Leben

Aus der Schmoll-Ecke Thunberg und Maaßen endlich vereint

"Um glasklar zu sein: Ich bin nicht "gegen" Israel oder Palästina", schrieb Greta Thunberg, nachdem Kritik gegen sie laut wurde.

(Foto: AP)

Satire ist gut. Auch als Ausrede. Zack, und schon landen Greta Thunberg und Hans-Georg Maaßen in einem Topf mit der Aufschrift "Antisemitismus". Spüren Sie die feinsinnige Ironie? Nein. Gut so. Es ist vollkommen ernst gemeint. Oder auch nicht.

Anhängende der Schmoll-Ecke, wie Anhängerinnen und Anhänger neuerdings genannt werden müssen, damit sich der Traum von der besseren Welt endlich erfüllt und wir alle gleich und gleich zufrieden sind in unserem Wohlstandsidyll namens Bundesrepublik Deutschland, willkommen zu den neuesten Ergüssen aus dem Hirn meines ostzonalen Schädels. Ja, hier schreibt der Quoten-Ostzonale von ntv.de. Das war selbstverständlich Ironie. Trotzdem, sicher ist sicher, ich möchte nicht missverstanden werden, wollte niemanden beleidigen, auch nicht mich selbst, und distanziere mich deshalb wieder davon. Mindestens 1,50 Meter! Wir alle müssen uns distanzieren, obwohl die Gefahr besteht, dass wir uns dann noch weiter auseinanderleben, als es schon der Fall ist. Die Polarisierung nimmt bekanntlich zu. Ständig. Außer im Supermarkt. Dort ist Nähe gestattet. Aber der ist auch keine Kultureinrichtung.

Ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll, weil ich das Gefühl habe, dass meine Worte nicht dem gerecht werden können, was ich sagen möchte, zumal ich keine Ahnung habe, was es noch zu sagen gäbe in dieser Welt, wo das Unsagbare langsam sagbar wird und jeder Stuss, den Boris Palmer oder Hans-Georg Maaßen oder Greta Thunberg oder Karl Arsch oder dessen Bruder oder Schwester von sich geben, zu einer sogenannten News werden und eine Welle der Empörung auslösen, die so gewaltig ist, dass sie das ganze verdammte Internet mitzureißen droht, aber leider doch zu schwach ist, um es zu zerstören, was ein Segen für die Menschheit wäre.

Ich distanziere mich so gerne und so oft und so entschieden von allem bisher Gesagten und Geschriebenen, weil: Ich kann als mitfühlender Sehr-Gutmensch nicht aufhören, an all die Betroffenen auf der ganzen Welt zu denken, die, sobald sie das hier sowie all das Ge-Tweete und Re-Getweete von Palmer, Maaßen, Thunberg, Kalle Arsch oder dessen Bruder und Schwester gelesen haben, betroffen sind oder sich betroffen fühlen und somit das Meer der Betroffenen vergrößern und vor dem Ertrinken nur deshalb gerettet werden, weil viele Gerechte oder Ungerechte, Rechte oder Linke auf Twitter zueinanderfinden und sagen: Geht so nicht.

So nicht! Nicht mit dem! Jedenfalls nicht mit uns!

Spüren Sie die feinsinnige Ironie? Nein. Gut so. Es ist vollkommen ernst gemeint. Oder doch nicht? Ich lasse es hier offen, damit nicht das Schwert der Cancel Culture über mich niedergeht, die es selbstverständlich nicht gibt. Das war ironisch gemeint. Oder doch nicht? Ich will mich nicht mit Ironie rausreden, wie es der Palmer tut, sondern halte tapfer Kurs. Ich möchte nicht als Missverstandener gelten, weil ich den Thron der Missverstandenen König Boris dem Missverstandenen nicht streitig machen will. Denn mich können die Grünen nicht rauswerfen. Ich bin kein Mitglied in irgendeiner Partei und meide die a-sozialen Medien, weil dort eine behämmerte Aussage zu Ausschlüssen jedweder Art führen kann, damit das Volk das Signal hört: So nicht! Nicht mit dem! Jedenfalls nicht mit uns!

Dennis Aogo hat im "Spiegel" über Palmer gesagt: "Ironie in der Politik ist immer etwas schwierig. Inhaltlich habe ich nichts gegen seine Aktion, denn er richtet sich ja auch gegen die Cancel Culture. Nur die sprachliche Ebene finde ich problematisch. Wenn ich das im Kontext betrachte, kann ich die Ironie aber natürlich erkennen. Für mich ist das Thema damit durch." Endlich jemand mit Herz und Verstand, der nicht rausschmeißen will, sondern den Dialog. Einer, der erklärt, worum es eigentlich geht, wenn einer wie er "Quotenschwarzer" genannt wird: nicht um Palmersches Geschwätz und die geschwätzigen Reaktionen darauf, sondern darum, wie sich ein Mensch fühlt, wenn er glaubt, "ich hätte den Job nur, weil ich eine bestimmte Hautfarbe habe, und nicht, weil ich es kann. Das ist für mich im hohen Maße respektlos."

