Rosamunde PilcherDie Frau für gewisse Stunden

Die einen schauen jeden Sonntag "Tatort", andere schalten lieber zu Rosamunde Pilcher. Der Name steht für seichte Romanzen in idyllischer Landschaft, fernab der Realität. Mehr als 100 Filme folgen diesem Muster. Die Autorin der Vorlagen wird nun 90.
Junge trifft Mädchen. Es gibt Schwierigkeiten. Und am Ende kriegen sie sich. Dieses Strickmuster für Bücher und Filme ist ebenso schlicht wie erfolgreich - und kaum jemand beherrscht es wie Rosamunde Pilcher. In Dutzenden Romanen und Erzählungen hat sie diese Geschichte immer wieder neu erzählt. Die Britin wurde damit zu einer der erfolgreichsten Schriftstellerinnen ihrer Zeit, verkauft bis heute Millionen Bücher, obwohl sie das Feuilleton nie vom Hocker riss. Nun wird die Meisterin der Schicksalsschläge und des vorhersehbaren Happy Ends 90 Jahre alt.
"Wie, Pilcher ist keine Deutsche?", fragen vor allem jüngere Bundesbürger erstaunt, wenn sie erfahren, dass die Autorin in England aufwuchs und in Schottland lebt. Denn in keinem anderen Land ist Pilcher so bekannt wie in Deutschland. Zu verdanken hat sie das wohl dem Fernsehen - mit mehr als 100 auf Pilcher-Geschichten basierenden, herzerwärmenden 90-Minuten-Filmen, die zu einem der erfolgreichsten Formate des deutschen Fernsehens geworden sind.
"Ich bin mit ihr gut befreundet", sagt Heidi Ulmke, die für das ZDF die "Pilchers" in deutscher Sprache produziert. Die Autorin selbst spricht die Sprache allerdings kaum. "Früher hat sie sich die Filme übersetzen lassen. Sie weiß, dass sie sehr erfolgreich ist, und sie steht absolut zu dem, was wir aus ihrem Werk gemacht haben."
Zum Kriegsdienst gemeldet
Die nun 90-Jährige, die seit dem Jahr 2000 keine Bücher mehr veröffentlicht, sei durch ihre Enkel immer auf dem Laufenden, erzählt Ulmke. "Ich sage immer, sie ist im Kopf jung und an Erfahrung reich." Pilcher selbst gibt kaum noch Interviews, und das versteht Ulmke: "Sie wird eben immer dasselbe gefragt: Warum sind die Filme so erfolgreich in Deutschland. Was soll sie darauf sagen?"
Wie viele der fünf bis sieben Millionen, die sich die Komödien oder Dramen zur besten Sendezeit anschauen, haben wohl auch das Buch "Die Muschelsucher" im Regal? Die Familiensaga von 1987 beschert Pilcher den Durchbruch, als sie schon fast im Rentenalter ist. Mit dem Schreiben beginnt sie als 15-Jährige, mit 18 die erste Kurzgeschichte veröffentlicht.
Nach dem Schulabschluss meldet sich das Mädchen aus Lelant in der südenglischen Grafschaft Cornwall 1942 zum Kriegsdienst und arbeitet kurze Zeit im britischen Außenministerium, dann in Indien. Zurück in der Heimat lernt sie Graham Pilcher kennen, 1946 heiratet das Paar und zieht ins schottische Dundee, wo Grahams Familie ein Textilunternehmen hat. Die Schriftstellerin lebt dort bis heute, seit 2009 ist sie verwitwet.
Rosamunde Pilcher bekommt vier Kinder. Ihre Kurzgeschichten entstehen deshalb am Küchentisch und erscheinen in Frauenzeitschriften. Über ihre Arbeit habe die Mutter zu Hause nie gesprochen, erinnert sich die älteste Tochter, Fiona Wynn-Williams. "Wir waren oft picknicken in den Bergen und am Strand", erzählt die 66-Jährige.
Viele deutsche Touristen
Pilcher habe ihre Kinder ermutigt, immer das zu tun, was sie wollten. Zum Schreiben aber habe sie sie nie überreden wollen. Einer tut es trotzdem: Robin Pilcher ist selbst Schriftsteller. Weil der 64-Jährige so oft nach seiner Mutter gefragt wird, will er diesmal aber lieber die Schwester sprechen lassen.
Der Erfolg beschert Pilchers Familie ein Millionenvermögen und macht ihre eher strukturschwache Heimat Cornwall zum begehrten Reiseziel, vor allem für Deutsche. Fast die Hälfte der ausländischen Touristen dort kommt aus der Bundesrepublik. In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Zahl der deutschen Besucher verdoppelt, rund 130.000 kommen pro Jahr über den Ärmelkanal.
"Wir haben diese Popularität zum großen Teil Rosamunde Pilcher zu verdanken", sagt Julia Hughes von der Tourismusplattform "Visit Cornwall". Auch das ZDF hat daran einen Anteil. Kamerafahrten über breite Strände und raue Klippen, Weinberge und herausgeputzte Herrenhäuser machen äußerst erfolgreich Werbung für die Region.
Pilcher-Touren führen zu den Schauplätzen der zwar manchmal von Dramen gebeutelten, aber letztlich heilen Welt, die sie in ihren Geschichten entwirft: voller großherziger Menschen, die reiten und Sport- oder Geländewagen fahren. Sex und Gewalt gibt es hier nicht. Den wenigen Bösewichten ist ihre Hinterhältigkeit schon von weitem anzusehen. Pilcher bietet eine Pause vom echten Leben und seinen Überforderungen - egal, was Literatur- und Filmkritiker davon halten.