Unterhaltung
Ein Mannheimer in Berlin: Bülent Ceylan.
Ein Mannheimer in Berlin: Bülent Ceylan.(Foto: Arne Weychardt / Bertelsmann Stiftung)
Mittwoch, 25. Mai 2011

"Darf ich Sie mal umarmen?": Bülent Ceylan in der Penne

von Volker Probst

Wie bekommt man es hin, dass Jugendliche ausnahmsweise mal freudig die Schulbank drücken? Und wie, dass sie sich dann auch noch allzu gerne mit einem sperrigen Thema wie Integration befassen? Ganz einfach: Man schickt einen bekannten Comedian wie Bülent Ceylan bei ihnen vorbei.

"Haben Sie Ihre Haare geschnitten?", ist das erste, was ein Schüler mit leichtem Entsetzen in der Stimme wissen will, als Bülent Ceylan die Bibliothek der Friedensburg-Oberschule in Berlin betritt. Nein, hat er nicht, sondern die Haare nur wie häufig zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. "Darf ich Sie mal umarmen?", lautet die zweite Frage, mit der sich der Comedian konfrontiert sieht, diesmal von einer Schülerin. Ja, sie darf natürlich. Und nicht nur für sie, sondern für die gesamte 10. Klasse der Schule scheint gerade so etwas wie bestandenes Abitur und Sommerferien zugleich zu sein.

Der Besuch Ceylans am vergangenen Montag, der spätestens seit dem Start seiner eigenen TV-Show bei RTL im Februar zu den bekanntesten Aushängeschildern der deutschen Comedy-Szene zählt, war der Hauptpreis - "Jackpot", um es mit "Superstar" Pietro Lombardi zu sagen. Gewonnen hatten ihn die Schüler beim  Integrations-Wettbewerb "Alle Kids sind VIPs" der Bertelsmann Stiftung mit ihrem Projekt "Unsere Geschichte. Migration in Deutschland - Eine historisch-interkulturelle Spurensuche", für das sie unter anderem mehrere Interviews mit Migranten geführt hatten. Dabei stammen die Eltern der Jugendlichen aus der Berliner Sieger-Klasse selbst aus sage und schreibe 18 verschiedenen Nationen.

Platte Nasen

Kaum ein anderer Promi wäre bei diesem Wettbewerb wohl ein besserer"Preis" gewesen als Bülent Ceylan. Denn auch wenn er ein echter "Mannheimer Bub" ist, so hat der 35-Jährige doch selbst einen Migrationshintergrund - seine Mutter ist deutscher, sein Vater türkischer Abstammung. Nicht zuletzt sein gelungen humorvoller Umgang mit den Klischees und Vorurteilen der beiden unterschiedlichen Kulturkreise begründet seinen Erfolg als Comedian.

"Jackpot" - Ceylan mit Schülern der Friedensburg-Oberschule.
"Jackpot" - Ceylan mit Schülern der Friedensburg-Oberschule.(Foto: Arne Weychardt / Bertelsmann Stiftung)

Wären Fenster und Türen nicht fest verschlossen gewesen - die Bibliothek der Friedensburg-Oberschule wäre womöglich gestürmt worden. Jedenfalls drücken sich zahlreiche Schüler, die leider nicht zu der Gewinner-Klasse gehören, von außen beinahe ihre Nasen an den Scheiben platt, während sich Ceylan drinnen den Fragen der Preisträger stellt. Und auch wir hätten da doch mal ein paar Fragen an ihn:

n-tv.de: Die Schüler hier sind ja angesichts Ihres Besuchs ganz aus dem Häuschen. Über wessen Besuch hätten Sie sich in Ihrer Schulzeit auch so gefreut?

Bülent Ceylan: Wenn der Schweizer Kabarettist Emil Steinberger an meine Schule gekommen wäre, wäre das für mich genial gewesen. Den fand ich immer supergut.

n-tv.de: Mit Ihrem Abstecher hierher zeigen Sie ja soziales Engagement. Wie wichtig ist Ihnen das?

Bülent Ceylan: Sehr wichtig. Als jemand, der in der Öffentlichkeit steht, habe ich eine gewisse Verantwortung. Als ich noch nicht so bekannt war, habe ich immer gesagt: Wenn ich mal bekannt werden sollte, will ich den Namen auch für andere nutzen können. Aber ich versuche, mir nur ein paar Projekte auszusuchen, für die ich dann auch wirklich die Zeit habe. Es bringt ja nichts, wenn man sagt: Ja, ich bin Pate überall - aber eigentlich sieht man mich nirgendwo.

n-tv.de: Konkret geht es bei dieser Kampagne um das Thema Integration. Hatten Sie als Kind Schwierigkeiten damit?

Bülent Ceylan: Relativ wenig. Ich sage mal: Ich hatte Glück. Ich sprach ja sehr gut Deutsch und noch dazu Dialekt - das ist wichtig, wenn man in Mannheim wohnt. Ich hatte in der Schule eher aus anderen Gründe Probleme: Ich war nicht "cool" - ich habe nie geraucht, habe keine Jeans angezogen, hatte keine "Nike"-Schuhe und so weiter. Ich glaube, deshalb habe ich mich schwer in die Klasse integriert und weniger, weil ich türkischer Abstammung war.

n-tv.de: Gerade in jüngster Zeit ist die Debatte um Integration in Deutschland sehr intensiv und teils auch aggressiv geführt worden. Stichwort: Thilo Sarrazin. Was sagen Sie dazu?