Sahra Wagenknecht hat recht. Die Reduktion auf Begrifflichkeiten und Sprachwindungen führt ins politische Nichts. Jeder Ausrutscher wird unbarmherzig angeprangert, selbst wenn man ihn nicht gesagt hat und öffentlich sein Bewusstsein darüber zum Ausdruck bringt, wie es Fußballtrainer Friedhelm Funkel erlebte, als er über schwarze Spieler eines Teams sagte: "Sie haben eine enorme Schnelligkeit durch ihre, äh, ja, den ein oder anderen Ausdruck darf man ja nicht mehr sagen." Minuten später machten sich Empörte für die Betroffenen stark und prangerten "Rassismus" an, statt Funkel dafür zu loben, dass er sich als alter weißer Mann um die geforderte sprachliche Sorgfalt bemühte, gegen die niemand was haben sollte - übrigens auch Wagenknecht nicht. Es geht um die Reduzierung allein darauf.

Aber Frauen- und BIPoC-Quoten sind okay?

Der NDR setzt bei einem "Tatort", der gerade gedreht wird, den "Inclusion Rider" ein, bei dem sich laut "Wikipedia" Schauspielerinnen und Schauspieler vertraglich zusichern lassen können, "dass in ihren Filmen Frauen und Minderheiten ausreichend repräsentiert werden". Der NDR erklärt dazu: "So sind 17 Prozent der an diesem 'Tatort' beteiligten Menschen BIPoC, also Black, Indigenous und People of Color. 65 Prozent der Headpositionen sind weiblich besetzt." Ich will nicht der Spielverderber sein: Aber wenn man mit derlei Prozentzahlen operiert, finde ich, darf man von einer Frauen- und einer BIPoC-Quote reden. Ist der NDR rassistisch und frauenfeindlich? Eine Frage, die man oder frau bei Twitter stellen müsste, falls Mann oder Frau Bock darauf hat, in der Kältekammer radikaler Sprachfetischisten und digitaler Aufpasser zu landen.

Hans-Georg Maaßen, das AfD-U-Boot in der CDU, twittert ebenfalls. Darunter die üblichen Untergangsfantasien alter weißer Männer. Neulich war er Gesprächsgegenstand einer therapeutischen Gruppensitzung bei Anne Will. Luisa Neubauer hat ihm clever eine mitgegeben nach dem Motto: erst die Antisemitismus-Keule schleudern, dann "betonen, dass ich nicht gesagt habe, dass Herr Maaßen ein Antisemit sei". Nein, olle Maaßen verbreite und "teile" auf Twitter antisemitischen Stuss - was schlimm genug ist. Maaßen hat auch schon die Fake-News eines Satire-Portals geteilt, dass Jan Böhmermann "auf dem ersten Platz der 'People With Money'-Liste über die zehn bestbezahlten Komiker 2021 mit einem geschätzten Verdienst von 96 Millionen Dollar" sei und daraus geschlussfolgert: "Wir brauchen diesen öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht!" Ich finde, das sagt eine Menge.

Auch Neubauers Anhängende twittern gerne die üblichen Untergangsfantasien junger weißer Leute wie "Hunderttausende zusätzlich Kranke & Tote durch die Klimakrise im Jahr". Scheißegal, dass China schon heute eine Million Uiguren in Lager steckt und verrotten lässt. Aber immerhin lässt Fridays for Future die Menschheit noch vor dem Ende der Welt wissen: "Antisemitismus ist nicht nur Problem der extremen Rechten, sondern in verschiedensten Teilen der Gesellschaft präsent. Umso wichtiger ist es, wieder und wieder klarzustellen: Gegen jeden Antisemitismus!"

Nicht ohne Grund. Denn auch Greta Thunberg, die Ikone der Freitagsbewegung, unterstützte aus ihrer bombenfreien Komfortzone heraus via Twitter die Israel-Verächterin Naomi Klein, die auf der Seite der islamistischen Terrororganisation Hamas steht. Aufschrei! Thunberg überführt! Wer hätte gedacht, dass Maaßen und Thunberg mal in einem Topf landen mit der Aufschrift "Antisemiten". Dann sind das also Maaßen und Thunberg, die gerade Israel-Flaggen abfackeln und Steine auf israelische Botschaften werfen und nicht etwa "Allahu Akbar" rufende Muslime, wie die Fernsehbilder der Demonstranten suggerieren? Egal, Hauptsache die NDR-"Tatort"-Frauen- und BIPoC-Quote wird ein voller Erfolg. Dann wird die Welt besser, bevor sie untergeht.

Quelle: ntv.de

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