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Spieler, Trainer, Kultfigur Das "Lebbe" des Dragoslav Stepanovic

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Der Zampano vom Main: Auch ein Spitzname, den Dragoslav Stepanovic verpasst bekam.

"Fußball 2000", "bunter Hund", serbisch-hessisches Kauderwelsch - Attribute, die eine der interessantesten und schillerndsten Figuren der 1990er Jahre der Fußball-Bundesliga beschreiben: "Stepi". Aus dem Kulttrainer der Frankfurter Eintracht ist längst eine deutschlandweit berühmte Kultfigur geworden. Aber wie kam es dazu und wer ist eigentlich der Mensch dahinter?

16. Mai 1992. Rostock, Ostseestadion. Eintracht Frankfurt will als Tabellenführer mit einem Sieg gegen Hansa Rostock die erste deutsche Meisterschaft seit 1959 perfekt machen. Anthony Yeboah, Uwe Bein, Andreas Möller zelebrieren den "Fußball 2000" - Offensivfußball wie aus einem anderen Jahrtausend. Am Saisonende haben die "Adler" aus der Mainmetropole 76 Tore geschossen, die meisten in der Liga - aber nicht genug. Die Rostocker Führung durch Jens Dowe gleicht Axel Kruse postwendend aus. Dann zieht Hansas Stefan Böger Ralf Weber von hinten die Beine weg. Im Strafraum. "Elfmeter!" schreit es aus Tausenden Eintracht-Fankehlen. Aber Schiedsrichter Alfons Berg aus Konz gibt ihn nicht. Im darauffolgenden Angriffssturm der Frankfurter kontert Hansa zum 2:1 durch Böger. Eintracht Frankfurt hat sein "Trauma von Rostock" und nicht die Meisterschaft.

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Dieser Schicksalstag für jeden Eintracht-Fan macht auch Dragoslav Stepanovic berühmt. Der Serbe mit dem markanten Schnauzer und dem Zigarillo im Mund ist der Trainer der Eintracht. Einst selbst Spieler bei den Frankfurtern und ein beinharter Verteidiger. "Herr Stepanovic, die Eintracht ist nicht Meister geworden. Was sagen Sie dazu? Ist das eine Katastrophe für Sie und die Mannschaft? Wie fühlen Sie sich?", fragt der Pressesprecher von Hansa Rostock in der Pressekonferenz nach dem Spiel. Stepanovics Antwort lautet: "Lebbe geht weider."

Belgrader Träume

Dieser Satz verfehlt auch mehr als 20 Jahre später noch immer nicht seine Wirkung. Es ist der Satz, der Dragoslav "Stepi" Stepanovic berühmt gemacht hat und der nun als Titel auf seiner Biografie prangt. Drei Worte, die Stepis Leben nicht besser beschreiben können.

Stepi wird am 30. August 1948 in Rekovac nahe Belgrad geboren. Da seine Eltern beide arbeiten, verbringt der Junge die meiste Zeit seiner Kindheit in den Hinterhöfen und auf den Straßen der damaligen jugoslawischen Hauptstadt: Er spielt mit seinen Freunden Fußball. In einen Verein darf er nicht, sein Vater will, dass später einmal etwas Ordentliches, vielleicht ein Arzt, aus seinem Jungen wird. Wenn er ihn mit dem Fußball erwischt, setzt es Schläge mit dem Gürtel. Also versucht Stepi, so gut es geht, seine Leidenschaft und Liebe geheim zu halten.

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"Lebbe geht weider" ist im Verlag Die Werkstatt erschienen.

(Foto: Verlag Die Werkstatt)

Aber er träumt davon, einmal im Stadion von Roter Stern zu spielen, als Profi. Diese riesige Betonschüssel, wo auch die jugoslawische Nationalmannschaft ihre Spiele austrägt. Dass er Fan des Erzfeindes Partizan Belgrad ist, stört dabei nicht. Obwohl meist nur in den Hinterhöfen kickend, bleibt sein sportliches Talent nicht verborgen: Stepi ist ein hervorragender Leichtathlet und spielt in der Belgrader Stadtauswahl Handball.

Als ihn ein Mann auf dem Schulweg anspricht, der noch Spieler für eine Jugendauswahl sucht, landet Stepi schließlich bei Mladi Proleter. Er weiht nur seinen Opa in dieses Geheimnis ein. Kurz darauf trägt er bereits das Trikot von OFK Belgrad, dem dritten großen Verein der Stadt. Beim Probetraining von Partizan war er durchgefallen. Aus der OFK-Jugendabteilung geht es 1966 zu den Profis. 250.000 Dinar (rund 200 Euro) sind sein erstes Gehalt. Bis 1973 spielt Stepi für OFK, wird 1971 und 1973 Jugoslawiens Fußballer des Jahres. Damals bereits an seiner Seite: Seine Ehefrau Jelena, die er 1969 geheiratet hat, und seine beiden Kinder Vladimir und Ivana.

Der Traum vom Spiel im Stadion Roter Stern, in Anlehnung an das brasilianische Maracana auch Marakana genannt (damaliges Fassungsvermögen 100.000 Zuschauer), erfüllt sich: Von 1973 bis 1976 trägt Stepi das rot-weiße Trikot mit dem markanten Stern. Glücklich wird er damit allerdings nicht, immer wieder werfen ihn schwere Verletzungen zurück, unter anderem wird sein Knie operiert. Er verpasst die WM in Deutschland. Ein herber Rückschlag für den ehrgeizigen Linksverteidiger, der bereits Jahre zuvor im Abschiedsspiel von Superstar Pele geglänzt hat. Brasiliens Nationalelf spielte gegen die "Balkan-Brasilianer", wie die Elf Jugoslawiens wegen ihres Könnens am Ball damals genannt wird.

