Leben

Aus der Schmoll-Ecke Merkel und andere Kulturbanausen

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Ob sich Bundeskanzlerin Angela Merkel nach einem Besuch in Bayreuth sehnt?

(Foto: picture alliance/dpa)

Während der weltbeste Weltärztepräsident für Verwirrung sorgt, das fiese Virus seine "Occupied world 2020"-Tournee fortsetzt und der Staat Hunderte Milliarden für die Wirtschaft rausballert, darbt die Kunst. Unser Kolumnist fragt: Was ist aus der Kulturnation Deutschland geworden?

Geschätzte Leser_innen und Leser_außen, wo immer Sie sich gerade aufhalten und den unsichtbaren Feind bekämpfen: Beruhigen Sie sich bitte wieder, es gibt Schlimmeres, als im Homeoffice Masken zu nähen und sie Tag für Tag bei 60 Grad zu waschen, bevor das Bundesamt für technischen Fort- und Rückschritt in Zeiten des fiesen Virus (BftFuRiZdfV) kommt und - ätsche bätsche - bekannt gibt, der Gesichtsschutz müsse zwingend 90 Minuten bei 90 Grad geschrubbt werden, ehe dann Genosse Montgomery in einem Interview, dieses Mal in "Carola - Das Magazin für das Waschweib" alles richtigstellt und sagt: "Eine gesetzliche Pflicht für nicht funktionierende Masken halte ich für ein Armutszeugnis eines Staates." Danke, Herr Montgomery, Sie sind der weltbeste Weltärztepräsident der Welt! Das BftFuRiZdfV sollte sich Ihre Mahnungen zu Herz und Lunge nehmen.

Herr Montgomery, früher im Nebenberuf Radiologe oder Radiomoderator, jedenfalls irgendetwas mit Radio, ist sehr glücklich, endlich mal wieder in "der Presse" vorgekommen zu sein. Denn bevor das fiese Virus zu seiner Tournee unter dem programmatischen Namen "No more fun - occupied world 2020" startete - als Vorband trat übrigens die Schweinegrippe auf -, wusste die Welt gar nicht, dass es einen "Weltärztepräsidenten" gibt. Nun ist Herr Montgomery als einer von denen berühmt geworden, die täglich mit ihrem Geblubber Verwirrung stiften. Nein, halt, das nehme ich zurück. Er leistet selbstverständlich einen wichtigen Beitrag zur Meinungsvielfalt. Nicht, dass ich wieder Leserbriefe erhalte, ich sei staatsgläubig, wenn nicht sogar Drosten-Fan. Journalisten sollten doch alles hinterfragen.

Journalist zu sein, ist nicht einfach dieser Tage und Wochen. Die freudige Erregung der Chefredakteurin von "Carola - das Magazin für das Waschweib", mit dem Montgomery-Interview in anderen Medien zitiert zu werden, währte nicht lange. Denn manch aufmerksame Frauenrechtlerin hat in den sozialen Medien umgehend auf den "frauenfeindlichen, revanchistischen Titel der Postille" verweisen, was die Chefredakteurin mit dem Hinweis kontert, 93 Prozent der Abonnenten seien Frauen. Die 7 Prozent Männer seien die Profi-Fußballer, die ab sofort "Wäsche und Schuhe selber waschen oder eigenständig in die Waschmaschine" legen müssten, damit sie ihrem Beruf nachgehen können. Harte Zeiten für Multimillionäre. Nur kein Neid!

Zukunft als Schmuckeremit

Wer's glaubt, wird selig. Nein, glauben Sie besser nichts, was in "der Presse" steht, schon gar nicht mir, dessen Geisteszustand in der sozialen Quarantäne schwer leidet. Ich weiß gar nicht mehr, ob das, was ich Tag für Tag erlebe und hier aufgeschrieben habe, wirklich so passiert ist, wie ich es erlebt habe. Und wenn ja, wie oft. Ich hoffe, Sie können und wollen mir noch folgen.

Ich erwäge denn auch, in der Zeit "nach Corona", wenn endlich alles besser wird und Greta Thunberg wieder auf der Matte steht, den Job aufzugeben und meinen Lebensunterhalt als Schmuckeremit zu bestreiten. Zerzaust und mit wilder Frisur, schweigen und nur freundlich in die Gegend glotzen - das würde zu mir, meiner Intelligenz, meinem Wesen und inzwischen auch meiner Bartlänge passen. Ich sehe mich schon in einer künstlichen Grotte, einem gotisch nachempfundenen Pavillon, einem hübschen Baumhaus oder Pantheon in einem schnuckeligen Schlosspark mein Werk verrichten. Nebenbei schreibe ich meine Autobiografie: "Vom Stadt- zum Schmuckeremiten". Nur abzuhängen und gegen gute Bezahlung nichts tun - das ist mein Traumberuf. Es wundert mich, nicht früher und erst durch das fiese Virus auf diese wundervolle Idee gekommen zu sein.