Bülent Ceylan: Ich fand das alles sehr, sehr pauschal. Sarrazin hat etwas provoziert, womit er sehr viel Geld verdient hat. Er sieht für mich viel zu sehr Schwarz-Weiß bei Dingen, die man so nicht sehen und nicht über einen Kamm scheren kann. Ich sage immer: Das, was Sarrazin da verbockt hat, muss ich jetzt auf der Bühne wiedergutmachen. Und: Wenn er wüsste, wie ich integriert bin, müsste er selbst das Land verlassen.

n-tv.de: Sie gehen als Comedian ja umgekehrt an die Problematik heran - mit Humor. Warum ist das der richtige Weg?

Bülent Ceylan: Mit Humor kann man viele Sachen brechen, das Eis brechen und Kontakt schaffen. Wenn im Publikum ein Deutscher, ein Türke, ein Chinese und ein Afrikaner nebeneinander sitzen und miteinander lachen, bricht das unglaublich viel. Das ist das A und O.

"Ja, ich glaube an Gott"

Bei seinem Besuch bei den Schülern allerdings lässt Ceylan den Comedian zunächst ausnahmsweise mal vor der Tür. "Ich mach' jetzt keine Stand-Up-Comedy, das ist nicht der richtige Rahmen", erklärt er denen, die auf diesen typischen Schul-Holzstühlen um ihn herum sitzen. Trotzdem wollen natürlich viele von ihm erst einmal etwas über sein Bühnen-Alter-Ego wissen: Wie er darauf kam, Komiker zu werden, wie seine Charaktere entstehen, und ob er auch schon mal bei anderen Comedians Ideen klaut. Ceylan gibt bereitwillig Auskunft, erzählt, dass er sein Talent schon mit neun Jahren entdeckt hat, viel an seinen Figuren auf realen Beobachtungen basiert und er - natürlich - nicht bei anderen abkupfert.

Diskutiert wurde über ernste und weniger ernste Themen.
Diskutiert wurde über ernste und weniger ernste Themen.(Foto: Arne Weychardt / Bertelsmann Stiftung)

Schnell geht es in dem Gespräch jedoch auch um ernstere Themen. Wie wir will ein Schüler zum Beispiel wissen, ob er als Kind wegen seines Migrationshintergrunds Probleme in der Schule hatte. Ein anderer fragt ihn, ob er denn religiös sei. "Ja, ich glaube an Gott - oder Allah", sagt Ceylan. Das Schöne sei, dass ihm seine Eltern die Wahl zwischen den Religionen gelassen hätten und er sich bis heute nicht habe entscheiden müssen. Stattdessen versuche er, sowohl nach den moslemischen als auch den christlichen Geboten zu leben.

Botschaft der Toleranz

Doch nicht nur der Einsatz des Comedians ist an diesem Montagmorgen gefragt, sondern auch der der Schüler. Sie präsentieren Ceylan einen Sketch, den sie selbst einstudiert haben und der die Probleme eines türkischen Jungen in der Schule thematisiert. Der Ehrengast aus Mannheim sieht sich das schmunzelnd an, gibt Zwischenapplaus und erklärt - nun doch wieder ganz der Comedian - den Schülern im Nachhinein, wie sie ihrer Darbietung am Ende noch eine positivere und humoristische Wendung hätten geben können. "Und was kriegen wir jetzt dafür?", fragt einer der Pennäler scherzhaft. Na, sie bekämen doch Tickets für seine Berliner Show im Dezember, kontert Ceylan. Zudem schreibt er zum Schluss seines Besuchs natürlich fleißig Autogramme.

Die Sieger und ihr "Preis" - im September geht der Integrations-Wettbewerb in eine neue Runde.
Die Sieger und ihr "Preis" - im September geht der Integrations-Wettbewerb in eine neue Runde.(Foto: Arne Weychardt / Bertelsmann Stiftung)

Das Wichtigste, was die Schüler an diesem Morgen jedoch mitnehmen können, sind die Ratschläge des 35-Jährigen. Das klinge zwar immer so pathetisch, "aber ihr seid echt die Zukunft", schärft er ihnen ein. Wenn man dauerhaft in einem Land lebe, gebe es nichts Entscheidenderes, als die dortige Sprache zu lernen, macht er den Jugendlichen klar, plädiert zugleich allerdings auch für Toleranz: "Macht euer Ding", sagt Ceylan, "aber akzeptiert das auch bei anderen" - etwa wenn ein Mädchen ein Kopftuch trägt.

Wenn auch nur diese einfachen Botschaften bei den Schülern dauerhaft angekommen sind, dann hätte sich Ceylans Besuch schon gelohnt. Und vielleicht ist sein Abstecher nach Berlin ja auch Ansporn für andere Klassen, es der Friedensburg-Oberschule gleich zu tun. Im September geht der Integrations-Wettbewerb der Bertelsmann Stiftung in eine neue Runde. Möglicherweise winkt den Gewinnern dann ein Besuch der Rapper Culcha Candela oder des Fußballstars Mario Gomez, die die Initiative ebenfalls unterstützen.

Quelle: n-tv.de