darin heißt es: "Das Konzept, dass Mathematik rein objektiv ist, ist eindeutig falsch." Es hindere schwarze, lateinamerikanische und mehrsprachige Schüler am "uneingeschränkten Zugang zur Welt der Mathematik". Daraus folge: "An der Idee festzuhalten, dass es immer richtige und falsche Antworten gibt, zementiert diese Objektivität ebenso wie die Angst vor offenen Konflikten."

Das heißt also: Wenn Leute, die nicht weiß sind, Mathe nicht begreifen, sind Weiße schuld. Oder jedenfalls nicht unschuldig. Meinetwegen. Wer aber trägt Verantwortung, wenn ein Weißer die Rechnerei nicht kapiert? Die Eltern? Die finanziellen Möglichkeiten? Ich war ziemlich blöd in Mathematik. Doch nun weiß/schwarz ich: 2 + 2 = 4 = Rassismus.

P. S.: Hier noch ein Grund, mich auf dem Zuckerberg zu steinigen. In einer ersten Version der Kolumne war von einer "Handreichung" des Kultusministeriums von Oregon die Rede. Das war (m)ein Fehler. Fehler sind unmenschlich. Rechnen Sie trotzdem weiter mit mir.

Quelle: ntv.de

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