Es muss doch hierzulande einen Adligen mit viel Kohle geben, der Interesse hat, die englische Tradition des 18. Jahrhunderts neu zu beleben und mich zu engagieren. Das Stellengesuch ist schon im Stil eines Plagiats formuliert. "Ich bin bereit, sieben Jahre in der Eremitage zu bleiben, wo ich mit einer Bibel, einer Brille, einer Fußmatte, einem Strohsack als Kissen, einer Sanduhr als Zeitmesser, Wasser als Getränk und zum Händewaschen sowie Nahrung aus dem Haus versehen werden sollte. Ich werde ein wollenes Gewand tragen und unter gar keinen Umständen die Haare, den Bart und die Nägel schneiden, nicht jenseits der Parkgrenzen herumstreunen oder auch nur ein Wort mit dem Diener wechseln. Bezahlung nach Vereinbarung."

Wenn ich ehrlich bin: Viel ändern würde sich nicht an meinem momentanen Leben. Allein der Ortswechsel. Denn ich sehe aus wie ein Eremit. Und auf alles, was ich liebe, muss ich gerade sowieso verzichten: auf meine Familie, Konzerte und die Oper. Die fehlen mir total. Und wie und wann es weitergeht, weiß keine Sau, nicht mal Herr Montgomery, der weltbeste Weltärztepräsident der Welt. Ich möchte wieder in einem Konzertsaal sitzen und mich beschallen lassen. Geht mir los mit dem digitalen Gedudel im Internet und dem Getröte und Gesinge von den Balkonen. Die Sopranistin Simone Kermes, wie ich gebürtig in Leipzig, sprach mir aus der Seele, als sie öffentlich verkündete: "Ich mache keine peinlichen Hauskonzerte. Ich wünsche mir Normalität."

Musikalische und darstellerische Peinlichkeiten

Geradezu lächerlich ist das, was vor allem die städtischen Theater machen, um ihre Daseinsberechtigung digital zu beweisen, ohne sich vor Augen zu führen, dass Opernbesucher durchschnittlich 85 Jahre alt und also Leute sind, die wie meine Mutter noch immer nicht den Unterschied zwischen Internet und Videotext kennen. "Wir lassen uns nicht unterkriegen und kommen zu euch nach Hause." Bitte nicht! Was nett gemeint ist, entpuppt sich als Drohung. Das Netz ist voller musikalischer und darstellerischer Peinlichkeiten mit Abrufzahlen irgendwo zwischen 50 und 200. Ein Schauspieler rezitiert: "Ach, was muss man oft von bösen Viren hören oder lesen, wie zum Beispiel hier von diesen, welche Co und Rona hießen." Humor ist, wenn man trotzdem im Keller lacht. Eine Generalmusikdirektorin singt "So lonely night in Berlin" und ich denke: Wer so schräg trillert und trotzdem Generalmusikdirektorin wird, um den muss es einsam werden. Hier mein Rat: Nehmt ihr die Generalssterne und degradiert die Frau zur Unteroffiziersmusikdirektorin.

Angesichts der Darbietungen im Netz flehe ich die Wissenschaft an, das fiese Virus schnell zu besiegen und dem künstlerischen Elend ein Ende zu bereiten. Noch peinlicher ist nur das Verhalten der Politik. Kulturstaatsministerin Monika Grütters legt endlich "ein einmaliges Hilfsprogramm" von "bis zu 5,4 Millionen Euro" an "Soforthilfen" für freie Orchester und Ensembles auf. Das Geld ist nicht mal zusätzlich, sondern wird aus dem Topf "Exzellente Orchesterlandschaft Deutschland" entnommen - und auch nur für die, die der "Konzeption und Vorbereitung neuer Projekte oder für die Entwicklung anderer Formen der Vermittlung und Präsentation" huldigen. Sprich: Man muss dem Internet-Schwachsinn frönen, um Staatsknete zu bekommen. Als hinge an der Kulturlandschaft kein einziger Arbeitsplatz.

Baumärkten, Autohäusern und dem Profi-Fußball eröffnet die Politik Perspektiven, während die Kulturszene zittert und von Kulturbanausen empfohlen bekommt, Supermarktregale einzuräumen und Spargel zu stechen. "Alles eine Folge persönlicher Lebensentscheidungen, deren Konsequenzen man jetzt nicht mehr tragen will. Ergo: es wird nichts mehr gegeben!", heißt es in Leserkommentaren. "Wenn jemand das Hobby zum Beruf erklärt und davon nicht leben kann, dann ist es seine Entscheidung." Musiker, nehmt eure Posaunen, Trompeten, Zinke und Schalmeien und blast diesen Arschgeigen den Marsch.

In ihrer jüngsten Regierungserklärung verlor Generalpolitikdirektorin Angela Merkel kein einziges Wort über die Not der Kunstschaffenden. In ihrer Rede zum 20-jährigen Bestehen des Amtes, das Grütters innehat, sagte die Generalpolitikdirektorin am 29. Oktober 2018: "An der Literatur, am Film, am Theater, an der Musik oder Malerei, an der Kunst insgesamt wie auch an den Medien können wir ablesen, wie zukunftsfähig eine Nation ist." Na dann: Gute Nacht, deutsche Kulturnation!

Quelle: ntv.de