Eine Liebe namens Eintracht

Mit 28 ruft Stepi dann der Westen. In diesem Alter ist es jugoslawischen Fußballprofis gestattet, ins Ausland zu wechseln. In Frankfurt sucht man einen Linksverteidiger und findet ihn in Stepi. Er fliegt an den Main und seine Familie folgt im Frühjahr 1977 nach. Ein Haus in Bergen-Enkheim wird das neue Zuhause der Familie Stepanovic - und ist es bis heute. Stepi spielt mit den Weltmeistern Bernd Hölzenbein und Jürgen Grabowski in einem Team. Bei den Fans kommt Stepis lockere Art nach außen und der unbedingte Siegeswille auf dem Platz gut an, er wird zum Publikumsliebling und für eine Autogrammkarte mit seinem Konterfei müssen damals fünf "Grabis" auf den Tisch gelegt werden.

Stepi ist aus seiner Zeit in Belgrad das taktische System der Raumdeckung gewöhnt. In Deutschland spielt man aber noch immer meist Manndeckung. Das ändert sich zumindest bei Eintracht Frankfurt 1977/78, als der Ungar Gyula Lorant Trainer wird. Er arbeitet erfolgreich, Stepi wird Stammspieler und die Eintracht spielt um den Titel mit - bis zum 4:0-Heimsieg gegen Bayern München. Danach gibt es eine bis heute einmalige Trainer-Rochade: Lorant und sein Co Pal Csernai gehen nach München und der dortige Trainer Dettmar Cramer kommt an den Main. Bleibt aber nicht lange, denn am Saisonende steht ein enttäuschender 7. Platz. Cramers Nachfolger Otto Knefler lässt in der Folgesaison wieder Manndeckung spielen - und Stepi ist raus aus dem Team.

Einmal Worms und zurück

Er wechselt in die 2. Liga zu Wormatia Worms. Sportlich zwar ein Abstieg, spielt Stepi aber und kann für das Team aus der kurpfälzischen Provinz seinen Erfahrungsschatz in die Waagschale werfen. Worms wird Herbstmeister, danach folgt der Absturz. Der Mäzen des Vereins hat sich verspekuliert, die Gehälter werden nicht mehr gezahlt. Stepi bleibt noch bis April, dann ereilt ihn der Ruf von der Insel, aus dem Mutterland des Fußballs: Manchester City sucht einen Libero.

Stepi erhört ihn und zieht mit seiner Familie nach England. Er wird zwar der erste ausländische Kapitän der "Citizens", die spielen allerdings eine miserable Saison und werden 1979/80 nur 17. Von 22 Teams. Die neue Saison startet katastrophal: vier Remis, vier Niederlagen. Der Trainer wechselt und John Bond mistet den Kader aus. Einer der Leidtragenden neben der ManCity-Legende Colin Bell ist Stepi. Er kehrt 1981 nach Deutschland zurück, nach Worms. Es wird Stepis letzte Spielerstation, die Schmerzen in seinem Knie beenden seine Karriere als Profifußballer und starten gleichzeitig eine neue als Trainer.

Trainer? Kultfigur!

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Peter Moschinski, einer der Autoren von "Lebbe geht weider".

Über die Stationen Progres Frankfurt, FSV Frankfurt, Rot-Weiß Frankfurt und Eintracht Trier kehrt er 1991 zurück zur Frankfurter Eintracht, zu dem Verein seines Herzens, zu seiner großen Liebe, der einzigen neben seiner Frau Jelena und seiner Familie. Es wird nicht Stepis letzte Trainerstation sein, auch nicht seine erfolgreichste, aber in Frankfurt wird man ihn immer mit der Fast-Meisterschaft von 1992 in Verbindung bringen und seiner gelassenen Reaktion auf der Pressekonferenz in Rostock: "Lebbe geht weider."

Der Titel der Biografie über ihn hätte daher treffender nicht ausfallen können. Sie schildert das Leben des mittlerweile 65-Jährigen von den fußballerischen Anfängen in den 1960ern bis hin zu seiner bisher letzten Trainerstation FK Laktasi in Bosnien 2010. Sie zeigt auch, welcher Mensch hinter dem Spitznamen Stepi steckt.

Das Buch beleuchtet auch sein Familienleben, lässt alte Weggefährten wie Bernd Hölzenbein, Uwe Bein, Uli Stein oder auch Jürgen Klopp zu Wort kommen. Klopp hat Stepi einst zu Rot-Weiß Frankfurt geholt. Der heutige erfolgreiche Trainer von Borussia Dortmund ist aber nicht Stepis einzige Entdeckung gewesen.

"Lebbe geht weider" von Peter Moschinsky und Martin Thein, erschienen im Verlag Die Werkstatt, ist als Hommage an eine der schillerndsten Persönlichkeiten der 1990er Jahre in der Bundesliga zu sehen. Es zeichnet seinen Weg aus ärmlichen Verhältnissen in Belgrad zu einem der besten Spieler seiner Zeit nach. Es ist ein steiniger Weg, aber einer, der zeigt, dass man es mit Talent, Disziplin und harter Arbeit nach ganz oben schaffen und dennoch Mensch bleiben kann. "Lebbe geht weider": ein Kultbuch über eine Kultfigur der Fußball-Bundesliga!

Zum Interview mit Dragoslav Stepanovic

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Quelle: n-tv.de

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