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Der Wandelbare von Hollywood Johnny Depp macht alles anders

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(Foto: dpa)

Fernsehen, Kino, Superstar - die Karriere von Johnny Depp verläuft steil, aber nie gradlinig. Dabei macht ihn gerade seine untypische Rollenauswahl zu einem der Stars seiner Generation. Nun wird der Pirat mit dem Kajalstift 50 Jahre alt, und es stellt sich die Frage: Wohin kann es für ihn überhaupt noch gehen?

Schubladen dürften ihm ein Gräuel sein. Von Drama und Western über Romanze, Fantasy und Mystery bis zu Gangsterfilm und Piratenabenteuer hat Johnny Depp so ziemlich jedes Genre bedient, das Hollywood zu bieten hat. Es sind nicht immer großartige Streifen, oft keine Meisterwerke, doch meist drückt der Schauspieler, der heute 50 Jahre alt wird, ihnen einen Stempel auf, der den Zuschauern im Gedächtnis bleibt.

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Portrait als junger Mann: Depp 1995.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Das liegt nicht zuletzt an den Kostümen, in die Depp immer wieder schlüpft. Schon in seinem ersten großen Kinoerfolg "Edward mit den Scherenhänden" (1990) verschwand der Schauspieler hinter der Maske des künstlichen Menschen, dessen Scherenhände für Vorurteile und Entsetzen sorgen. Der Film ist auf vielfache Art ein Prototyp für Depps Karriere. Einerseits ist Edward in seiner Einsamkeit und Verletzlichkeit ein sensibler Held, was Depp zum Frauenschwarm machte.

Andererseits war es auch die erste Zusammenarbeit mit dem für seine fantastischen und morbiden Stoffe bekannten Regisseur Tim Burton, für den Depp seitdem achtmal vor der Kamera stand. Die Rolle des Edward zeigte bereits Depps Vorliebe für Außenseiter, für bizarre und groteske Figuren, die von der Gesellschaft geächtet werden. Das konnte man in gewisser Weise bereits nach seinen ersten winzigen Filmauftritten Mitte der 80er Jahre voraussehen. In Horrorfilmen wie "A Nightmare on Elm Street" von Wes Craven spielte Depp meist das Opfer.

Durchbruch im Fernsehen

Bekannt wurde der in Owensboro in Kentucky geborene Depp aber nicht durchs Kino (sieht man von einer Rolle in Oliver Stones "Platoon" ab), sondern durch eine Hauptrolle im Fernsehen. In "21 Jump Street" - in Deutschland mit dem vielsagenden Untertitel "Tatort Klassenzimmer" ausgestrahlt - spielte Depp einen jungen Undercover-Polizisten, der sich mit straffälligen Jugendlichen auseinandersetzen muss. Es entbehrt dabei nicht einer gewissen Ironie, dass Depp, der wegen schwieriger Familienverhältnisse schon früh mit Drogen in Berührung kam und die Highschool abbrach, einer Polizeiserie seinen Durchbruch verdankt, die sich um eben jene Härtefälle dreht. Die Reihe lief fünf Jahre und war ein voller Erfolg, zumindest beim Zielpublikum.

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Heutzutage gibt sich Depp dagegen etwas extravaganter.

(Foto: dpa)

Depp jedoch hatte bereits nach vier Jahren genug von seiner Rolle, mit der ihm die Produzenten das Image eines Tennieschwarms überstülpten. Stattdessen wandte er sich dem Kino zu und erhielt in "Cry-Baby" nicht nur seine erste Hauptrolle, sondern konnte in der Musical-Parodie auch ungeniert seine Liebe zur Musik ausleben. Es folgten Hauptrollen in kleinen, aber ambitionierten Filmen. Nach "Edward mit den Scherenhänden" spielte er auch in "Arizona Dream", "Benny & Joon" und "Gilbert Grape" (alle 1993) sowie in "Don Juan DeMarco" (1995) verträumte Außenseiter, die mit der Realität über Kreuz liegen. Allerdings verstärkten die romantisch veranlagten Charaktere auch sein Image als Beau, dem die Frauen zu Füßen liegen. Depp wurde zum Vorreiter eines neuen Typs Mann, der in gewisser Weise die Actionikonen der 80er Jahre - Schwarzenegger, Stallone, Willis - ablöste.

Er unterstrich damit aber auch seine Vorliebe für das Independent-Kino und europäische Regisseure wie Emir Kusturica und Lasse Hallström, die abseits des Hollywood-Mainstreams filmen. Dazu passte auch, dass Depp nach einer Kurzehe und Beziehungen zu Winona Ryder und Kate Moss zusammen mit seiner Langzeit-Freundin Vanessa Paradis nach Frankreich zog. Auch wenn sich das Paar 2012 trennte - Depp bleibt Frankreich verbunden. Dort spielt er nicht nur immer wieder in Filmen mit, sondern besitzt auch ein Weingut.

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Depp gibt's bereits zweimal als Legofigur - er muss also ein Star sein.

(Foto: obs)

Doch auch wenn Depp mit Filmauswahl und Lebensstil seine Außenseiterrolle perfektionierte - er lief erneut Gefahr, in eine Schublade gesteckt zu werden. So wählte er fortan seine Rollen noch radikaler aus. Für "Ed Wood" arbeitete er nicht nur erneut mit Tim Burton zusammen, er verkörperte auch gleich den schlechtesten Regisseur der Filmgeschichte, inklusive Angorapullover und Damenunterwäsche. Der Spätwestern "Dead Man" schließlich bescherte ihm und Regisseur Jim Jarmusch einen Arthouse-Hit. Voller Lakonie und schwarzem Humor, unterlegt mit der verzerrten Musik von Neil Young, verhalf der Film dem Independent-Kino zu neuen Höhen (woran natürlich andere Regisseure wie Quentin Tarantino auch nicht ganz unschuldig waren).

Ein Blockbuster als Betriebsunfall

Erstaunlich, dass Depp diesen Weg nicht konsequent fortsetzte. Aber vielleicht waren ihm diese Rollen auf Dauer auch zu ernst, zu wenig abwechslungsreich. Bei Depp muss schließlich immer eine Prise Humor dabei sein, etwas Abgedrehtes und Außergewöhnliches. In den folgenden Jahren überzeugte er dann zwar in Filmen wie dem Echtzeit-Thriller "Gegen die Zeit", im Mafiadrama "Donnie Brasco" an der Seite von Al Pacino oder in dem verfilmten Drogentrip "Fear and Loathing in Las Vegas" nach dem Roman von Depps Kumpel Hunter S. Thompson. Doch gleichzeitig trat er auch in schwachen Filmen wie "Die neun Pforten" von Regisseur Roman Polanski oder "The Astronaut's Wife" auf. Sein Regiedebüt "The Brave", bisher sein einziger Langfilm, wurde ebenfalls eher mit gemischten Gefühlen aufgenommen.

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Alle sind auf "The Lone Ranger" gespannt - der Film schürt hohe Erwartungen.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Erst zum Jahrtausendwechsel fand Depp wieder seine Linie. Mit düsteren Filmen wie "Sleepy Hollow" und "From Hell", mit dem Drogendrama "Blow", aber auch mit der Romanze "Chocolat" etablierte er sich erneut als Darsteller morbider, mysteriöser Außenseiter und gebrochener Charaktere.

Dass er dann mit "Fluch der Karibik" seinen größten Hit landen würde, scheint da eher wie ein Betriebsunfall. Berechnung dürfte es jedenfalls nicht gewesen sein, die Depp dazu trieb, sich ausgerechnet für Disney in Piratenkluft zu werfen und den Kajalstift anzusetzen. Vielmehr war es wohl die von den Produzenten gewährte Freiheit, die Figur nach Lust und Laune zu gestalten - und sei es nach dem Vorbild von Keith Richards. Da zögerte Depp nicht lange. Ungehemmt lebt er da seine Lust an der Verkleidung aus, die Mischung aus Abenteuer, Punkattitüde und Extravaganz. Der Erfolg gab ihm Recht - Jack Sparrow gehört heute bereits zu den originellsten Filmfiguren der Geschichte. Selbst wenn sich die Reihe mittlerweile totgesegelt hat.

Zwei Lieblingsregisseure

Seitdem wechselt Depp permanent zwischen Blockbusterkino, ambitionierten, kleinen Filmen und Tim-Burton-Rollen wie in "Charlie und die Schokoladenfabrik", "Alice im Wunderland" und zuletzt "Dark Shadows". Er leiht Dokumentationen seine Stimme, spricht Trickfilmrollen wie in "Corps Bride" von Tim Burton und "Rango" von "Fluch der Karibik"-Regisseur Gore Verbinski. Und ja: Johnny Depp hat mit "Sweeney Todd" sogar ein Muscial gedreht. Aber wohl auch nur, weil es von Wegbegleiter Tim Burton stammt. Ausflüge ins unpiratige Mainstreamkino wie "Public Enemy" sind dabei ebenso selten wie totale Fehlgriffe wie "The Tourist". Das Selbstbewusstsein ist dabei jedenfalls so gewachsen, dass er 2012 sogar in der nachgeschobenen Kinoversion von "21 Jump Street" auftrat.

Damit schloss sich im vergangenen Jahr in gewisser Weise ein Kreis. Nun warten alle auf Depps neuen Film. In dem Western "The Lone Ranger" steht er erneut für Gore Verbinski vor der Kamera, der sich neben Burton zum zweiten Stammregisseur entwickelt. Die Vorschusslorbeeren sind jetzt schon so groß, dass der Film unter enormen Druck steht, die Erwartungen auch zu erfüllen. Zudem erinnern erste Filmbilder von Depps Indianer-Kostüm durchaus an seine Darstellung von Jack Sparrow.

Depp läuft damit Gefahr, erneut in eine Schublade gesteckt zu werden. Für ihn dürfte es nichts Schlimmeres geben. Es sollte deshalb niemanden überraschen, wenn er wieder einmal eine Kehrtwende macht. Wenn er eine Kinopause einlegt und etwas ganz anderes macht. Oder wenn er sich in einer Rolle vollkommen neu erfindet. Als morbider Außenseiter? Als gebrochener Charakter? Als romantischer Liebhaber? Egal, Hauptsache, der Humor bleibt nicht auf der Strecke.

Quelle: ntv.de